Soziale Netzwerke Facebook-Profil als Kriterium für soziale Teilhabe

Nach einer nicht näher benannten Studie des Wissenschaftlers Richard E. Bélanger - deren Datenmaterial wohl aus dem Jahr 2002 herrührt und sich auf heranwachsende Schweizer beschränkt - könne Netzabstinenz auf eine ernsthafte psychische Störung hinweisen. Auch der Massenmörder von Utøya, Anders Behring Breivik, sei vor seiner Tat im Netz weitgehend unsichtbar geblieben (was erwiesenermaßen nicht stimmt).

Der Social-Network-Abstinenzler macht sich heute zusehends verdächtig. Vor allem in den USA ist das fehlende Facebook-Profil nicht selten ein Ausschlusskriterium für den Zugang zu manchem Berufsfeld, weil die Chefs der Personalabteilungen anscheinend verborgene Abgründe vermuten. Laut der Nachrichtenagentur AP forderten dort diverse Unternehmen und Behörden von ihren Bewerbern Zugangsdaten zu sozialen Netzwerken.

Auch in Deutschland erkundigen sich, so der Hannoveraner Psychologe Christoph Möller, zwei Drittel der Personaler nach ihren Bewerbern im Netz. Und einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom zufolge, ist für viele Firmen die fehlende Webpräsenz ein Manko.

Nun besitzen immer noch 6 von 7 Milliarden Menschen keinen Facebook-Account. Viele dieser Personen sind wohl keine Soziophobiker, auch wenn sie Zugang zum Netz hätten, sondern verweigern sich lediglich dem Transparenzgebot und der allumfassenden Like-It-Kultur. Freilich ist es völlig absurd, von der Netzabstinenz auf die pathologische Struktur eines Menschen zu schließen (was man besagten Firmen zwar nicht unterstellen kann, aber immerhin droht aufgrund von unbefriedigter Neugier die Gefahr der Ablehnung).

Viel eher, als dass die Facebookabstinenz auf soziale Inkompetenz hinweist, könnte man mutmaßen, dass das Soziale sich im digitalen Netzwerk auf einem Niveau bewegt, das als Substitut für ein fehlendes soziales Gefüge schlicht unzureichend ist. Noch ist der Nonliner im gesellschaftlichen Diskurs nicht endgültig mit dem Soziophobiker verlinkt. Aber der Zugang zu Klassentreffen, Webdiensten und Arbeitsplätzen bleibt häufig jenen verschlossen, die sich für ein mehr oder weniger analoges Leben entscheiden. Die Frage nach dem Facebook-Profil sollte aber kein Kriterium für soziale Teilhabe sein und erst recht kein normativer oder psychologischer Gradmesser.