Die Twitter-Nachrichten einer US-Soldatin während des Massakers in Fort Hood haben eine Debatte ausgelöst: Wann sollten Augenzeugen schweigen?
Die Twitter-Nutzerin "Soldier Girl" ist nicht dabei, als der Militärpsychiater Nidal Malik Hasan im Armeestützpunkt Fort Hood das Feuer eröffnet, 13 Soldaten erschießt und zahlreiche weitere Menschen schwer verletzt. Doch die Soldatin ist im Militärkrankenhaus des Lagers und sieht, wie die Verwundeten hereingebracht werden. Und sie schickt ihre Eindrücke per iPhone in die Welt, über den Mikrobloggingdienst Twitter.
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Ein US-Soldat mit seiner Frau nach der Schreckenstat von Fort Hood (© Foto: AP)
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"Sie haben gerade einen Wagen mit Boxen mit Transplantier-Teilen drin gebracht. Nicht gut, nicht gut." schreibt sie, oder "Acht Tote am Tatort, drei im Krankenhaus, zwei absolut kritisch und der Rest bis auf drei kritisch. Wir haben gerade ein Mädchen gesehen, dem ins Gesicht geschossen wurde."
Sie knipst im Krankenhaus auch Bilder und lädt sie hoch, ein Foto von einem verletzten Soldaten auf einer Krankentrage kommentiert sie so: "Dem armen Typen haben sie in die Eier geschossen."
Das "Soldier Girl" meldet in ihrer Aufregung sogar einen zweiten Schützen, der sich noch auf dem Gelände befinden soll - eine Fehlinformation. Nach einer Stunde wird es dann still, vermutlich haben die Vertreter der US-Armee, die eine Nachrichtensperre verhängt hatten, das Twitter-Leck entdeckt.
Ist "Soldier Girl" eine Heldin des Bürgerjournalismus oder eine sensationslüsterne Frau, die ihre 15 Minuten Ruhm genießt? Oder doch einfach nur eine Augenzeugin, die mit den Mitteln der modernen Technik ihre Eindrücke schildert? Fest steht: Die US-Soldatin hat mit ihrem Handeln eine Diskussion über die Ethik der Nutzer von sozialen Medien ausgelöst.
Kein Bewusstsein, keine soziale Evolution
Paul Carr, Autor des US-Technologieblogs Techcrunch, ließ bereits einen Tag nach den Ereignissen seiner Wut freien Lauf. "Es ging ihr nicht darum, andere zu schützen", schreibt er. Die Aktion sei ein einfacher Fall von "seht her, das sehe ich gerade".
Er weist darauf hin, dass Blogger und Medien die Berichte der Frau sofort übernahmen und sie dies sogar noch förderte, indem sie Freunde per Twitter bat, ihre Telefonnummer an die Medien weiterzugeben: So könne sie über die Lage vor Ort berichten, damit die ständigen Mutmaßungen endlich aufhörten. Doch die Frau, die durch das Ereignis zur Bürgerjournalistin wurde, hatte selbst keinen Überblick und schickte Falschmeldungen in die Welt.
Carr ist deshalb der Meinung, der Bürgerjournalismus habe einmal mehr seine Unfähigkeit gezeigt: Die Menschen hätten noch kein Bewusstsein dafür entwickelt, was richtig und falsch sei, wann etwas in das Internet gehörte und wann sie helfen müssten, anstatt über Vorkommnisse zu berichten oder Verletzte mit der Handykamera aufzunehmen. "Die Antwort hierauf heißt nicht Zensur", so sein Fazit, "sondern, dass unsere soziale Evolution den Stand der Technologie einholen muss."
Carrs Text wird inzwischen in verschiedenen Blogs und unter Twitter-Nutzern heftig debattiert. "Handelst Du kriminell fahrlässig, wenn Du mich blutend in der Straße fotografierst, anstatt einen Druckverband anzulegen?", fragt der Social-Media-Blogger Antony Mayfield, der aber auch darauf hinweist, dass Augenzeugenmaterial für die Verfolgung von Straftaten wichtig sein kann: "Wie ist es, wenn Du mich fotografierst, während ich verprügelt werde, anstatt dass Du eingreifst? Das könnte mir helfen."
Menschenrechtsverletzungen aufgedeckt
Andere Kommentatoren wie die Journalisten Matthew Ingram und David Quigg widersprechen Carr ausdrücklich: Menschenrechtsverletzungen wie das brutale Vorgehen kalifornischer Polizisten gegen den schwarzen US-Bürger Rodney King im Jahre 1991 wären ohne ein Augenzeugenvideo niemals aufgedeckt worden, schreibt Quigg; die in den Momenten ihres Todes gefilmte iranische Studentin Neda Agha-Soltan wäre auch gestorben, hätte der Hobbykameramann dem anwesenden Arzt bei den Erste-Hilfe-Maßnahmen assistiert. Die Unterdrückung der regierungskritischen Proteste hätten dann aber niemals ein solches Echo gefunden.
Die Medienberaterin Kathryn Corrick sieht solche Argumente kritisch. Ihre Forderung: eine "Ethik der sozialen Berichterstattung in Echtzeit", klare Regeln also, wann der Einsatz von Mikroblogging-Diensten wie Twitter tabu ist.
Sie schreibt: "Diese Probleme sind nicht neu. Tratsch und Nachrichten haben sich immer schnell herumgesprochen. Der Unterschied liegt in der Reichweite, der Schnelligkeit und in den breiteren und tieferen Auswirkungen."
