Soziales Netzwerk Facebook-Mitarbeiter halten angeblich konservative Stimmen zurück

Facebook steht wegen angeblicher Manipulation seiner Nachrichten in der Kritik.

(Foto: dpa)
  • Facebook gibt gerne vor, eine neutrale Plattform zu sein und will als Ort der Objektivität wahrgenommen werden.
  • Die Webseite Gizmodo hält diesen Eindruck für irreführend.
  • Facebook ist in Teilen ein journalistisches Angebot. Viele Nutzer sind sich dessen aber nicht bewusst - und schätzen angezeigte Inhalte womöglich falsch ein.
Analyse von Hakan Tanriverdi, New York

Es geht um eine kleine Box auf Facebook. Sie ist eines von vielen Experimenten, die das soziale Netzwerk kontinuierlich durchführt, um seine 1,65 Milliarden Nutzer noch ein paar Sekunden länger im Bann zu halten und ihnen noch ein paar Klicks mehr zu entlocken.

Über die Box reden seit Montag viele Amerikaner. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, welches Potenzial der Manipulation und Parteinahme in Facebook liegt - und wie gern der Konzern verschweigen würde, welchen Einfluss er hat.

So sieht die Trending-Box aus.

(Foto: Facebook)

Wer Facebook im Browser aufruft, muss nach rechts oben schauen, wer die App auf dem Smartphone öffnet, auf die Lupe tippen. Dort findet sich jeweils der "Trending"-Bereich (für Nutzer, die Facebook in der englischen Version nutzen). Eine Sammlung von Artikeln mit Nachrichtenwert, mit denen sich Nutzer auf Facebook gerade intensiv beschäftigen. Zum Beispiel: Justin Bieber diskutiert über sein Gesichts-Tattoo, Bernie Sanders spricht über Donald Trump.

Ein Team aus Kuratoren entscheidet mit - ganz neutral?

Zwei Berichte (hier und hier) der Webseite Gizmodo beschreiben, was sich hinter der Funktion verbirgt: eine Kombination aus Algorithmen und einem Team aus Kuratoren, das sind in diesem Fall junge Journalisten, die über externe Firmen für Facebook arbeiten. Sie fassen die angesagten Artikel zusammen, verpassen ihnen neue Überschriften - und haben offenbar Einfluss darauf, was Nutzer in der Box zu sehen bekommen. Einige ehemalige Kuratoren behaupten auf Gizmodo nun anonym, dass dieses Team Artikel zurückhält, die politisch konservative Standpunkte vertreten. Und das mitten im US-Wahlkampf.

Facebook gibt vor, eine neutrale Plattform zu sein, der daran gelegen ist, dass Nutzer auch die "andere Seite" einer Geschichte mitbekommen, wie es erst kürzlich in einem Video des Konzerns hieß (auch wenn Zuckerberg selbst erstaunlich politisch auftritt): Facebook als vermeintlich neutraler Ort, als Plattform ohne politisches Eigeninteresse, offen für das in den USA hochgehaltene Prinzip der Meinungsfreiheit.

Das sind die Vorwürfe gegen Facebook

Die Vorwürfe der Kuratoren lauten: Erstens entschieden sie auch nach eigenen politischen Vorlieben, welche Geschichten in die Trending-Box aufgenommen werden. Das soll dazu geführt haben, dass manche Nachrichten nicht auftauchten, die vor allem Nutzer mit konservativem Weltbild zusagen könnten. Die Quelle, mit der ein Gizmodo-Reporter gesprochen hat, bezeichnet sich selbst als konservativ. Eine weitere Person habe bestätigt, dass Themen tendenziell weggelassen würden, wenn sie aus konservativer Sicht beleuchtet würden. Die Leser würden demnach überproportional Artikel mit liberalem oder linken Drall sehen. (Der Guardian sprach mit einem anderen Mitglied des Facebook-Teams, das die Beobachtungen des konservativen Kollegen nicht bestätigen konnte.)

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Zweiter Vorwurf: Geschichten, die unter normalen Umständen nicht in den Trending-Bereich aufgenommen worden wären, wurden in einigen Fällen dennoch gezielt eingespeist. Als Beispiel werden Geschichten über den Krieg in Syrien genannt, und die Proteste rund um die vor allem afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung "Black Lives Matter" und Eilmeldungen.

Drittens sollen die Kuratoren dazu aufgefordert worden sein, keine Geschichten über Facebook selbst im Trending-Bereich anzeigen zu lassen.