Streit um Streaming Youtube will Indie-Musikvideos sperren

Findet sich auf Youtube bald keine Musik mehr von Künstlern wie Adele, The XX oder Radiohead? Mutterkonzern Google will Titel von Indie-Bands schon "in wenigen Tagen" blockieren, wenn deren Plattenfirmen nicht Teil des neuen Streaming-Angebots werden.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Im Hintergrund tobte der Kampf schon seit Monaten, nun verlagert er sich auf die öffentliche Bühne: Youtube hat angekündigt, Videos von Musikern auf Indie-Labels auf seiner Plattform zu sperren, wenn diese nicht Teil ihres Streaming-Angebots werden.

Dies werde bereits in den "kommenden Tagen" geschehen, erklärte Robert Kyncl, der in der Mutterfirma Google für den Videodienst zuständig ist, der Financial Times. Der Internet-Konzern will in der zweiten Jahreshälfte über Youtube einen Streaming-Dienst anbieten, um Unternehmen wie Spotify und Pandora, aber auch anderen IT-Giganten wie Apple (Beats) und Amazon (Streaming für Prime-Kunden) Konkurrenz zu machen.

Künftig sollen Nutzer im mutmaßlich "Youtube Music Pass" genannten Angebot für eine geringe Monatsgebühr Songs und Musik-Alben streamen und auch offline anhören können. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen dafür mit den drei Musikkonzernen Universal Music Group, Sony Music Entertainment und Warner Music Partnerschaften geschlossen - aber offenbar nicht mit allen unabhängigen Indie-Labels. Damit könnte Nutzern bald der Zugriff auf Musikvideos von Künstlern wie The XX, Adele, Radiohead oder The National verwehrt werden.

"Die Künstler sind stinksauer"

In den vergangenen Monaten hatte Youtube Berichten zufolge Lizenzverträge für den neuen Streaming-Dienst verschickt und angekündigt, bei Nicht-Unterzeichnung Videos von Künstlern der Firmen nicht mehr auf Youtube zu zeigen. Gleichzeitig waren Verhandlungen mit der internationalen Rechteagentur Merlin gescheitert, die nach eigenen Angaben 120.000 unabhängige Plattenfirmen vertritt.

Nun ist der Ärger groß, es ist von Erpressung die Rede: "Die Künstler sind stinksauer, genau wie wir", sagte Rich Bengloff, Präsident der Kleinlabel-Vereinigung American Association for Independent Music (A2IM), im Gespräch mit Süddeutsche.de. Youtube habe zunächst mit den großen Labels Verträge verhandelt und dann den kleineren Firmen deutlich schlechtere Konditionen angeboten. Bereits länger klagen unabhängige Anbieter, dass Youtube für Musikvideos im Vergleich zu Streaming-Diensten wie Spotify deutlich weniger pro Aufruf eines Songs zahle.

Nicht wenige erinnert der Konflikt an die aktuelle Kontroverse um Amazon, das derzeit mit längeren Lieferzeiten höhere Preisnachlässen von einigen Verlagen erzwingen möchte. Google-Mann Kyncl betonte allerdings, das Unternehmen zahle marktübliche Preise. Ein Pressesprecher erklärte zudem, "Hunderte von großen und Independent-Labels" seien bereits mit an Bord. Insgesamt sollen zum anstehenden Marktstart 90 Prozent der Branche abgedeckt sein - eine Darstellung, die von Seiten der Indie-Verbände wiederum bestritten wird.

Nutzt Google die Youtube-Marktmacht aus?

A2IM-Mann Bengloff hat bereits vor einigen Tagen in einem offenen Brief die US-Handelskommission FTC dazu aufgerufen, dem Treiben ein Ende zu setzen. Youtube besitze unter Videoportalen einen Marktanteil von mehr als 80 Prozent und nutze damit seine marktbeherrschende Stellung aus. Ähnlich argumentiert die europäische Vertretung für Indie-Labels Impala, die ihrerseits die Europäische Kommission zu einer Untersuchung aufgefordert hat.

Gerade für kleinere Künstler ist die Verbreitung ihrer Songs über Youtube inzwischen ein wichtiges PR-Werkzeug, auch wenn es immer wieder zu Streitigkeiten über die Rechte kommt. In Deutschland sind deshalb viele Musiktitel dort nicht abspielbar.

Auf der Videoplattform sind Schätzungen zufolge vier von zehn Aufrufen Musiktitel. Ein Streaming-Angebot dort anzudocken, scheint für den Konzern deshalb erfolgsversprechender als der bereits existierende, aber dem Vernehmen nach erfolglose Dienst "Google Play All Access".

Für das neue Premium-Geschäft riskiert Google allerdings einen großen Image-Verlust, falls sich in den nächsten Tagen nicht nur Labels, sondern auch die Künstler gegen den Konzern positionieren.