Zumindest "Soldier Girl" hat die Konsequenzen aus der durch sie ausgelösten Diskussion gezogen: Ihre Twitter-Updates sind inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglich, die Krankenhaus-Fotos wurden entfernt.
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(sueddeutsche.de/joku/holz)
Christopher Lee zum 90.
Das Problem ist nicht in erster Linie die verkürzte Zeitspanne!
Sondern die einfache und beliebige, unbemerkte und UNVERHINDERBARE Weiterverbreitungsmöglichkeit. Ein Klick und ich habe mir ein fieses Foto das Online war gespeichert.
Die Menschen werden sicher nicht instinktiv richtig handeln. Es schadet den Veröffentlichern nicht. Das schlimmste was Ihnen im Augenblick passiert ist, dass sie rechtlich aufgefordert werden könnten es zu löschen. Das hilft ihren Opfern nicht.
""echte Emotion" in eine Richtung gehen, die nicht dazu führt, dass andere Menschen verletzt und medial bloßgestellt werden."
Das ethische Problem ergibt sich aus den bisherigen Medien. Klar, wieso sollte ein Journalist ein Bild von einem verbrennenden Menschen veröffentlichen dürfen und ich als Privatperson nicht? Gibt es da überhaupt einen Unterschied?
Liebe Nutzer,
danke für die Rückmeldung und ein paar kurze Gedanken dazu von mir:
@Nasenmann: Ich gebe Ihnen insofern recht, als ein Medium immer nur so ethisch ist wie die Menschen, die es nutzen. Gleichzeitig finde ich den Gedanken von @crazyclown spannend: Denn Kameras gibt es schon länger, seit einiger Zeit kann man Bilder unkompliziert veröffentlichen, seit relativ kurzer Zeit auch direkt und ohne den PC als Zwischenmedium. Nun stellt sich die Frage, wie wir mit der verkürzten Zeitspanne umgehen. Brauchen wir eine Debatte darüber, was wir moralisch an Uploads verkraften können, verlassen wir uns darauf, dass die Menschen instinktiv richtig handeln oder lassen wir die Angelegenheit einfach laufen.
Ich denke, die Debatte ist der richtige Weg, weil sie uns auch immer wieder dazu bringt, unsere Maßstäbe zu überprüfen. Nur dann kann meiner Meinung nach die von @Winterwoods beschriebene "echte Emotion" in eine Richtung gehen, die nicht dazu führt, dass andere Menschen verletzt und medial bloßgestellt werden.
Insofern haben wir inzwischen alle das Problem, mit dem Medien tagtäglich konfrontiert sind, wenn sie Schrecksszenen bebildern.
Viele Grüße,
Johannes Kuhn, sueddeutsche.de
Vorzensur ist bei Medien indiskutable, auch wenn es um emotionale Themen geht, die besonders gerne hierfür zur Rechtfertigung herangezogen werden.
Allerdings: das Nichtvorhandensein einer Zensur (=Freiheit) fordert auf der anderen Seite Verantwortung ein.
Zwar kann jeder mit einem Handy heute Dinge veröffentlichen, aber er ist dann auch, wenn er die selben Freiheiten wie die Presse einfordert, an die selben Auflagen gebunden.
Es gibt keine Instanz, die eine Zeitung kontrolliert, bevor sie veröffentlicht wird (Zensur), aber der Redakteur bekommt sehr wohl die Folgen zu spüren, wenn er wissentlich die Persönlichkeitsrechte von Menschen verletzt (Verantwortung).
das sittliche Verständnis, eines der großen Teilgebiete der Philosophie und befasst sich mit Moral, insbesondere hinsichtlich ihrer Begründbarkeit. (wiki)
Ethik ist kein Problem der "neuen" Medien bzw. des Internets oder auch speziell Twitter. Ich denke, das Problem der Ethik in der Berichterstattung existiert seit es Kameras gibt.
Wenn Al-Jazeera die folgen eines Bombanschlags zeigt sieht man schreiende schwerverletzte Menschen.
Wenn ARD/ZDF den gleichen Anschlag zeigen sieht man etwas Rauch und Krankenwagen und vielleicht noch eine Blutlache.
Was ist jetzt besser?
Verharmlosen ARD/ZDF den Anschlag indem sie die wahren Folgen verschweigen, oder stumpft Al-Jazeera die Menschen mit solchen Bildern (die eigentlich keiner sehen will) ab?
Also wie gesagt eigentlich ein altes Problem nur mit neuem Medium.
Es muss ENDLICH an sich eine Straftat werden Fotos von deutlich erkennbaren Personen über Internet/Twitter/ Facebook etc. UNERLAUBT zu verbreiten.
Hier geht es um Personen- und Opferschutz und unser Recht versagt in diesen Bereichen eklatant.
Was hilft es mir wenn Fotos, (blutend, sterbend, nackt...) nachdem sie schon von x anderen Personen gespeichert und weiterverbreitet wurden im Ausgangort gelöscht werden? NICHTS!
Zensur ist in diesen Medien nicht möglich. Und von sich aus werden es die Menschen nie begreifen, das Einstellen schadet ihnen nicht.
Die Tat an sich, das unerlaubte Einstellen, muss geahndet werden.
Ansonsten gibt es eben eine freie Jagdsaison...
Paging