Smart Home Zuhause ist, wo die Maschine Marihuana mischt

Auf der CES in Las Vegas tanzen die Roboter an der Stange.

(Foto: AFP)

Smarte Gadgets sind die Helden der Technikmesse CES in Las Vegas. Sie schalten den Appetit ab, brauen Bier oder drucken nach Bedarf Kurzgeschichten aus. Ein Rundgang durch das Heim der Zukunft.

Von Claus Hulverscheidt und Jürgen Schmieder, Las Vegas

David VanderWaal sieht aus wie ein verzweifelter Liebhaber, der etwas Dummes angestellt hat und nun von seiner Partnerin verschmäht wird. Der Marketingchef der Technologiefirma LG fragt freundlich, hakt liebevoll nach, bittet verzweifelt, doch es hilft nichts: CLOi hat keine Lust, ihm die richtige Einstellung für die Waschmaschine mitzuteilen oder Empfehlungen für eine Teesorte auszusprechen. Der kleine Roboter, der aussieht wie eine Kreuzung aus Pinguin und Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur, verweigert ihm während der Präsentation den Dienst.

Ein peinlicher Moment, gewiss, aber auch nicht schlimm, futuristische Prototypen haben nun mal ihre Macken. Digitale Helfershelfer für daheim sind trotzdem die Helden der Technologiemesse CES in Las Vegas, aber nicht, weil viele aussehen wie Pinguine und Spielfiguren, sondern weil sie die Schnittstellen im komplett vernetzten Zuhause sein sollen.

Mehr als die Summe der einzelnen Teile

Natürlich zeigen die Hersteller auf der Elektronikmesse CES wieder angesagte Produkte, aber 2018 geht es vor allem um das Vernetzen dieser Einzelteile: beim Arzt, im Auto oder im Geschäft. Von Jürgen Schmieder mehr ...

Alles wird mit allem verbunden sein, das ist das Versprechen dieser Messe - und es dürfte nun einen heftigen Kampf geben zwischen Anbietern der verschiedenen Hersteller, die bekannt sind als "Silicon-Valley-Platzhirsche" oder "gigantische Firmen aus China". Damit alles mit allem verbunden werden kann, braucht es allerdings auch allerlei Dinge, die vielleicht gar nicht verbunden sein oder niemals existieren sollten. Ein Rundgang durch das Zuhause der Zukunft mit den sinnvollsten, sinnlosesten und wahnwitzigsten Gadgets.

Ins Haus gelangt man künftig - natürlich - mithilfe des Smartphones. Das Türschloss lässt sich per App öffnen - und das auch aus der Ferne, wenn man etwa oben im ersten Stock die Betten lüftet und unten ein Bekannter vor dem Haus steht. Alternativ geht es auch per Fernsteuerung, Chipkarte, Bluetooth - oder Fingerabdruck. Die Schließanlage des chinesischen Startups We Lock etwa kann bis zu 1000 solcher Abdrücke erkennen, damit die Schlösser auch in größeren Miets- oder Apartmenthäusern verwendet werden können. Wer seine Wohnung oder einzelne Zimmer untervermietet, etwa via Airbnb, kann den Gästen einen Code schicken, mit dem diese ins Haus können, auch wenn der Vermieter nicht da ist.

Ein Sessel, gemacht für Menschen mit amerikanischen Maßen

Im Wohnzimmer steht neben der Couch das Ungetüm iRobotics 7. Der erste Massage-Sessel mit eigenem Betriebssystem kennt die Verspannungen des Eigentümers und misst nebenbei Blutdruck und Puls. Witzigste Selbstbeschreibung von Hersteller Luraco: "Für eine Körpergröße von zwei Metern und ein Gewicht von 140 Kilogramm geeignet - gemacht für Benutzer amerikanischer Ausmaße." Wer solche Leibesfülle verhindern will, probiert es - kleiner Einschub - vielleicht mit dem Gerät von Modius: Das ist eine Art Stirnband mit Elektroden hinter den Ohrläppchen, das den Appetit zügeln und den Metabolismus anregen soll. Jeder muss für sich entscheiden, ob das funktionieren kann oder doch so seltsam ist wie die Liebe.

