Spionagevorwürfe gegen Microsoft Sensationeller Vertrauensbruch

Die Entscheidung, die E-Mails des Bloggers auszuspähen, soll ein Microsoft-Jurist getroffen haben, heißt es in den Gerichtsunterlagen.

(Foto: Bloomberg)

Spionage in eigener Sache: Weil ein Kunde vertrauliche Informationen nach außen gab, durchsuchte Microsoft dessen private Emails - ohne Gerichtsbeschluss. Durfte der Softwarekonzern das?

Von Johannes Boie

Am Freitag Nachmittag droht die Situation endgültig zum Skandal zu werden, das Image von Microsoft kann deutlich beschädigt werden. Das Unternehmen aus Redmond, Washington, verschickt jetzt ein Statement, das Kunden und Journalisten, Blogger und Mitarbeiter beruhigen soll.

"Es ist nicht realisierbar, einen Gerichtsbeschluss zu bekommen, der uns befiehlt, uns selbst zu durchsuchen", schreibt darin John Frank, Vice-President des Softwarekonzerns. Und juristisch gesehen mag Frank recht haben. Microsoft hat sich selbst durchsucht. Aber ist es so einfach?

Tatsächlich haben Mitarbeiter des Softwarekonzerns und E-Mail-Anbieters die Mails eines Bloggers durchsucht, der seine Mails beim Microsoft-Dienst Hotmail gespeichert hat. Die Techniker haben also einen Server durchsucht, der ihrer Firma gehört, auf dem aber Mails gespeichert waren, die zu einem Kunden gehörten.

Das ist ein sensationeller Vertrauensbruch in der Beziehung zu all jenen Kunden, die mit ihren Mails den Redmondern einen großen Teil ihres digitalen Lebens anvertrauen. Zumal Microsoft seit den NSA-Enthüllungen von Edward Snowden zu jenen Konzernen gehört, die demonstrativ mehr Privatsphäre im Netz fordern.

Für die Techniker in Internetfirmen, die Mail-Systeme anbieten, ist es relativ einfach, die Daten der eigenen Kunden anzuschauen und zu lesen. Sie benötigen direkten, physikalischen Zugriff auf die Server, auf denen die Mails gespeichert sind, und auch eine Verbindung von ihren Techniker-PCs aus. Zum Beispiel, um die Server zu warten oder um Kundenprobleme zu beheben. Bekannt ist auch, dass zum Beispiel Google die Mails jener Kunden, die den Google-Dienst Gmail zum E-mailen verwenden, automatisch durchsucht, um inhaltlich zu den Mails passende Werbung anzubieten. Aber dass ein Mitarbeiter sich mal eben das Postfach eines einzelnen Kunden anschaut und es durchsucht? Damit war bislang eher nicht zu rechnen.

Die ganze Sache kam nur deshalb ans Licht, weil sie in öffentlichen Gerichtsdokumenten in den USA beschrieben sind. Das Auslesen der Mails ist jedoch bereits 2012 geschehen. Auf eine detaillierte Anfrage, wie oft Microsoft bereits private Mails der eigenen Kunden gelesen hat, macht der Konzern keine Angaben. Er möchte dies aber künftig in seinen Transparenzbericht tun, der zwei Mal pro Jahr erscheint.