Soziale Netzwerke Warum Facebook wächst und Twitter die Nutzer davonlaufen

Illustration: Sead Mujic

Im Internet werden Start-ups binnen weniger Jahre zu mächtigen Weltkonzernen. Doch eine gute Idee alleine reicht nicht, um dauerhaft Erfolg zu haben.

Von Helmut Martin-Jung

Die Idee war einfach brillant: Was sich die Gründer von Google, damals noch Studenten, ausgedacht hatten, hievte die zu dieser Zeit recht neue Technologie Internetsuche auf ein neues Niveau. Aber aus dem Start-up wäre niemals der Konzern von heute geworden, wenn einige Mitarbeiter nicht ein ebenso geniales System entwickelt hätten: die Werbung mittels kleiner Textanzeigen, die nach einem raffinierten Verfahren versteigert und platziert werden.

Eine solche zweite Idee ist es, was vielen Start-ups fehlt. Die wenigsten treten zwar heute noch ohne jeglichen Business-Plan an. Das stellen die Risiko-Kapitalgeber sicher, die längst nicht mehr alles finanzieren, was nur irgendwie mit Internet zu tun hat. Doch ob der Plan auch funktioniert, ist trotzdem nicht gesagt.

Oft ist der letzte Ausweg ein Investor - oder die Pleite

Oft wird der tatsächliche Bedarf nach einem Produkt oder einer Dienstleistung völlig falsch eingeschätzt. Oder ein Konkurrent tritt auf den Plan, regulatorische, organisatorische, logistische Schwierigkeiten stellen sich ein - warum ein Geschäftsmodell nicht erfolgreich ist, kann viele Ursachen haben. Fällt den Gründern dann nichts ein, bleibt als letzte Hoffnung oft nur noch ein Investor, der sich für die erste Idee begeistert. Oder eben die Pleite.

Das ist bei Internet-Unternehmen nicht anders als bei anderen Firmen. Doch ermöglicht nur das Netz kometenhafte Aufstiege wie sie Google, Facebook und andere hingelegt haben. Warum aber ist das so?

Uber besitzt keine Taxis, Airbnb keine Wohnungen

Das liegt daran, dass es hier hauptsächlich um Ideen geht, nicht um Greifbares. Deren Verbreitung kann durch die Grenzenlosigkeit des Netzes, durch die Internationalität, unglaublich beschleunigt werden. Mögen auch am Ende reale Produkte oder reale Dienstleistungen stehen - was zählt, sind die Ideen und ihre Umsetzung gemäß den Gesetzen der Online-Welt.

Beispiele: Der Taxi-Dienst Uber besitzt keine Taxis, der Zimmervermittler Airbnb keine Hotels oder Wohnungen. Ohne das (mobile) Internet sind sie und viele andere gar nicht denkbar. Sie sind nur Plattformen. Aber aus exakt diesem Grund können sie nahezu unbegrenzt schnell wachsen. Das müssen sie auch. Irgendwann jedoch wird es Zeit für Phase zwei. Das heißt: Aus der hohen Zahl der Nutzer muss Gewinn geschöpft werden. Sonst verlieren die Kapitalgeber, manchmal auch die Aktionäre, die Geduld.

Facebook zeigt Werbung - und die Nutzer akzeptieren das

Bei Facebook war dies lange ein Problem, denn finanziert wird der Dienst vor allem mit Werbung. Eigentlich aber mögen die Nutzer keine Werbung zwischen den Postings ihrer Freunde sehen - genauso wenig auf den kleinen Bildschirmen von Handys, die immer mehr Bedeutung haben. Mit viel Ausprobieren hat es das Unternehmen mittlerweile geschafft, Werbung auch auf Smartphones einigermaßen unaufdringlich anzubieten und damit viel Geld zu verdienen.

Bei Twitter liegt das Problem eher anders herum. Zwar ist es auch dem Sofortnachrichten-Dienst gelungen, Werbeformate zu etablieren, die ohne größeres Murren akzeptiert werden. Doch Twitter hat es nicht geschafft, mehr Nutzer für den Dienst zu begeistern - und das schon seit Längerem. In manchen Bereichen ist Twitter zwar mittlerweile nahezu unverzichtbar geworden - für Prominente etwa, für Politiker und auch für Journalisten - doch darüber hinaus erschließt sich vielen Menschen nicht, wieso sie aktiv Kurz-Nachrichten absetzen sollten. Denn sie erfahren die für sie wichtigen Dinge auch, indem sie Twitter passiv nutzen oder auf anderen Kanälen. Zum Beispiel auf Facebook.