Soziale Netzwerke Twitter verabschiedet sich von 140-Zeichen-Regel

Twitter verabschiedet sich wohl von der 140-Zeichen-Regel.

(Foto: dpa)
  • Twitter plant Medienberichten zufolge, Tweets von bis zu einer Länge von 10 000 Zeichen zu erlauben.
  • Der Schritt hat höchstwahrscheinlich damit zu tun, dass die Nutzerzahlen von Twitter seit einiger Zeit stagnieren.
  • Es soll wohl aber weiterhin Mechanismen geben, die Nutzer dazu anhalten, sich kurz zu fassen.
Von Hakan Tanriverdi, New York

Twitter schaffte es nicht, noch mehr Menschen zu begeistern

Das soziale Netzwerk Twitter verzichtet wohl auf sein Alleinstellungsmerkmal: Wie die Tech-Seite Recode berichtet, soll es Nutzern der Webseite bald möglich sein, Nachrichten mit mehr als 140 Zeichen zu verschicken. Ende des ersten Quartals soll es soweit sein. Als Zeichenlimit gelten demzufolge in Zukunft 10 000 Zeichen.

Nach Erscheinen des Berichts meldete sich Twitter-Chef Jack Dorsey zu Wort. Sein Tweet wirkt wie eine Begründung. Bei dem Dienst gehe es um "einen einfachen Weg, etwas zu sagen, an jeden gerichtet und zwar so, dass es die ganze Welt sofort sehen kann". Twitter sei ein Live-Medium. Schnell und auf Gespräche ausgerichtet. Das werde sich auch in Zukunft nicht ändern.

Twitter ist ein Netzwerk mit mehr als 300 Millionen Nutzern. Es gehört zu den größten sozialen Netzwerken weltweit. Passiert irgendwo auf der Welt ein wichtiges Ereignis, erfahren die Menschen zuerst auf Twitter davon. Doch der Dienst schaffte es in den vergangenen Jahren nicht, mehr Nutzer zu begeistern. Also stagnierten die Zahlen. Die Stimmung war so schlecht, dass Twitter-Chef Jack Dorsey sich deshalb, kurz nachdem er Chef wurde, öffentlich für das schlechte Abschneiden entschuldigte.

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Für das Lesen eines Tweets mit 140 Zeichen braucht man sieben Sekunden. Für 10 000 Zeichen sind es siebeneinhalb Minuten. Twitter hat sich von Anfang an auf 140 Zeichen beschränkt, da SMS-Nachrichten nur Raum für 160 Zeichen ließen, bevor die Botschaft in zwei Teile getrennt wurde.

Twitter will nicht nur das Fenster zur Welt sein, sondern auch das Mikrofon

Sollten längere Tweets tatsächlich erlaubt werden, könnte man das auf zwei Arten interpretieren. Erstens: Es ist ein Schritt der Verzweiflung. Das Unternehmen hat diverse Änderungen eingeführt, keine hat das Problem gelöst. Zu diesen Schritten gehören unter anderem, dass es bereits seit geraumer Zeit möglich ist, sich private Nachrichten zu schicken, die 10 000 Zeichen lang sein dürfen. Ebenfalls wurde eine Zitier-Funktion eingeführt, darüber hinaus noch so genannten Stränge. Beide Funktionen hatten ein Ziel: Twitter sollte menschlicher werden.

Das letzte große Update lief unter dem Namen Moments und wurde erst im Oktober 2015 eingeführt. Seither ist es möglich, sich bei Großereignissen eine kuratierte Liste anzeigen zu lassen. Wenn Obama also darüber spricht, die Waffenkontrolle in den USA verschärfen zu wollen und ihm dabei die Tränen kommen, ist das ein solcher Moment für Twitter. Wer wissen will, was passiert ist, kann sich diesen Moment in Tweet-Form zusammenfassen lassen. Wie gut die Funktion angenommen wird, ist aktuell noch nicht bekannt. Als letzter Schritt - daher die Verzweiflung - wird nun das verändert, was Twitter ausmacht: die Kürze.

Viele Nutzer senden jetzt schon Bilder mit längerem Text

Man könnte den Schritt zweitens aber auch gelassener interpretieren. Es gibt technisch gesehen keinen Grund mehr, auf 140 Zeichen zu bestehen. Im Gegenteil: Die Beschränkung könnte Nutzer vom Dienst fernhalten. Die Grenze erscheint künstlich - und ist sonst bei keinem anderen Netzwerk üblich. Warum sollte man sich also freiwillig in seiner Wortwahl beschränken müssen?

Darüber hinaus: Viele Nutzer sind zwischenzeitlich dazu übergegangen, bei wichtigen Anlässen den Bildschirm abzufotografieren und die entsprechende Textstelle als Bild beizufügen (deutlich mehr als 140 Zeichen). Oder aber sie haben mehrere Tweets (so genannte "Tweetstorms") losgelassen, mit mehr als 20 Tweets. Beide Taktiken hat Jack Dorsey in seinem Tweet angewandt. Doch das alles ist umständlich - und könnte Nutzer davon abhalten, sich mit dem Dienst zu beschäftigen. Twitter kommt in dieser Sicht seinen Nutzern entgegen.

Doch um die Power-Nutzer (diejenigen, die sehr viel Zeit auf Twitter verbringen) nicht zu verärgern, wird der Dienst ihnen entgegenkommen. So berichtet das Wall Street Journal, dass der Dienst zwei Maßnahmen in petto hat, um die Nutzer dazu anzuhalten, sich kurzzufassen. Wird eine Nachricht länger als 140 Zeichen, wird das dem Nutzer angezeigt. So sollen Laberköpfe daran erinnert werden, dass man die Botschaft doch bestimmt noch eleganter hinbekommen könnte. Längere Nachrichten werden darüber hinaus nicht in Gänze angezeigt. Wer die ganze Nachricht will, muss also klicken. Damit das passiert, muss der Tweet an sich wichtig genug sein. So gesehen kommt es auch in Zukunft auf die ersten 140 Zeichen an.

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