Trennung Umgang mit Datenmüll: Bunkern für die Ewigkeit

Der computerisierte Mensch schleppt immer mehr Daten mit sich herum. Dabei wäre es besser, sich von manchen Dingen zu trennen.

Von SZ-Autoren

Die Drohung schwebt über allen, die Daten auf Computern oder ähnlichen Geräten speichern: Jede Festplatte geht kaputt, die Frage ist nur, wann. Und das Dumme daran ist: Es stimmt. Leider. Wenn plötzlich alle Familienfotos weg sind, untergegangen im schrecklich-schrillen Kreischen einer sterbenden Festplatte, kommt das einer Katastrophe nahe.

Doch ist wirklich alles so wichtig, so unverzichtbar, was viele von Computer zu Computer spielen, zu Speicherdiensten, auf externe Festplatten?

Ist es nicht.

Dass die Datenmenge, die die computerisierte Menschheit speichert, dramatisch steigt, liegt nicht nur, aber auch daran, dass viele alte Daten durchgeschleppt werden. Da ist die Sicherung des Smartphones, die Daten des alten PCs, der nach Jahren auf den Wertstoffhof wanderte. Da sind die Ordner mit den Studienarbeiten. Könnte ja sein, dass man davon mal wieder was braucht. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür ist etwa so groß wie die, dass irgendwann genau das Kabel nützlich ist, das vom alten Fernseher aufgehoben wurde.

Two heavy doors protect a tunnel inside a former Swiss mlitary command bunker near Attinghausen Two heavy doors protect a tunnel inside a former Swiss mlitary command bunker near Attinghausen, Switzerland September 2, 2015. Deltalis data centre offers high security storage of data in server rooms inside of the former command bunker, which was built in 1948. Picture taken on September 2, 2015. REUTERS/Arnd Wiegmann - RTX21J3M

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Wer macht sich die Mühe, 1859 Word-Dateien durchzugucken?

Auf eine Festplatte von der Größe einer Geldbörse passen Daten ganzer Bibliotheken. Wer aber macht sich schon die Mühe, 7342 Handy-Fotos durchzugucken? Oder 1859 Word-Dateien? Nein, man speichert einfach alle. Aber wer soll sie sich noch einmal ansehen und wann?

Zu Zeiten der analogen Fotografie setzte der Preis pro Abzug eine natürliche Grenze, und in Alben geklebt wurden nicht alle Bilder, sondern nur die besten. Ein solches Album nahm man gerne zur Hand. Und heute? Facebook? Flickr? Instagram? Oder doch ausbelichten lassen?

1 000 000 000 000 000 000 Bytes

hat die Menschheit bereits gespeichert. Und die Menge an Daten wächst und wächst.

Die triste Wirklichkeit sind meist Ordnerwüsten auf digitalen Speichermedien. Und diesen Wust schiebt man ständig vor sich her. Alles ist zwar da, doch Zeit und vor allem Lust, sich den ungeordneten Kram anzusehen? Haben nur wenige. Zu den wenig gewürdigten Fähigkeiten des Gehirns gehört es, Dinge zu vergessen. Am wenigsten Gefahr, digitale Müllberge anzusammeln, läuft daher der, der schon an der Quelle. Um das, was bleibt, sollte man sich aber umso besser kümmern.

Müllberge wachsen nicht bloß auf Festplatten. Auch das, was der Computer ablöste, erscheint uns unersetzlich und Datenträger sowieso. Wovon wir uns nicht trennen können - eine kleine Auswahl:

Carina bleibt

Sie ist damals mit ihm eingezogen, ungefragt und ohne Worte. Irgendwann ist sie in ihrem schwarzen Hartschalenkoffer hochkant im Schlafzimmerschrank verschwunden. Sie heißt Carina und ist eine Typenhebelschreibmaschine. Auf der Dauerleertaste steht das Wort Automatic. Es liest sich wie ein Witz aus dem Jahrtausend vor Apples Geburt, als Worte und Sätze sich nicht so einfach versetzen oder löschen ließen. Es sei denn mit Tipp-Ex. Ein wenig davon klebt noch am Klarsicht-Zeilenrichter der Maschine. Carina ist eine "kleine mechanische Schreibmaschine mit großem Komfort" - so warb der Hersteller Olympia in den Siebziger- und Achtzigerjahren dafür. Schreibmaschinen hießen damals Carina. Autos von Toyota auch, und Frauen sowieso. In den Ohren klang noch der Schlager von Roy Black: Das Mädchen Carina. Olympia aus Roffhausen bei Wilhelmshaven gibt es schon lange nicht mehr. Carina ist geblieben. Sie ist eine Ausfallbürgschaft für den Fall der digitalen Apokalypse. Man kann dann bei Kerzenlicht noch schnell einen Abschiedsbrief tippen. Er wird sich niemals von Carina trennen.