IT für ältere Menschen Wie Technologie Senioren zu mehr Freiheit verhelfen soll

Technik als Handreichung: Sie soll Senioren mehr Freiheit und Sicherheit geben und dabei helfen, das Stigma abzubauen, das mit dem Alter verbunden ist.

  • Technische Geräte speziell für Senioren sind ein Wachstumsmarkt - auch weil der Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung steigt.
  • Untersuchungen zeigen, dass die meisten Menschen solange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben. Darauf ist Deutschland nach Ansicht von Experten schlecht vorbereitet.
  • Technologie kann nicht nur dabei helfen, das Wohl des Patienten zu sichern, sondern auch die Kosten im Gesundheitssystem einer alternden Gesellschaft einzudämmen.
Von Elisabeth Dostert

Albina B. ist 75 und hat sich an ihn gewöhnt. Im Alltag fällt der flache weiße Kasten von der Größe eines Taschenbuchs auf ihrer Kommode auch gar nicht auf. Nicht so sehr wie die vielen Familienfotos - die ihren Mann zeigen, die Kinder, die Enkel und die Urenkel. Fotos von Hochzeiten, Geburtstagen und fröhlichen Kindern, richtig auf Papier und eingerahmt. Albina B. ist froh, dass sie den Kasten hat. "Er gibt mir Sicherheit."

Das Ding auf der Kommode stört nicht, die kleine weiße Kunststoffbox, die am Fenster klebt, auch nicht. Im Bad hängt noch so ein Ding. "Wir haben ihr nur sagen müssen, dass sie beim Staubsaugen den Stecker nicht zieht", sagt David Martin, 26, ihr Enkel. Ohne Strom funktioniert das Monitoring-System nicht.

Die Kästen sind Empfänger und Bewegungssensoren. Sie registrieren, ob und wie sich die alte Frau bewegt und vor allem: ob sie sich nicht bewegt. Dann sendet das System eine Nachricht auf das Smartphone ihrer Tochter Annette Martin, 52. "Neulich hat meine Mutter mal gut geschlafen, sechs Stunden", erzählt sie: "Normalerweise schläft sie vier Stunden." Wie lange für gewöhnlich die Nachtruhe dauert, lässt sich im System einstellen. Albina B., ihren Nachnamen will sie nicht in der Zeitung lesen, besitzt auch einen Notruf für das Handgelenk. Das Armband liegt auf der Kommode, als der Besuch kommt. "Manchmal trage ich es schon", sagt sie: "Wenn ich mich nicht wohlfühle."

IT-Produkte für Senioren sind ein Wachstumsmarkt

Albina B. ist gut bewacht. Ihre Familie würde das so niemals sagen. Es klingt nach Kontrolle. Sie wollen sie doch nur beschützen. "So viel Freiheit wie möglich, so viel Schutz wie nötig", lautet die Devise ihrer Tochter Annette. Deshalb nimmt das System nur Bewegungen und keine Bilder auf, es gibt keine Überwachungskamera. Das würde ihre Mutter auch nicht wollen. Seit dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren lebt sie allein. Er war lange pflegebedürftig. Deshalb haben sie auch den Treppenlift angeschafft, um in die Wohnung im ersten Stock über den Garagen zu gelangen. Manchmal nutzt Albina B. jetzt auch den Lift, wenn sie rausgeht, um ihre Hühner zu füttern, oder ins Dorf. Mehr braucht oder besser gesagt: will sie noch nicht, um sich das Leben zu Hause leichter zu machen.

Sie hat Glück, ihre Kinder wohnen im Umkreis von 30 Kilometern, und sie kümmern sich. Albina B. hat auch ein Auto, einen Smart. "Den haben wir damals gekauft, weil mein Mann da leichter ein- und aussteigen konnte." Längere Strecken fährt die 77-Jährige nicht mehr so gerne.

"Deutschland ist schlecht vorbereitet"

Produkte für Senioren, das ist ein Wachstumsmarkt. 1950 war erst jeder zehnte Einwohner mindestens 65 Jahre alt, heute ist es schon jeder Fünfte und bis 2050 könnte es etwa jeder Dritte sein, hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung berechnet. Der Anteil der Hochaltrigen, das sind Menschen, die älter als 80 sind, habe sich im Vergleich zu 1950 auf heute fünf Prozent verfünffacht und werde sich bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich noch einmal verdreifachen. Jeder siebte Deutsche wäre dann 80 Jahre oder älter. Frauen stellen nach Angaben des Instituts dabei die Mehrheit.

"Deutschland ist darauf schlecht vorbereitet", sagt Ursula Lehr, 84, Vorsitzende des Vorstands der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso). Wie Untersuchungen zeigen, wollen die meisten Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben. "Die wenigsten sind dafür eingerichtet, weil ihre Wohnungen und Häuser aus Zeiten stammen, in denen Architekten die Generationentauglichkeit wenig kümmerte."

Das hat sich geändert, nicht nur bei den Bauherren. Institutionen wie die Deutsche Gesellschaft für Gerontotechnik (www.gerontotechnik.de) oder das Berliner Institut für Sozialforschung (www.bis-berlin.de), Firmen wie der britische Konzern Tunstall oder der fränkische Mittelständler Martin Elektrotechnik, den Albina B.s Tochter Annette und ihr Mann Dieter gegründet haben, suchen nach Lösungen. Seit dem Wintersemester 2013/2014 bietet die Hochschule für Technik und Gestaltung in Berlin den Masterstudiengang Ambient Assisted Living (AAL) an. Der Begriff beschreibt Systeme, Produkte und Dienstleistungen für ein selbstbestimmtes Leben. Es geht um Technik, die sich an den Bedürfnissen des Menschen orientiert. Im April findet in Frankfurt schon der 8. AAL-Kongress statt.