Smartphone-App gegen Produktpiraterie Der größte Lump im ganzen Land

Denunziantentum als Nebenverdienst: Eine Smartphone-App stellt ihren Nutzern Belohnungen und Preise in Aussicht - wenn diese den Rechteinhabern Markenrechtsverletzungen und Produktpiraterie melden.

Von Matthias Huber

Wie im wilden Westen: "Wanted - Markenpiraten!"

(Foto: Screenshot: brandbounty.com)

Bisher war es Firmen und Anwälten vorbehalten, gegen Markenrechtsvergehen vorzugehen. Die Smartphone-App des amerikanischen Startup-Unternehmens Brandbounty will das ändern.

Damit kann ein Nutzer zum Beispiel melden, wenn er im Internet oder in einem Laden eine vermeintlich gefälschte Handtasche findet. Er macht ein Foto, versieht es per GPS direkt mit einer Location, fügt noch eine Beschreibung hinzu, übermittelt diese Daten - und schon nimmt er an einem Gewinnspiel teil oder ist für eine Belohnung qualifiziert. Gesponsort natürlich von den Rechteinhabern, denen die übermittelten Daten in Echtzeit zur Verfügung stehen.

So jedenfalls stellen sich die Entwickler von Brandbounty ihre schöne neue Welt vor, in der Produktpiraten mit der Masse der "Crowd" konfrontiert werden. Jeder Bürger wird zum Vigilanten, zum selbstjustiziellen Wächter über (Marken-)Recht und Gesetz. Dem Problem, so Brandbounty weiter, könne man anders einfach nicht mehr Herr werden: Marken und Firmen seien im Kampf um ihre Rechte hoffnungslos unterlegen, heißt es auf der Webseite.

Mit bis zu 1,7 Billionen US-Dollar beziffert Brandbounty den jährlichen Schaden für die US-Wirtschaft allein, inklusive des Verlusts von 2,5 Millionen Jobs. Woher diese Daten stammen, ist nicht bekannt. Vielleicht aus ähnlichen Quellen, aus denen auch die "Anreize" für die User kommen sollen, bei diesem "Spiel" mitzumachen. Denn Brandbounty geht davon aus, dass Firmen Wettbewerbe sponsorn werden, um beispielsweise den fleißigsten Denunzianten mit einem attraktiven Preisgeld zu küren. Oder gleich direkt - analog zum "Wanted"-Plakat im Wilden Westen - eine Belohnung für sachdienliche Hinweise zur Ergreifung des Produktpiraten ausloben.

Denunzieren für den Highscore

"Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant", so lautet ein Sprichwort. Doch das ganze soll ja auch Spaß machen, falls die versprochenen Belohnungen allein nicht reichen: So gibt die fröhliche Produktpiratenhatz auch Punkte für die Highscore-Tabelle. Die Online-Veröffentlichung der zynischen Liste mit den besten Piraterie-Denunzianten wäre nur der nächste denkbare Schritt. Vielleicht gleich mit Facebook-Anbindung, die den entsprechenden Listenplatz direkt an die Freunde verkündet?

"Mit Brandbounty haben wir jetzt eine einfache, lustige und wirksame Möglichkeit, die schlaue Konsumenten zu Markenwächtern macht", sagt der Firmen-Mitbegründer Jonathan Gonen. Doch wer wacht über diese Wächter? Natürlich werden im theoretischen Idealfall die eingesandten Daten von den Rechteinhabern erst einmal überprüft - doch gerade die Erfahrung aus der Situation mit Urheberrechtsverletzungen zeigt, dass die Prüfung - wenn überhaupt - bisweilen auch erst nach dem Versand der Abmahnung erfolgt.

Klar, den namenlosen Händler auf den Straßen einer asiatischen Metropole wird es wenig stören. Mit per Helikopter einfliegenden Einsatzkräften nach Smartphone-Meldung ist dort wohl nicht zu rechnen. Für das auf der Webseite von Brandbounty dargestellte Geschäft, dass einen Feuerschutz-Service mit einem leicht abgewandelten Ghostbusters-Logo illustriert, kann die entsprechende Post vom Filmstudio schnell existenzbedrohend werden. Und Flohmärkte und Second-Hand-Läden, so Brandbounty stolz, könne man mit der Macht der Crowd jetzt endlich auch überwachen.

Lukrativer Zickenkrieg

Markenpiraterie ist also hauptsächlich ein Problem, das mit einem Panoptikum zu lösen wäre: Durch die ständige Angst vor Überwachung. Selbst Bagatelldelikte - offline und im beinahe persönlichen Umfeld eines Flohmarkts verübt - können also endlich aufgespürt werden. Die ohnehin notorisch überforderten Gerichte werden sich herzlich bedanken.

Und für das tägliche Miteinander - der Mensch ist dem Menschen ein Wolf usw. - eröffnet die App ganz neue (Verdienst-)Möglichkeiten. So mancher Zicken- oder Rosenkrieg kann dank Brandbounty eine ganz neue Dimension erreichen. Die Rivalin trägt Designer-Schuhe? Bestimmt nicht echt! Handy raus, Foto, fertig. Anstelle des GEZ-Außendienstmitarbeiters, unliebsamer Potenzmittel-Werbung oder nicht bestellter Zeitschriften-Abonnements schicken sich notorische Streithansln dann eben die Anwälte bekannter Marken ins Haus. Das war vor Brandbounty natürlich auch schon möglich. Aber jetzt kann man damit auch noch Geld verdienen.

Die App ist für iOS bereits erhältich. Eine Android-Version soll folgen. Ob die Besitzer gewisser Samsung-Geräte damit auch Selbstanzeige erstatten werden können, ist noch nicht bekannt.