Street View: Dorf im Allgäu zeigt sich Oberstaufens Google-Gallier

Ein Kurort im Allgäu präsentiert sich freiwillig als erste deutsche Gemeinde bei Google - und zeigt damit, wie intelligentes Stadtmarketing im Internet-Zeitalter aussehen kann.

Von Johannes Kuhn

Ein Kurort im Allgäu stiehlt allen die Show: Nicht Berlin, nicht München, nicht Hamburg - nein, das kleine Oberstaufen steht zum Teststart von Google Street View am Dienstag im Mittelpunkt. Als erste Gemeinde in Deutschland ist der 7000-Einwohner-Markt über den 360-Grad-Kartendienst zu besichtigen.

Angefangen hatte alles im August dieses Jahres: Auf dem Höhepunkt der Diskussion darüber, ob Googles Straßenansicht auch die Privatsphäre der Anwohner verletzt, schickte die Allgäuer Marktgemeinde auf Facebook einen zuckersüßen Liebesgruß an den US-Konzern: Auf der Fan-Seite Oberstaufens veröffentlichten die Tourismus-Manager des Ortes das Bild einer Torte mit der Aufschrift "Street View - Willkommen in Oberstaufen".

In Windeseile wurde das Gebäck zum Symbol einer entspannten Herangehensweise an den Google-Dienst, zahlreiche Fernsehteams besuchten den Ort. "Wir sind offenbar ein gallisches Dorf, dass sich gegen den Mainstream stellt", sagt Bürgermeister Walter Grath, "und das mitten im tiefsten Bayern."

Touristen, argumentiert er, "informieren sich heutzutage nicht mehr nur über Prospekte, sondern im Netz, weil sie sich dort ein ehrlicheres Bild machen können. Wenn ich nach Amerika fliege, gucke ich mir ja auch die Küste über Street View an."

1,3 Millionen Übernachtungen verbucht der Kurort nach Graths Angaben jährlich. Wenn heute die ersten Internetnutzer Street Views Deutschlanddienst erkunden, finden sie in den Metropolen nur einzelne Sehenswürdigkeiten wie das Brandenburger Tor oder die Allianz-Arena. In Oberstaufen hingegen können sie virtuell die Hauptstraßen abfahren, auf denen Menschen beim Einkaufsbummel und im Hintergrund die Berge zu sehen sind.

Neue Form des Marketings

In der Web-Szene hat Oberstaufen bereits länger den Ruf, sehr fortschrittlich im Netz zu agieren. So nutzen Mitarbeiter des Stadtmarketings den Mikrobloggingdienst Twitter, um über aktuelle Ereignisse zu informieren oder auf Lob und Kritik zu reagieren. Auf der Facebook-Seite der Gemeinde beantworten Einheimische schon einmal Fragen von Touristen, die auf der Suche nach dem besten Apfelstrudel sind. Auf der Webseite "Du bist Oberstaufen" können Einheimische und Gäste in einem kleinen Video beschreiben, warum sie den Ort lieben.

Die Reaktion der Einheimischen auf den Street-View-Coup beschreibt Bürgermeister Grath als fast ausschließlich positiv. Denjenigen, die ihr Haus nicht bei Street View sehen wollten, gab die Gemeinde Hilfestellung: Im Rathaus konnten die Einwohner gegen die Street-View-Fotografien Widerspruch einlegen, den Papierkram erledigten die Angestellten. Insgesamt liege die Zahl der Verweigerer bei unter 20.

Wie stark die Stadt das Netz inzwischen nutzt, zeigte auch die Feier zur Street-View-Freischaltung am Dienstag: Unter großem Medienrummel waren Verantwortliche von Google Deutschland nach Oberstaufen gekommen, um symbolisch eine neue Street-View-Torte mit Miniatur-Stadtansicht anzuschneiden. Internetnutzer konnten bei der Zeremonie live dabei sein - ein städtischer Mitarbeiter übertrug sie live per Handy ins Netz.

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