Twitter-Lob Kleines Fenster zur großen Welt

Sie sind nicht auf Twitter? Dann wird's aber Zeit. Denn die Plattform ist keine sinnlose Quasselbude. Eine Verteidigung in 14.124 Zeichen.

Von Alex Rühle

Jetzt, so kurz nach der Wahl, wäre doch ein guter Moment, um mal wieder so richtig aufs Internet einzudreschen. Schließlich sind da drinnen all diese Nichtwähler und Nihilisten unterwegs, verantwortungsloses Gesindel. Das ist kein Wunder, denn man wird dumm im Netz, siehe Twitter, dieser digitale Schredder. Stand so in der FAZ, am Tag nach der Wahl. Und sogar die Piraten sagen jetzt, dass sie im Netz auf dem Holzweg waren, weil: Wähler findet man da ja doch nicht.

Auf die Piraten könnten wir gleich auch noch draufhauen, diese digitalen Klapskallis. Erinnert sich überhaupt noch jemand an die? Das war diese Partei, die ein paar Jahre lang als Politkindergarten galt, um dann, 2011, plötzlich das Berliner Abgeordnetenhaus zu stürmen. Mit einem Mal merkten die übrigen Parteien, dass das Internet wohl doch mehr zu sein scheint als bisschen Youtube und Paradies für Raubkopierer. Einige Politiker der Volksparteien legten sich einen Twitteraccount zu, was bedeutete, dass sie ungelenke Mitteilungen ins digitale Dunkel schickten, aus dem Gelächter zurückschallte. Die Piraten waren hip und Zeitgeist, twitterten aus Politshows, sagten, sie wüssten auch nicht, wie man's macht, aber so wie jetzt sei's ja wohl doof, und enterten vier Länderparlamente. Die Frage war damals nur, ob sie nun zehn oder 20 Prozent bekommen.

Tja. Zwei Prozent.

Ein so grausames Desaster, dass es am Wahlabend im Fernsehen kaum jemand mitbekam. Die Piraten verschwanden im grauen Balken der "Anderen", und warum sollte man von der Wahlparty einer Splitterpartei übertragen?

Das Netz aber trug an diesem Abend Trauer. Der Geisteswissenschaftler und Blogger Michael Seemann resümierte resigniert: "Unsere Diskurse, unsere Belange kamen bei dieser Wahl nicht vor, nicht im Geringsten. Vermutlich hatte der Deutsche Ruderverein einen größeren Impact auf die Wahl als die Netzgemeinde." Der Pirat Christopher Lauer postete eine Art Grundsatzpapier zur Neuausrichtung seiner Partei. Immer wieder kam dabei ein Punkt zur Sprache, den man in einer Frage zusammenfassen kann: Wir waren so laut auf Twitter, warum hat uns draußen keiner gehört? In seinen Worten: "Klar ist Twitter nett, klar sind soziale Medien nett. Aber sie sind nicht die Welt. Es geht so viel Kraft, Zeit, Motivation, Energie drauf, auf Twitter oder sonstwo im Netz gegen Windmühlen zu kämpfen, lasst uns lieber was Echtes machen, was man anderen zeigen kann und was auch außerhalb unserer Social-Media-Filterblase wahrgenommen wird."

Twitter auf der einen Seite, "was Echtes" und "die Welt" auf der anderen, das ist harter Tobak aus dem Munde eines Politikers der Partei, die bisher so klang, als würde sie am liebsten mit Kind und Kegel ins Internet migrieren. Und es ist Wasser auf die Mühlen all jener, die noch immer denken, Twitter und die sozialen Medien seien nur eine Schwatzbude für Narzissten mit ADHS. Ein in seinem grellen Schwarz-Weiß geradezu bizarres, aber ganz typisches Bild zeichnete die FAZ in dem schon erwähnten Text nach der Wahl. Der Medienredakteur Michael Hanfeld hatte am Sonntagabend wohl bei Twitter reingeschaut und wendete sich nun angewidert ab: nur Randalierer, "die Motzkis dieser Republik", die im Netz in ihrer Filterblase leben und sich so immer weiter von der Wirklichkeit entfernen: "Wir haben es seit Monaten mit einer Online-Ökologie zu tun, die mit den wahren Stimmungen in diesem Land auch nicht ansatzweise übereinstimmt. In den Netzwerken schweigen die Wähler." Hier die apolitischen Digitaldeppen und radikalisierten Randgruppenexistenzen, dort aktive Bürger und verantwortungsbewusste Wähler: "Zum Glück leben wir nicht in einer Klick-Demokratie, in der sich eine laut mosernde Peergroup an die Macht schwätzt. Eine oft genug nichts als peinliche Minderheit bläst sich auf, die Mehrheit aber schweigt und - wählt."

Nun passt das zwar wunderbar zur allseits gern ventilierten These von der sogenannten Filter Bubble, aber es ist doch, gerade was Twitter angeht, derart scharf überzeichnet, dass es sich lohnt, hier innezuhalten. Lassen wir also die Piraten in ihrem Elend vorerst alleine und gucken tatsächlich mal bei Twitter rein.