Studentenprojekt Diaspora Vier gegen Facebook

Ein soziales Netzwerk, das den Nutzern die Kontrolle über ihre Daten gibt: Vier Studenten wollen es mit dem US-Platzhirsch Facebook aufnehmen - und werden dafür im Netz mit Geld überschüttet.

Von Johannes Kuhn

Wenn Aufmerksamkeit die Währung des Internets ist, verdienen vier New Yorker Studenten gerade ein Vermögen: Weil das US-Netzwerk Facebook derzeit wegen seiner undurchsichtigen Datenschutzpolitik heftige Kritik einstecken muss, erwächst in den USA der Wunsch nach einer Alternative. Eine Alternative, die Daniel Grippi, Maxwell Salzberg, Raphael Sofaer und Ilya Zhitomirskiy bieten möchten.

Vier Studenten von der New York University wollen Facebook ärgern.

(Foto: Screenshot: Vimeo.com)

"Diaspora" heißt das Projekt der Informatikstudenten des Courant-Instituts der New York University, und obwohl noch keine Zeile Code geschrieben ist, wird der Facebook-Alternative von Beobachtern durchaus Potential eingeräumt.

Das liegt nicht nur an der massiven Berichterstattung in Blogs und traditionellen Medien: Seit die Macher das Konzept ihres Projekts Mitte April auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter veröffentlicht haben, konnten sie bereits mehr als 175.000 Dollar für die Anschubfinanzierung einsammeln - eigentlich hatten sie nur mit 10.000 Dollar gerechnet. "Wir sind geschockt", gab Mitgründer Daniel Grippi der New York Times zu Protokoll, "aus irgendeinem seltsamen Grund sehen alle diese Privatsphären-Sache ähnlich."

Kommunikation über P2P

Die vier Stundenten, von denen keiner über 21 ist, wollen Diaspora im Sommer programmieren, um im Herbst online gehen zu können. Der Dienst soll als eine Art dezentrales Facebook fungieren: Statt seine Daten einem zentralen Netzwerk zu übergeben, soll jeder Nutzer in Besitz seiner persönlichen Informationen bleiben, über ein Peer-to-Peer-Netzwerk - also per direkt verbundenen Computern - direkt mit Freunden kommunizieren und die Freigabe für andere individuell regeln können.

Damit gäbe es, anders als bei herkömmlichen sozialen Netzwerken, keine zentrale Instanz, die Daten sammeln und vermarkten kann. Diese Idee ist nicht neu, konnte sich jedoch bislang nicht durchsetzen. Die Diaspora-Macher erklärten deshalb auf ihrem Blog, sich mit den Verantwortlichen ähnlicher Projekte zusammenzusetzen, um diese über gemeinsame Standards einbinden zu können.

Der Diaspora-Code soll auf Open-Source-Standards basieren und kann somit von Entwicklern genutzt werden; für die Anbindung an andere Dienste wird es eine offene Schnittstelle geben. Besonderer Wert soll bei der Entwicklung auf die Verschlüsselung der Daten gelegt werden.

Allerdings sind nicht alle Beobachter vom Erfolg des Projekts überzeugt - immerhin müsste ein Teil der mehr als 400 Millionen Facebook-Nutzer dafür ihre Hauptaktivität in die Diaspora verlegen. Technikexperten würden das Prinzip begreifen, merkt Sarah Perez vom Technologie-Blog ReadWriteWeb an, "doch für den 08/15-Facebook-Nutzer, der immer noch verzweifelt versucht, einen Link oder Video auf seiner Pinnwand zu posten, dürfte es schwieriger zu verstehen sein. Distribuiert, dezentralisiert, Open-Source-was?"

Aussteigerbewegung im Netz

Viel dürfte davon abhängen, wie Facebook in den kommenden Monaten agiert: Während sich eine Bewegung gebildet hat, die den 31. Mai zum "Verlasse-Facebook-Tag" erklären will, hat Facebook angekündigt, die Optionen zum Schutz der Privatsphäre zu vereinfachen. Derzeit gibt es 170 Einstellungsmöglichkeiten für den Schutz der eigenen Daten.

Die New York Times hatte festgestellt, dass Facebooks Allgemeine Geschäftsbedingungen mit 5830 Wörtern inzwischen länger als die Verfassung der Vereinigten Staaten sind. Die große Facebook-Emigrationswelle ist nach Berechnungen des Magazins Fortune aber offenbar ausgeblieben: Seit Mitte April haben sich zehn Millionen neue User angemeldet.

Den Diaspora-Machern dürften solche Zahlenspiele vorerst egal sein: Die meisten Interviews lehnen die vier Studenten derzeit ab - sie müssen nach eigenen Angaben erst einmal für ihre anstehenden Uni-Prüfungen lernen.

Privat trotz Facebook

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