Sony-Hack Wikileaks schafft sich ab

Derzeit sitzt Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London fest. Hier ist er mit Ecuadors Außenminister Ricardo Patino zu sehen.

(Foto: AP)

Früher enthüllte Wikileaks brisante politische Dokumente. Heute stellt die Plattform Klatschgeschichten aus dem Sony-Imperium ins Netz. Das garantiert Aufmerksamkeit - doch Julian Assange tut sich damit keinen Gefallen.

Kommentar von Andrian Kreye

Am Donnerstag veröffentlichte die Enthüllungswebseite Wikileaks die gesamten Dokumente und E-Mails aus dem sogenannten "Sony Hack". Vor fünf Monaten hatten Unbekannte 30 287 Dokumente und 173 132 E-Mails vom Firmenserver des Medienkonzerns gestohlen. Das Bekennerschreiben einer bis dahin unbekannten Organisation namens Guardians of Peace verkündete, das sei die Rache für Seth Rogens Filmkomödie "The Interview", die sich über Kim Jong Un und das nordkoreanische System lustig macht.

Obwohl man nie beweisen konnte, dass Nordkoreas Regierung hinter dem Hack stand, eskalierte die Affäre zum diplomatischen Konflikt, in den sich Barack Obama persönlich einschaltete. Den eigentlichen Schaden aber nahmen Sony und Hollywood, weil die Mails, die schon bald in Umlauf kamen, doch peinlich waren. In letzter Konsequenz trat Sony-Chefin Amy Pascal von ihrem Amt zurück.

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Der Sony-Hack war im Rückblick eine Farce

Warum aber veröffentlichen Julian Assange und Wikileaks nun das Material mit dem gleichen rebellischen Gestus, mit dem sie früher Kriegs- und andere politische Verbrechen aufdeckten? In der Erklärung zum Leak heißt es, Sony sei ein geheimniskrämerischer internationaler Konzern, der bei seiner Lobby-Arbeit eng mit der US-Regierung zusammenarbeite. Gerade rund um die TTIP-Verhandlungen spiele die Lobby-Arbeit von Sony eine wichtige Rolle.

Im Rückblick waren der Sony Hack und die internationalen Spannungen rund um "The Interview" eine Farce. Die Aufmerksamkeit für die nun präsentierten Dokumente ist zwar groß. Ihr aufklärerische Wert ist aber eher dürftig. Wikileaks begibt sich damit auf ein Gebiet, das von Klatschwebseiten wie TMZ und Gawker dominiert wird. Damit tut Wikileaks einen weiteren Schritt in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit

Wer steckt hinter dem Sony-Hack?

Die Folgen sind kaum zu überblicken: Sensible E-Mails sind an die Öffentlichkeit gelangt, den Filmstart von "The Interview" hat Sony Pictures mittlerweile abgesagt. Die USA sehen Hinweise, dass Nordkorea verantwortlich für den Hackerangriff auf den Filmkonzern ist. Ist das realistisch? Von Mirjam Hauck und Hakan Tanriverdi mehr ...

Dabei hatte die Seite auch nach dem legendären Coup von 2010 einige wichtige Enthüllungen geliefert - 2011 die Dateien zum Gefangenenlager Guantanamo Bay, 2012 die Mails der Sicherheitsberatungsfirma Stratfor und die Korrespondenz aus syrischen Regierungs- und Wirtschaftskreisen. Auch wenn Assange und Wikileaks nach 2010 nie wieder an so brisantes Material kamen, wie in den Jahren vor dem großen Ruhm.

Wohlfeiler Klatsch und miese Intrigen

Der Sony Hack enthüllt in erster Linie wohlfeilen Klatsch und miese Intrigen aus Hollywood. Damit erzeugt die Seite Aufmerksamkeit, die Wikileaks gut gebrauchen kann. Julian Assange sitzt seit Juni 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London fest. Nachdem er die Leitung der Organisation nie abgeben wollte, ist Wikileaks seither weitgehend gelähmt. Doch Assange betonte immer seinen politischen und journalistischen Anspruch.

Aufmerksamkeit mit solchen Klatschgeschichten kann da nicht das erste und alleinige Ziel sein. Die bislang weit verbreitetste Nachricht aus der Wikileaks-Veröffentlichung ist jedenfalls eine E-Mail des Schauspielers Channing Tatum: Der freut sich darin, dass "22 Jump Street" den Film "Ted" von Platz zwei des besten Eröffnungswochenendes einer Erwachsenenkomödie gestoßen. Und auch noch den Trickfilm "How To Train A Dragon" mit Cate Blanchett in den aktuellen Top Ten geschlagen hat.