Von Helmut Martin-Jung

Sie machen mehr Umsatz als die weltweite Rauschgiftmafia: Wie die illegalen Netzwerke von Spam-Versendern und Pillenfälschern funktionieren.

Die blauen Pillen hätte Patrick Peterson auch seinen Kindern zum Lutschen geben können. Obwohl sie aussahen wie das Potenzmittel Viagra, enthielten die Tabletten aus dem braunen Packpapier-Umschlag mit indischem Absender keine Spur des Wirkstoffs Sildenafil. Anders die Pillen, die Peterson kurze Zeit später aus China bekam.

Etwa 160 Milliarden Spam-Mails fließen jeden Tag durchs Internet. (© Foto: iStock)

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Um bei Kontrollen nicht aufzufallen, steckten die Tabletten diesmal in einem kleinen Plastiksäckchen, das in eine Zeitschrift eingeklebt war. Sie waren zwar nicht blau, aber hätte Peterson sie geschluckt, wäre es gefährlich für ihn geworden: Die Pillen enthielten deutlich mehr von dem Wirkstoff als das Original-Viagra, das es auf Rezept vom Arzt gibt.

Das Erstaunlichste an der Geschichte aber ist, dass Peterson die beiden Sendungen überhaupt erhielt. Er tat das, wovor alle Computerexperten warnen: Er reagierte auf unerwünschte E-Mails, auf sogenanntes Spam. Im Auftrag seines Arbeitgebers, der amerikanischen Sicherheitsfirma Ironport, hat er anhand des kriminellen Netzwerkes "Storm" ergründet, wie das weltweite Ökosystem der Pillenverkäufer und Spammer funktioniert.

Spam wirkt tatsächlich

Seine erste und wichtigste Einsicht: Spam wirkt tatsächlich. Es ist wie in der Natur. Damit ein großer Fisch heranwachsen kann, müssen riesige Mengen an Nachkommen in den Welt gesetzt werden, von denen nur wenige überleben. Die Menge an Spam-Mail, die pausenlos durch das Internet fließt, ist irrwitzig groß. Etwa 160 Milliarden Mails hat Ironport gemessen - pro Tag.

Nur ein kleiner Teil davon schlüpft durch die Spamfilter, die nahezu jeder Mailanbieter inzwischen für seine Kunden eingerichtet hat. Peterson schätzt den Anteil auf fünf Prozent. Davon wiederum wird nur jede 10 000. bis 100 000. Mail überhaupt angeklickt. Von denen, die sich auf die Webseite eines Online-Pharma-Anbieters haben locken lassen, kauft aber immerhin noch jeder 40. ein. Das behaupten die Spammer auf ihren Webseiten. Peterson sieht diese Quote eher bei 1:60.

Wie viele es auch tatsächlich sein mögen - die Branche lebt von dem Geschäft ausgezeichnet. Ob es wirklich so ist, dass die Online-Kriminellen mittlerweile mehr Umsatz machen als die weltweite Rauschgiftmafia, wie Valerie McNiven, IT-Beraterin des Weißen Hauses vor drei Jahren behauptete, ist schwer einzuschätzen.

Tatsache ist, dass in Ländern wie Russland oder China, in denen viele Spam-Attacken ihren Ursprung haben, gut ausgebildete Menschen oft Mühe haben, auf legale Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Mit illegalen Internetgeschäften lassen sich hingegen Millionen verdienen, ohne dass man dabei große Gefahren einginge. Ein illegaler Pharmaversender im Internet macht nach Schätzungen von Ironport 150 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr und ist technisch auf der Höhe der Zeit.

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