Schutz für Neurodaten Grundrecht gegen das Gedankenlesen

"Die Gedanken sind frei", heißt es im Volkslied. Wo Gehirndaten überwacht werden, ist diese Freiheit bedroht.

(Foto: plainpicture/Katarzyna Zommer)

Das ist bald keine Science-Fiction mehr: Staaten und Firmen sammeln Neurodaten und kontrollieren so unsere Gedanken und Gefühle. Der Datenschutz ist diesem Angriff auf die Privatsphäre bisher nicht gewachsen.

Von Dara Hallinan, Philip Schütz, Michael Friedewald und Paul de Hert

Gedankenfreiheit ist das Herzstück einer demokratischen Ordnung. In Zeiten der massenhaften Überwachung physischer und virtueller Räume ist der menschliche Geist die letzte Bastion absoluter Freiheit und Privatheit. So könnte man meinen - doch auch diese Bastion scheint zu bröckeln. Denn es werden mehr und mehr Neurodaten gesammelt, also Daten zu den Abläufen im Gehirn.

Anfänglich wurden Neurodaten zu medizinischen Zwecken verwendet. Man erhoffte sich zum einen, durch bildgebende Verfahren wie der Kernspintomographie (MRT) neurologische Erkrankungen besser zu verstehen. Zum anderen entdeckte man mit der Elektroenzephalographie (EEG) - die durch das Gehirn produzierte elektrische Impulse misst -, dass Men-schen mit ein wenig Übung in der Lage waren, diese Impulse zu kontrollieren.

Daraufhin wurden Brain-Computer-Interfaces (BCIs) entwickelt. So konnten etwa Patienten mit Locked-in-Syndrom - die sich trotz vollem Bewusstsein weder bewegen noch körperlich mit ihrer Umwelt interagieren können - wieder über einen Bildschirm mit anderen kommunizieren. Ein weiteres Beispiel ist das Mindwalker-Projekt, das querschnittsgelähmte Menschen mit Hilfe eines gedankengesteuerten Exoskeletts zum Gehen befähigen soll.

Computerspiele per Gedanken steuern

Aber das Sammeln von Neurodaten beschränkt sich längst nicht mehr auf klinische Anwendungen. So gibt es Versuche, Game-Controller zu entwickeln, mit denen man Computerspiele per Gedanken steuern kann. Beim "Affective Computing" sind Neurodaten zur Erkennung der Gemütslage des Nutzers von Vorteil. Durch sie soll die Kommunikation zwischen Mensch und Computer verbessert werden.

Es gibt Firmen, die Gedankengänge von Konsumenten zu verstehen und gezielt zu beeinflussen versuchen, um ihre Produkte besser zu vermarkten. Andere Unternehmen vertreiben Lügendetektoren, die auf Basis neuronaler Bilder funktionieren. Den Kunden wird ein "objektives Verfahren zum Nachweis von Täuschungen und anderen im Gehirn gespeicherten Informationen" versprochen.

Die Fähigkeit, Neurodaten zu nutzen, ist faszinierend und wird die Entwicklung vieler neuartiger Anwendungen vorantreiben. Einige davon könnten erheblichen Nutzen für den Einzelnen und die Gesellschaft haben. Doch was ist die Kehrseite?

Das scheinbar Unmögliche kann schnell zur Normalität werden

Für die "Sammler" personenbezogener Daten liegt der Wert in den Einblicken, die sie in die Verhaltensmuster und Vorlieben des Einzelnen gewähren. Je mehr Daten, desto tiefer die Einblicke. Diese Logik steckt hinter den immer komplexeren und invasiveren Formen des Datensammelns und Profilings - oft verdeckt hinter dem Angebot einer kostenlosen, coolen und effizienteren Dienstleistung. Facebook ist nicht einfach ein soziales Netzwerk. Google ist nicht einfach eine Suchmaschine. Die NSA fischt nicht aus einer Laune heraus nach Informationen.

Warum sollte es sich mit Neurodaten in Zukunft anders verhalten? Wird der Zugang zu Informationen über neuronale Aktivitäten, gar über Gedanken und Gefühle nicht eine ganz neue Art der Beurteilung von Personen ermöglichen? Ein solches Szenario ist nach gegenwärtigem Stand zwar eher Science-Fiction. Doch die beiden letzten Jahrzehnte des Fortschritts in der Computertechnik haben uns gelehrt: Das scheinbar Unmögliche kann schnell zur Normalität werden. Wie sieht eine Welt aus, in der Firmen oder Regierungen unser Gehirn kontinuierlich überwachen könnte? Wollen wir in einer solchen Welt leben?