Die Grünen streiten sich über die Sperrung von Kinderporno-Seiten. Während die einen Netzsperren befürworten, fürchten andere, Wähler an die Piratenpartei zu verlieren.
Die Sache ist, schlägt man im Wahlprogramm nach, ganz klar: "Wer Grün wählt, wählt ein freies Internet - ohne Filter und Massenüberwachung", ist dort zu lesen. Die Grünen lehnen die auf Initiative von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) vom Bundestag beschlossenen Netzsperren zum Schutz vor Kinderpornographie ab.
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Die Grünen lehnen die auf Initiative von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) vom Bundestag beschlossenen Netzsperren zum Schutz vor Kinderpornographie ab. Sie argumentieren, dass die Sperrung von Kinderporno-Seiten umgangen werden können. (© Foto: dpa)
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Alle "wichtigen Akteure" in der Partei seien sich einig, hatte Parteichef Cem Özdemir vor einigen Wochen verkündet. Die Position laute: "Wir sind gegen Internet-Zensur, genauso wie wir gegen jede Art von dieser ekelhaften Kinderpornographie sind."
Matthias Güldner, immerhin Fraktionschef der in Bremen mitregierenden Grünen, zählt der Parteichef offenbar nicht zu den "wichtigen Akteuren". Der Landespolitiker hält das bald in Kraft tretende Gesetz zur Sperrung von Internetseiten mit kinderpornographischem Inhalt für richtig. Nun hat er zum Schlag ausgeholt gegen die Internetlobby in der eigenen Partei.
"Wer Ego-Shooter für Unterhaltung, Facebook für reales Leben, wer Twitter für reale Politik hält, scheint davon auszugehen, dass Gewalt keine Opfer in der Realwelt fordert. Anders kann die ignorante Argumentation gegen die Internetsperren gar nicht erklärt werden", polterte er in der Welt.
Zum auch von vielen Grünen vorgebrachten Argument, die Sperren könnten umgangen werden, bemerkte der einst bei der Kinderschutzorganisation Save the Children aktive Güldner: "Da haben sich einige wohl das Hirn herausgetwittert." Genauso gut könne die Tatsache, dass Morde begangen werden, obwohl sie verboten seien, als Argument gegen den Mordparagraphen im Strafgesetzbuch angebracht werden.
Reinhard Bütikofer twittert gern
Güldners Schuss zielt in die Mitte einer Partei, in der die Begeisterung für alle Formen der Online-Kommunikation groß ist. Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer , und auch andere Parteigrößen glänzen durch Präsenz in sozialen Netzwerken. So ließ der Aufschrei in grünen Foren nicht lange auf sich warten. Per Twitter wandte sich der Bundesvorstand der Grünen Jugend an den "lieben Matthias". Sein Beitrag sei "diffamierend und vereinfachend". Das von Güldner gelobte Gesetz sei wirkungslos und schränke die Grundrechte ein.
"Dass prominente Vertreter unserer Partei sich in so verkürzter und populistischer Art und Weise gegen die eigenen Parteitagsbeschlüsse stellen, wie du das mit deinem Kommentar getan hast, macht es uns in den nächsten Monaten nicht leichter", empört sich die Parteijugend. "Mehr als merkwürdig" findet auch Vorstandsmitglied Malte Spitz Güldners Beitrag. Der Parteivorstand bescheinigt dem Bremer in einer Stellungnahme einen "nicht akzeptablen Ton".
Güldners Attacken, so die Befürchtung, könnten grüne Sympathisanten ins Lager der Piratenpartei treiben, die für Freiheit im Internet eintritt. "Wir brauchen uns vor der Piratenpartei inhaltlich nicht zu verstecken", übt sich Vorstandsmitglied Spitz in Schadensbegrenzung, "vielleicht haben die mal fünf Spiegelstriche extra." Der Bremer Fraktionschef Güldner freilich warnt seine Partei davor, mit der Piratenpartei in Konkurrenz zu treten.
"Fasziniert von den Möglichkeiten der virtuellen Mobilisierung und hingerissen von ihrem eigenen Getwitter" dürften die Grünen nicht vergessen, dass viele ihrer Anhänger "aus den erziehenden Berufen" kämen oder selbst Vater oder Mutter seien - und die Internetsperren befürworteten. Auch aus diesem Grund war 15 grünen Bundestagsabgeordneten beim Nein ihrer Fraktion zum Gesetz der Bundesfamilienministerin wahrscheinlich nicht ganz wohl. Sie enthielten sich.
- Thema
- Matthias Güldner RSS
- Internetsperren Durchlässige Barriere 17.04.2009
- Bundesverfassungsgericht Tauss klagt gegen Internetsperren 02.07.2009
- Sperren für Kinderporno-Seiten "Zensur wird salonfähig" 25.03.2009
- Kinderporno-Seiten Streit unter Ministerinnen 15.03.2009
- Sperren für Kinderporno-Seiten Unbrauchbar und schädlich 04.12.2008
(SZ vom 29.07.2009/ cf)
Wirbel um Obama-Biographie
Das Forum hat mein korrekt ausgezeichnetes Zitat gefressen:
Zum auch von vielen Grünen vorgebrachten Argument, die Sperren könnten umgangen werden, bemerkte der einst bei der Kinderschutzorganisation Save the Children aktive Güldner: "Da haben sich einige wohl das Hirn herausgetwittert. Genauso gut könne die Tatsache, dass Morde begangen werden, obwohl sie verboten seien, als Argument gegen den Mordparagraphen im Strafgesetzbuch angebracht werden.
gegen den Mordparagraphen im Strafgesetzbuch angebracht werden.