Wer sich kneten lässt, der kann nebenbei eine Kurzgeschichte lesen. Der Short Story Dispenser druckt auf den Nutzer zugeschnittene literarische Werke von bislang 8000 Autoren aus, die Lesezeit beträgt drei bis fünf Minuten. Wem eher der Sinn nach lukullischen Freuden steht, braut während der Massage sein eigenes Bier. Zugegeben: Es macht Spaß, am Gerät von Picobrew ein bisschen mit Hopfen und Malz zu experimentieren, die Gott bitte schön erhalten möge. Es wird aber schnell klar, dass der Mensch bei solch einzigartigen Erfindungen wie Gerstensaft eher denen vertrauen sollte, die das gelernt haben - zumal die eigene Mischung doppelt so teuer ist wie Bier aus der Brauerei. Dann vielleicht schon eher Oblend, das den geneigten Kunden eine persönliche Marihuana-Mischung erstellt - die zumindest in zahlreichen US-Bundesstaaten mittlerweile als Genussmittel erlaubt ist.

Wer danach ein Nickerchen machen will, der sollte ins Schlafzimmer gehen - und weil die SZ eine Familienzeitung ist, soll an dieser Stelle nur ganz kurz erwähnt werden, dass in den Hotelzimmern abseits des Messegeländes auch Roboter fürs Liebesspiel feilgeboten werden. Der häufigste Grund für Scheidungen ist aber nicht die Tatsache, dass die Liebe ein seltsames Spiel ist, sondern das Schnarchen des Partners. Magniflex verspricht Abhilfe mit einem schlauen Bett, das mittels Sensoren nicht nur die Schlafqualität misst, sondern auch Helligkeit und Lärm. Wer schnarcht, wird vom Bett automatisch so lange gedreht, gehoben und gewendet, bis er leise ist. Die durchaus berechtigte Frage, ob das Bett den Schnarcher notfalls auch aus dem Bett wirft, wollte der Hersteller allerdings nicht beantworten.

Der Spiegel kennt die Wettervorhersage

So oder so: Der morgendliche Blick in den Spiegel ist nicht immer eine erfreuliche Angelegenheit - zumal, wenn der Unterkiefer hinunterkippt vor lauter Erstaunen über den Spiegel von HiMirror. Der spielt zunächst einmal über Spotify das Lieblingslied, zeigt einem auf dem integrierten Bildschirm die Nachrichten und kennt die Wettervorhersage. Dann analysiert er die Haut des Besuchers und erklärt, welcher Sonnenschutz anhand der geplanten Aktivitäten zu wählen ist. Gesteuert wird der schlaue Spiegel über Gesten.

Hinzu kommen Licht- und Heizanlagen, die wissen, wann der Hauseigentümer nach Hause kommt, Kühlschränke, die selbst Nachschub ordern, personalisierte Duschen - man kennt das schon. Bleibt die Frage: Was tun, wenn die Dame und der Herr des Hauses das Smart Home verlassen, Minki, Schnuffi oder wie auch immer der vierbeinige Begleiter der Clever-Familie auch heißen mag, aber daheimbleiben muss? Früher, so erinnert sich Sylvia in einem ergreifenden Marketingvideo des italienischen Start-ups Beautiful Box, war Mia den ganzen Tag auf sich gestellt, was angeblich bedeutete, dass sich der weiß-braun gescheckte Terrier grässlich langweilte oder die ihm anvertraute Stofftiertruppe zerfetzte.

Heute ist er den ganzen Tag beschäftigt: Ein unförmiges Gerät, das an eine Küchenmaschine der Achtzigerjahre erinnert, stellt ihm mithilfe von Leuchttasten Aufgaben und belohnt jede korrekte Antwort mit einem Krümel Trockenfutter. Sylvia kann die Anlage vom Büro aus per App steuern, den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben verändern, den Lernfortschritt überwachen und dem Hund dank mitgelieferter Kamera beim Klügerwerden zusehen. Sogar ansprechen kann sie das Tier, das sich allerdings wundern dürfte, wie sich das blond gelockte Frauchen innerhalb weniger Stunden in ein hässlich-orangenes Plastikungetüm verwandeln konnte.

Ein wenig einfacher haben es da vielleicht Katze und Hund von nebenan, die den Tag mit dem Pebby verbringen: Der per App gesteuerte Ball kullert den ganzen Tag über unaufhörlich durch die Wohnung und soll das bräsige Tier zum Hinterherlaufen animieren. Auslauf, so viel steht fest, hat der Hund am Abend genug gehabt. Und angesichts von so viel Smart-Home-Technik vielleicht auch den Verstand verloren. Frauchen und Herrchen allerdings werden davon kaum etwas mitbekommen: Die liegen ja am Abend im Massagestuhl und brauen Bier.

So dumm können smarte Geräte sein

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