Social Media So süchtig machen Whatsapp, Instagram und Co.

  • Eine Studie der DAK und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen hat die Social-Media-Nutzung der Zwölf- bis 17-Jährigen in Deutschland untersucht.
  • Zuerst wurde erhoben, wie lange die Kinder und Jugendlichen Messengerdienste wie Whatsapp und Snapchat, soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram sowie Foren und Blogs nutzen.
  • Das Ergebnis: Durch intensive Social-Media-Nutzung entstehen gesundheitliche Probleme - und es gibt einen Zusammenhang zwischen Social-Media-Sucht und Depression.
Von Mirjam Hauck

Machen soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Co. süchtig? Hat die exzessive Smartphone-Nutzung gravierende negative Folgen bis hin zu Depression und sozialer Isolation? Diese Debatte wird in den USA mittlerweile massiv geführt, seit im Januar Apple-Großaktionäre den Konzern aufgefordert haben, gegen die Smartphone-Sucht bei jungen Nutzern vorzugehen. Prominente Silicon-Valley-Vertreter gründeten kürzlich das "Center for Humane Technology", das die schädlichen Effekte moderner Kommunikationstechnologien untersuchen soll.

Hier setzt auch die Studie an, die die Krankenkasse DAK zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf erstellt hat. Für die Untersuchung "Whatsapp, Instagram und Co. - so süchtig macht Social Media" haben die Marktforscher von Forsa 1001 Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren befragt. Zunächst erhoben sie, wie lange sie Messengerdienste wie Whatsapp und Snapchat, soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram sowie Foren und Blogs nutzen. Schließlich kommen die Macher der Studie zu dem Ergebnis, dass durch eine intensive Nutzung sozialer Medien gesundheitliche Probleme enstehen. Dass ein Teil der Nutzer süchtig werden und dass es einen Zusammenhang zwischen Social-Media-Sucht und Depression gibt.

Täglich knapp drei Stunden in sozialen Medien unterwegs

Laut Rainer Thomasius, Professor für Kinder- und Jugendpsychatrie und ärztlicher Leiter des DZSKJ, wurde zunächst festgestellt, dass die weit überwiegende Mehrheit (85 Prozent) der Zwölf- bis 17-Jährigen soziale Medien täglich nutzen. Je älter, desto häufiger seien die Befragten in sozialen Medien aktiv: Unter den 16- bis 17-Jährigen nutzen nahezu alle Instagram, Whatsapp und Co. normalerweise jeden Tag. Über alle befragten Altersgruppen hinweg liege die durchschnittliche Nutzungsdauer pro Tag bei knapp drei Stunden (166 Minuten). Mädchen seien länger online (182 Minuten) als Jungen (151 Minuten). Die meiste Zeit verbringen die Kinder und Jugendlichen bei Whatsapp (66 Prozent), Instagram (14 Prozent) und Snapchat (neun Prozent).

Thomasius hält soziale Netzwerke als virtuelle Gemeinschaften nicht per se für schädlich, im Gegenteil: "Aus entwicklungspsychologischer Sicht sind soziale Netzwerke für die Identitätsentwicklung der meisten jungen Menschen dienlich. Viele Jugendliche profitieren in ihrer Identitätsentwicklung davon, in kürzester Zeit verschiedene Selbstdarstellungen auszuprobieren und darauf entsprechende Rückmeldung von der Internetgemeinschaft zu erhalten." Ähnlich wie in einer Gruppe von Gleichaltrigen oder in einer Schulklasse würden Begegnungen und damit Annäherung, Distanzierung, Fürsorge und Autarkie spielerisch erprobt.

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Neben diesen Aspekten fragten die Forscher die Kinder und Jugendlichen auch nach den negativen Auswirkungen der Social-Media-Nutzung. Acht Prozent sagten, dass sie den Kontakt zu ihren Freunden ausschließlich über diese Kanäle pflegen. Streit mit ihren Eltern haben wegen der Social-Media-Nutzung sechs Prozent häufig oder sehr häufig. Manchmal zu wenig Schlaf als Folge gab knapp jeder fünfte Studienteilnehmer (17 Prozent) an.

Und 2,6 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen in Deutschland sind süchtig nach Social Media. Hochgerechnet entspricht der Prozentsatz etwa 100 000 Betroffenen.

Erhoben wurde das Suchtrisiko mittels eines 2016 in den Niederlanden entwickelten Fragebogens, dem sogenannten Social Media Disorder Scale. Dieser orientiert sich an den Kriterien für Online-Spielsucht, die amerikanische Psychiater aufgestellt haben. US-Forscher und die WHO erwägen, die Online-Spielsucht als eigenständige Diagnose zu etablieren. Bislang ist sie aber nicht anerkannt.

Auf die Fragen antworteten die Jugendlichen unter anderem so:

  • 34 Prozent haben oft soziale Medien genutzt, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen.
  • 14 Prozent haben oft heimlich soziale Medien genutzt.
  • 13 Prozent fühlten sich oft unglücklich, wenn sie keine sozialen Medien nutzen konnten.
  • Zehn Prozent der Befragten geben an, sie hätten im vergangenen Jahr regelmäßig an nichts anderes denken können als an den Moment, an dem sie wieder soziale Medien nutzen können.
  • Fünf Prozent haben regelmäßig kein Interesse an Hobbys oder andere Beschäftigungen entwickelt, weil sie lieber mit sozialen Medien beschäftigt waren.
  • Drei Prozent hatten ernsthafte Probleme mit ihren Eltern, Brüdern, Schwestern oder Freunden durch die Nutzung sozialer Medien.

Die Studie untersucht auch, ob es einen Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und Depressionen gibt. Wer von sozialen Medien abhängig sei, habe ein um den Faktor 4,6 höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken als Nichtsüchtige. Allerdings sagt Thomasius auch, dass man über Ursache und Wirkung noch keine Erkenntnisse habe. Es könne auch sein, dass sich depressive Kinder und Jugendliche häufiger in die virtuelle Welt zurückziehen und deshalb ein Suchtverhalten entwickeln. Es falle auf, dass ein junges Alter, eine depressive Symptomatik und ein dysfunktionales Elternhaus mit einer problematischen Social-Media-Nutzung in Verbindung stehe. Dieser Befund spräche dafür, dass Social-Media-Sucht von mehreren Faktoren abhänge.

Doch wie lässt sich nun die Suchtgefahr begrenzen? Thomasius empfiehlt Aufklärung und einen besseren Jugendschutz. "Eltern, Lehrer und Erzieher brauchen Unterstützung, damit sie Kinder auf ihrem Weg zu medienkompetenten Anwendern begleiten", sagt der Mediziner. Auch technische Lösungen wie inhaltliche Filter und zeitliche Begrenzungen seien sinnvolle Instrumente, um das Konsumverhalten besser zu kontrollieren. "Wir beobachten, dass Eltern häufig keine klaren Regeln zum Umgang mit sozialen Medien aufstellen. Die sind aber dringend nötig, damit ihre Kinder nicht unbemerkt in die Abhängigkeit rutschen."

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