Das hat der "gute Herr" aber etwas übersehen: Es fordert ja niemand, Kinderpornographie oder Mord zu legalisieren. Sie sollen nur wirksam bekämpft werden und nicht nur mit einem nur in Deutschland vorhandenem, leicht zu umgehenden Sichtschutz versehen werden. Eine Kinderschutzorganisation hat nachgewiesen, dass viele Seiten der auf der dänischen Sperr-Liste sogar mit einer einfachen Email aus dem Netz entfernt werden konnten.
Man stelle sich vor, man würde anfangen, Mord dadurch verhindern zu wollen, in dem man Videoaufnahmen davon mit schwarzen Balken versehen würde.
Ist mir übrigens egal, was die "Luftsicherheitsgesetz-Unterzeichner" tun, ich wähle Piraten.
Das kann ich so nur unterschreiben. Bei dem Thema wird es tatsächlich schnell emotional. In dieser Hinsicht möchte ich mich bei Maeanderer entschuldigen, wir scheinen ja nun eigentlich das Gleiche zu meinen und anzuprangern!
Als Missbrauchsopfer, ITler und Petitionsunterzeichner kann ich nur bestätigen, dass den Opfern nicht geholfen und sich dem Ziel nicht genähert geschweige denn es erreicht werden kann!
Das ist nicht der erste Schritt in den Überwachungsstaat, es ist der Überwachungsstaat. Die Unionshunde bellen ja schon lautstark nach einer Ausweitung.
Von der SPD bin ich schwer enttäuscht, sah es doch erst so aus, als würde man diese Posse nicht mittragen.
Wenigstens eine Debatte im Bundestag hätte ich erwartet oder dass dort auch nur ein wirklicher Experte gehört würde. Die "Kontrollinstanz", die alibihalber alle paar Monate eine Stichprobe nehmen soll, nämlich der Bundesbeauftragte für Datenschutz, hat selbst angemahnt, dass seine Stelle die Falsche ist, um die verfassungsmäßig Kontrolle auszuüben. Dies wäre allenfalls ein Gericht.
Aber der Bundesdatenschutzbeauftragte steht unter dem Einfluss von Wirtschafts- und Innenministerium. In ersterem sitzt merkwürdigerweise der Ehemann einer Mitinitiatorin des ganzen Zirkus, eine Frau zu Guttenberg. Ihr ominöser Verein hat über Zensursula das ganze Vorhaben angestoßen und nun soll ihr Mann kontrollieren lassen, ob es auch verfassungsgemäß zugeht. Ohne dass dabei ein Richter draufschauen könnte.
Viel effektiver wäre es gewesen, mit den wichtigsten "Internetstaaten" eine Vereinbarung zu treffen, dass solche Fälle schnell im jeweiligen Land der Strafverfolgung zugänglich werden. So trifft man die Betreiber oder sorgt wenigstens dafür, dass das Zeug tatsächlich verschwindet und nicht nur für einen wahrscheinlich sehr kleinen Teil der Nutzer schwerer zugänglich würde.
Und selbst das wäre ja nur gegeben, wenn diese Dinge tatsächlich im WWW stünden. 99% dieser Dinge dürften über Filesharingdienste laufen, die auch für Filme und Musik verwendet werden. Oder über normale Briefpost.
Wenn wir das wissen, wieso weiß das niemand im Familien- oder Wirtschaftsministerium?
Als IT'ler und Petitionsunterzeichner sowie bekennender Gegner des ZugErschwG (siehe www.guedesweiler.blogspot.com) richte ich mich an der Faktenlage aus. Diese kennzeichnet die Internetsperren als sinnfreie Wahlkampfposse und auch Herr Güldner reiht sich in die Riege derer ein, die keinerlei standhafter Argumente für das Gesetz (Zensurursula Projekt) vorbringen können. Eine gesteigerte Frustintensität läßt offensichtlich Entgleisungen in Form von beleidigenden Äußerungen zu...
Den Nachweis kann jeder Rechtskundige subsumieren.
Das *Urteil*, werden letztlich die Verfassungsrichter fällen müssen.
Der "Internetwahn" mag Leute niedermachen, die nur in gewohnten Blöcken und Strukturen denken können, so sie überhaupt denken. Zeitungen und Medien kann man über personelle und finanzielle Verstrickungen noch halbwegs kontrollieren und beeinflussen, aber mit dem Internet geht das nicht mehr.
Klar, das diejenigen, die über die alten Verhältnisse ihre Macht aufgebaut haben, jetzt darum fürchten!
Nochmal: diese Leute müssen natürlich ein faires, öffentliches Verfahren bekommen, in dem entschieden wird, ob sie mit ihrem Handeln die Verfassung gefährden.
Eine Subsumption der Tatbestandes "Volksverhetzung" ergibt, dass dem so ist und danach hat ein Gericht zu entscheiden. So und nicht anders!
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