Spionage-Angriff auf Gemalto "Kontakt zur NSA aufzunehmen, wäre Zeitverschwendung"

Gemalto: ´Kein Diebstahl bei Daten von SIM-Karten entdeckt" CEO of Franco-Dutch security chip and mobile phone sim card manufacturer Gemalto, Olivier Piou, poses before the start of a news conference in Paris, France, 25 February 2015. Gemalto disclosed details of its internal investigation alleging that US intelligence service NSA and British intelligence service GCHQ hacked Gemalto's sim card encryption keys in intrusions dating back to 2010 and 2011. EPA/IAN LANGSDON (recropped version) +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: dpa)
  • Der Chef des weltgrößten SIM-Kartenherstellers Gemalto äußert sich zu den durch Snowden-Dokumente bekannt gewordenen Hackerangriff amerikanischer und britischer Geheimdienste.
  • Nur in Ausnahmen sei den Angreifern gelungen, die Verschlüsselung von Handy-SIM-Karten zu knacken. Zudem seien nur Handys mit einem veralteten Mobilfunkstandard betroffen.
  • Gemalto hat bei Handy-SIM-Karten schätzungsweise einen Marktanteil von 50 Prozent. Die Mikrochips werden aber auch in Bank- und Kreditkarten und anderen Dokumenten mit privaten Daten verarbeitet.
  • Größeren Schaden fürchtet das Unternehmen durch die Enthüllungen nicht. Ein juristisches Vorgehen gegen die Geheimdienste schließt Gemalto aus.
Von Leo Klimm

Olivier Piou hat der Welt an diesem Mittwoch eine schlechte und eine gute Nachricht mitzuteilen. Die schlechte lautet: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Attacken stattgefunden haben", sagt der Chef von Gemalto, des weltgrößten Herstellers von SIM-Karten für Handys. Piou meint den Lauschangriff amerikanischer und britischer Geheimdienste auf Telefon-Chips von Gemalto, den das US-Medium The Intercept vergangene Woche mit Unterstützung des abtrünnigen Spions Edward Snowden aufgedeckt hat.

Gemaltos gute Nachricht aber soll sein: Nur "in ein paar wenigen Ausnahmefällen" seien die Schnüffler wirklich an ihr Ziel gelangt, die Verschlüsselung der SIM-Karten zu knacken, die Gemalto mit Telefonanbietern teilt - und damit die Kommunikation der Handynutzer abzufangen. Piou will, dass vor allem diese vermeintlich beruhigende Botschaft in die Welt dringt.

Also gibt sich der Konzernchef so betont entspannt, wie es bei einer eilig anberaumten Krisen-Pressekonferenz nur möglich ist. Auch den ironischen Zufall, dass der Termin in einem Gebäude in nächster Nachbarschaft zur US-Botschaft in Paris stattfindet, nimmt er mit Humor. Wollten die Amerikaner ihn hier ausspionieren, witzelt Piou, reiche ihnen ja ein Hörrohr.

Die Technologie von Gemalto durchdringt alle Lebensbereiche

Doch beim französisch-niederländischen Gemalto-Konzern geht es nicht um altertümliche Technik, sondern um das stark wachsende Milliardengeschäft des Weltmarktführers für Chip-Verschlüsselung. Allein bei SIM-Karten für mobile Kommunikation wird Gemaltos Marktanteil auf 50 Prozent geschätzt.

So offenbart der Skandal auch die ganze Verwundbarkeit des vernetzten Menschen: Die sicherheitsempfindliche Technologie von Gemalto oder von Konkurrenten wie der Münchner Firma Giesecke & Devrient kommt längst nicht nur in der mobilen Telefonie zum Einsatz, sondern durchdringt zunehmend alle Lebensbereiche.Sie findet sich auf Bank- und Kreditkarten, auf Gesundheitskarten, auf biometrischen Pässen, auf Firmenausweisen. Sie beflügelt die Zukunftsmärkte des vernetzten Autos und den des berührungslosen Bezahlens per Smartphone.

Werden die Verschlüsselungscodes geknackt, verkehrt sich die Chiptechnologie, die eigentlich Sicherheit und Privatsphäre schützen soll, in ein unkalkulierbares Risiko für jedermann.

Was Sie über den Sim-Karten-Hack wissen müssen

Britische und amerikanische Geheimdienste haben den größten Sim-Karten-Hersteller der Welt infiltriert. Sie können so unbemerkt Millionen Mobiltelefone überwachen. Wer ist betroffen, wie kann man sich schützen? Von Simon Hurtz mehr ... Fragen und Antworten