Social Media Wie Instagram die Kunst verändert

Ein Roman, erzählt mit Bildern, auf Instagram: "Hey Harry, Hey Matilda" von Rachel Hulin

(Foto: Instagram/Screenshot)

Ein Thriller, erzählt in 15-Sekunden-Videos. Ein Roman, veröffentlicht in Bildunterschriften. Instagram ermöglicht Künstlern neue kreative Wege - und Einnahmequellen.

Von Sara Weber

Ein schwarzer Transporter parkt am Straßenrand. Zwei Männer steigen aus, um einen Kaffee zu holen. Der eine bewegt sich etwas schneller vom Wagen weg, in Richtung Straße. Eine Explosion zerreißt den Transporter. Die Männer werden auf den Boden geschleudert.

Es ist das vierte Video aus dem Film Shield5, der auf Instagram veröffentlicht wurde. Im Februar wurde täglich ein neuer Teil des Filmes gezeigt, die Geschichte in 15-Sekunden-Schritten weitererzählt. Es ist das erste Mal, dass ein Thriller sich komplett in der Foto-App abspielt, dort, wo sonst Bilder vom Mittagessen, Selfies und Werbevideos zu finden sind.

Visuelles Medium mit enormem Publikum

Filmemacher, Autoren, Künstler experimentieren mit Instagram: Wie können sie die App nutzen, um ihre Geschichten zu erzählen? Welche Möglichkeiten gibt es hier, die sonst nirgends zu finden sind? Und natürlich spielt auch Geld eine Rolle: Lohnt es sich, seine Inhalte auf diesem Kanal zu verbreiten?

Laut Anthony Wilcox, Regisseur von Shield5, ist alles eine Frage der richtigen Vorbereitung: "Den größten Teil der Arbeit hatte Adam Dewar beim Schreiben des Drehbuchs, als es darum ging, die Geschichte in 15-Sekunden-Segmente zu teilen", sagt er. Doch eine Eigenheit der App erforderte dann doch besondere Aufmerksamkeit: "Instagram-Videos laufen in einer ewigen Schleife", erklärt Wilcox. "Das haben wir beim Schnitt berücksichtigt: Wenn es irgendwie möglich war, haben wir versucht, das letzte Bild auch zum ersten Bild des Videos zu machen."

Noch ist es ungewohnt, einen Thriller mit fortlaufender Handlung auf Instagram anzusehen: Der Handybildschirm wirkt oft zu klein. Das Video ist im Querformat gedreht und nicht quadratisch, da sind Details manchmal schlecht zu erkennen. Außerdem muss für jedes Video der Ton extra eingeschaltet werden. Wer mehrere Filmschnipsel hintereinander ansehen möchte, muss sich daran erst gewöhnen.

Und trotzdem: Regisseur Wilcox beschreibt die Reaktionen des Publikums als positiv. "Es gab sehr schnell viel Neugierde und Enthusiasmus für den Film", sagt er. "Instagram kann ein sehr aufregender Ort sein kann, um Geschichten zu erzählen. Es ist ein visuelles Medium mit einem enormen Publikum." Hätte das Team einen konventionellen Kurzfilm von sieben Minuten Länge produziert, so Wilcox, hätte er vermutlich deutlich weniger Zuschauer gefunden.

"Ein toller Weg, um Leuten den Roman schmackhaft zu machen"

Auch Rachel Hulin experimentiert mit Instagram - allerdings ohne Videos, sondern mit Worten. "Hey Harry, Hey Matilda" heißt ihr erster Roman. Eine Herausforderung, schließlich ist Instagram ein optisches Medium und keines, in dem sich bloßer Text abladen lässt. Deshalb ist jeder Textteil verbunden mit einem Foto, der Romanausschnitt steht in der Bildunterschrift. Dabei kommt Hulin zugute, dass sie nicht nur Autorin ist, sondern auch Fotografin.

Hulins Protagonisten sind die Zwillinge Matilda und Harry Goodman. Sie ist Künstlerin in Brooklyn, er ist Autor und Englischprofessor in Connecticut. Die beiden schreiben sich Briefe und erzählen so ihre Geschichte. Die Charaktere wirken sehr real: Auf der Website zum Projekt gibt es Fotos von ihnen, Matilda hat sogar eine professionelle Website für ihre Tätigkeit als Hochzeitsfotografin.

Diese neue Form von Authentizität wirkt sich auf das Publikum aus: "Es gibt Leute, die sich stark mit den Charakteren verbunden fühlen", sagt Hulin. "Sie schreiben ihnen in den Kommentaren auf Instagram, einige schreiben sogar E-Mails und stellen Fragen."

Für Hulin war Instagram ein Experiment, ein Weg, ihr Publikum zu finden. "Einen Roman in kleinen Teilen zu lesen, ist vermutlich nicht ideal für längere Werke, aber es ist ein toller Weg, um Leuten den Roman schmackhaft zu machen", sagt sie. Hulin glaubt, dass ihr Projekt erst der Anfang war: "Die meisten Leute denken heute in Bildern", sagt sie. "Geschichten fühlen sich für mich beinahe unvollständig an ohne Bilder." Sie glaubt, dass es künftig mehr hybride Formen für Text und Bild geben wird, "weil die Leute sich stark dazu hingezogen fühlen und ich glaube, sie beginnen, das zu erwarten."

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