Tech-Startup "Reservation Hop" Die dreisteste Geschäftsidee des Silicon Valley

Fischrestaurant in San Francisco (Archivbild): Zahlen für die Reservierung?

(Foto: AFP)

Ein Startup hortet Reservierungen für San Franciscos Nobelrestaurants, um sie im Netz zu verhökern. Das ist selbst nach den Maßstäben des Silicon Valley unverschämt - und zeigt das Problem der Tech-Branche.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Neulich hatte Brian Mayer die Idee für ein neues Startup, jetzt ist er der meistgehasste Mann San Franciscos. Zumindest für diese Woche. Doch von vorne, denn die Geschichte beginnt an einem der vielen Imbisswagen der Stadt.

Mayer wartet gerade auf seinen Burrito. Und wartet. Eine halbe Stunde lang. Und dabei kommt ihm eine seiner Ideen, die er schon häufiger zu Startups mit recht überschaubarer Erfolgsbilanz machte. "Es muss einen Markt für die Menschen geben, die in den besten Restaurants der Stadt auf einen Tisch warten." So beschreibt er seine Überlegung später in einem Blogeintrag.

Wo keine Märkte sind, werden Märkte geschaffen. So funktioniert der Kapitalismus, und das muss zunächst einmal nichts Schlechtes sein. Doch was Mayer dann programmiert, ist nicht nur clever, sondern auch dreist. "Reservation Hop" heißt der Dienst, und er funktioniert so: Mayer reserviert unter falschem Namen möglichst viele Tische in San Franciscos Nobelrestaurants (ob mit verstellter Stimme am Telefon oder einem Script, das über Open Table läuft, ist nicht bekannt).

Fünf Dollar pro Tisch - ein guter Deal?

Mayer also hat die Tische, und die bietet er nun an. Für fünf bis zehn Dollar, den falschen Reservierungsnamen erhalten seine Kunden kurz vor ihrem Restaurantbesuch. Ein guter Deal für Mayer, er trägt kein Risiko und partizipiert am Geschäft der Gastronomen. Er schafft ein Angebot, wo es Nachfrage gibt. "Ist es wirklich unethisch, wenn jemand dafür bezahlen möchte?", wird er später fragen.

Später, das ist, nachdem diverse Techblogs über seinen Dienst berichtet haben und der Shitstorm ihm schon mit hoher Windstärke ins Gesicht bläst. Hier noch einige der freundlicheren Tweets:

Die Abscheu der San Franciscans und der Tech-Meinungsführer ist ziemlich einhellig, was durchaus ungewöhnlich ist. Unternehmen wie Uber, Lyft und Airbnb erhalten in der Tech-Community häufig Respekt dafür, dass sie auf dem Weg zur Marktherrschaft erst einmal Vorschriften ignorieren. Doch Mayer überschreitet selbst im Silicon Valley die rote Linie, die zwischen Disruption und dem liegt, was gerade unter dem Namen "#JerkTech", also "Blödmann-Technologie", die Runde macht.

Auch die App "Monkey Parking" (und der ähnliche Dienst Sweetch) gehört zu dieser Gattung, sie hatte vor einigen Wochen für Aufregung in der Stadt gesorgt. Mit ihrer Hilfe konnten Parkende in San Francisco ihren Stellplatz versteigern.

Wer gerade ausparkt, wartet einfach darauf, dass ein Parkplatz-Sucher in der Nähe ihm per Smartphone Geld für das Freihalten bietet, Monkey Parking erhält eine Provision. Die Stadtverwaltung hat den Dienst inzwischen per Unterlassungserklärung gestoppt.

Nun sind Zwischenhändler kein neues Phänomen, Online-Zweitmärkte für Eintrittskarten beispielsweise funktionieren ähnlich. Die Reservierung eines Tischs oder das Finden eines freien Parkplatzes im öffentlichen Raum waren bislang allerdings in der Regel kostenlos. Die neuen Dienste kommerzialisieren diese Alltagshandlungen und machen sie damit nur noch für zahlungskräftige Kunden erschwinglich, vermarkten etwas, was weder ihnen noch ihren Kunden gehört. Nutzen für die Allgemeinheit? Keiner.

Nun hilft es nicht, dass Entrepreneur Mayer das Ganze im Nachhinein als Experiment bezeichnet und sich überlegt, auf die Restaurantbesitzer zuzugehen (bis dahin aber herzlich dazu einlädt, Tische zu buchen). Oder die Aussage, dass er sich eigentlich "keine Gedanken" um ethische Fragen gemacht habe.

In einer Zeit, in der junge, weiße Männer den Ruf des Silicon Valley mit Rücksichtslosigkeit (von Blödmann-Diensten bis hin zum Sexismus der sogenannten Brogrammer) beschädigen, wirkt er wie der fleischgewordene Grund dafür, warum selbst fortschrittsfreundliche Menschen die Tech-Szene außer Kontrolle geraten sehen.

Vielleicht sei es das viele umherschwirrende Risikokapital, vermutet der langjährige Tech-Beobachter Mathew Ingram auf Gigaom, aber es sei zunehmend schwieriger, einige Startup-Ideen von bitterbösen Parodien zu unterscheiden. Immerhin: Dass eine Idee wie "Reservation Hop" kollektive Abscheu hervorrufe, "könnte ein Signal sein, dass es noch Hoffnung gibt."