Start-up-Szene sucht das nächste große Ding An Parolen mangelt es nicht

Live-Hacking, Computerspielturniere und kollektives Brainstorming gibt es an jeder Ecke, selbsternannte Cyborgs geben sich die Ehre, Roboter machen Musik. Und doch hört man immer wieder den gleichen Satz: Es wird Zeit, dass sich was Entscheidendes verändert. Fragt man beim Gesprächspartner nach, welcher Natur dieses neue Paradigma denn sein solle, wird es nebulös. Etwas Neues eben. Etwas Großes, Einzigartiges. Eine Disruption.

Dabei ist es ist nicht so, dass es an Parolen und Schlagwörtern mangeln würde. Das "Internet of Things", die vollständige Vernetzung bislang analoger Objekte, bietet ein kaum überschaubares Potenzial; die Ideen des Quantified Self, der vollständigen Vermessung des eigenen Körpers, werden erst langsam einer größeren Öffentlichkeit bekannt und könnten das Gesundheitswesen umkrempeln; und nicht zuletzt ist da die Vorstellung, dass 3D-Drucker, wären sie nur weiter verbreitet, eine neue industrielle Revolution auslösen könnten. All diesen Konzepten ist aber auch gemein, dass sie bereits seit Jahren existieren und nur von einer kleinen Kaste von Technik-Brahmanen genutzt werden. Ein Durchbruch in die Mainstream-Gesellschaft ist nicht in Sicht.

Wo Antworten fehlen, bleibt dann immer noch der Wechsel zur nächsten Web-Konferenz. Am Donnerstag, nur ein paar Kilometer Luftlinie von Tempelhof entfernt, in der vermeintlich hippen Verwerfungszone zwischen Kreuzberg und Treptow, findet die "Creative Sandbox Berlin" statt. Mit dieser Sandbox-Reihe will Google die Start-up-Kultur anheizen, in New York und San Francisco hat das schon geklappt, nun hat man die Berliner Szene auf dem Radar. Wenn die Campus Party wie der Kirchentag funktioniert, dann wirkt diese Veranstaltung wie das Motivationsseminars eines großen Versicherungsmaklers. Rein kommt man hier nur mit einer persönlichen Einladung. Ablenkung ist nicht gern gesehen, Google verlangt volle Aufmerksamkeit.

Den Erfolg solcher Konferenzen lässt sich sehr leicht am Publikum ablesen. Wenn in den Zuschauerreihen die Smartphone-Displays aufleuchten, macht der Vortragende einen schlechten Job. Bei Googles Sandkasten-Konferenz sind die Reihen der Zuschauer in kühles blaues Licht getaucht, reduziertes Mobiliar steht herum, alles trägt die Google-Farben Grün, Blau, Gelb und Rot. Die Gäste können mittels eines Chips über die Erfolgswahrscheinlichkeit der vorgestellten Projekte abstimmen - und müssen gleichzeitig darauf achten, nicht von einer der umherfliegenden Quadrocopter-Drohnen gerammt zu werden. Zwischen Amuse Gueules in Minieinweckgläsern und wohl temperiertem Chardonnay unterhalten sich die Macher und Gründer darüber, wie man die bestehenden Geschäftsmodelle weiter optimieren könne. Währenddessen perlt seichte Lounge-Musik am Spreeufer.

Die Sehnsucht nach Neuem ist zu spüren

Auch hier hängt am Ende vor allem eine Frage in der Luft: Was bleibt? Von welchen Ideen wird man noch mal etwas hören, welche Phänomene sind wirklich verfolgenswert? Niemand mag sich da festlegen. Die Sehnsucht nach etwas Neuem ist dagegen wieder fast physisch zu spüren - verbunden mit dem Gefühl, einen Endpunkt erreicht zu haben.

Stellt sich da langsam eine Art digitaler Ennui ein? Das Netz ist mittlerweile komplett mit dem Offline-Leben verwoben. Man hat die technischen Mittel, die gesellschaftliche Akzeptanz, auch am Geld mangelt es nicht - umso dringender will man also wissen, wo es denn bleibt, das nächste große Ding. Vielleicht ist es auch nur ungewohnt, dass sich - mehr als zwanzig Jahre nach seiner Erfindung - das erste Mal so etwas wie Stagnation im Web ausbreitet.