Rücktritt des Bundespräsidenten Der Schubs der Blogosphäre

Die umstrittenen Äußerungen Horst Köhlers wären beinahe untergegangen, doch eine Handvoll Blogger will die Brisanz der Aussagen erkannt haben. Am Ende stolperte der Bundespräsident jedoch vor allem über sich selbst.

Von Johannes Kuhn und Oliver Das Gupta

Am Ende war es auch eine goldene Regel des Internets, die maßgeblich zum Rücktritt des Bundespräsidenten beigetragen hat. "Im Internet versendet sich nichts", lautet sie, und sie trifft auf die umstrittenen Äußerungen Horst Köhlers über die Rechtfertigung deutscher Kriegseinsätze.

Am Morgen des 22. Mai sendet Deutschlandradio Kultur ein auf dem Rückflug von Afghanistan geführtes Interview mit dem Bundespräsidenten. Darin lässt dieser auch die Bemerkung fallen, die schließlich zu der harschen Kritik und seinem Rücktritt führen wird. Im Zweifel sei ein militärischer Einsatz notwendig, "um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen",

Obwohl die Aussage zu den freien Handelswegen auch in den Nachrichten des Senders zitiert wird, bleibt die Brisanz der Äußerungen von den Medien an diesem Samstag erst einmal unentdeckt.

Gerüchte um Intervention

Doch weil sich im Internet nichts versendet und das Transkript auf der DRadio-Homepage nachzulesen ist, stoßen einige Blogger auf die Äußerung. Bereits um 10:55 Uhr macht der Kölner Stefan Graunke auf seinem Blog unpolitik.de seinem Unmut Luft: "Wirklich, Herr Köhler? Öffentlich zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele durch militärische Gewalt aufrufen?" Er schreibt eine E-Mail an das Bundespräsidialamt, in der er um eine Stellungnahme bittet.

Bereits zwei Stunden später bloggt auch der Starnberger Sebastian Glas zum Thema. In einem fiktiven Brief wendet er sich an Köhler: "Ich schäme mich für solche undifferenzierten, missverständlichen Äußerungen eines Bundespräsidenten." Am Tag darauf zitiert auch sueddeutsche.de Köhlers umstrittene Aussagen, legt bei der Berichterstattung allerdings das Augenmerk auf eine unbedachte Äußerung Köhlers gegenüber einem deutschen Soldaten.

In der Blogosphäre kocht das Thema weiter, zumal auf der Webseite des Deutschlandradios die umstrittene Passage plötzlich verschwunden ist. Schnell wird der Verdacht laut, das Bundespräsidialamt habe interveniert. Des Rätsels Lösung: Samstag war auf Deutschlandradio und der Schwesterwelle Deutschlandfunk das Köhler-Gespräch gesendet worden, im Deutschlandfunk allerdings nur eine gekürzte Version - in der habe der brisante Passus gefehlt, sagt Deutschlandfunk-Pressesprecher Dietmar Boettcher zu sueddeutsche.de.

"Sogar Stoff für einen Aufmacher"

In den folgenden Tagen greifen weitere Blogs Köhlers Aussagen und Graunkes Blogeintrag auf. Am 25. Mai fragt Jonas Schaible auf seinem Blog Beim Wort Genommen, weshalb das Zitat bislang so unterging. "Mir scheint, inhaltlich wäre die Nachricht sogar Stoff für einen Aufmacher." Er hat recht: Wenige Tage später nehmen sich Mainstream-Medien im großen Stil des Themas an. Allerdings bleibt es Spekulation, ob sie die Äußerungen wegen der Blog-Berichterstattung aufnehmen oder das Interview hinter den Kulissen des politischen Berlins nicht sowieso ein Thema ist.

In seiner aktuellen Ausgabe bezeichnet der Spiegel Köhler spöttisch als "Horst Lübke", eine Anspielung auf den Pannen-Präsidenten aus den sechziger Jahren. Am 31. Mai erklärt Köhler schließlich aufgrund der Kritik seinen Rücktritt.

Dass Blogger letztendlich Köhler gestürzt hätten, hält Deutschlandfunk-Sprecher Boettcher zwar für übertrieben. "Aber sicherlich haben die Blogger dazu beigetragen, dass das Thema stärker wahrgenommen wird."

Auf eine Antwort aus dem Bundespräsidialamt wartet der Kölner Blogger Stefan Graunke übrigens noch heute. Man könnte auch sagen: Die Sache hat sich erledigt.

Wer macht den Köhler?

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