Die umstrittenen Äußerungen Horst Köhlers wären beinahe untergegangen, doch eine Handvoll Blogger will die Brisanz der Aussagen erkannt haben. Am Ende stolperte der Bundespräsident jedoch vor allem über sich selbst.
Am Ende war es auch eine goldene Regel des Internets, die maßgeblich zum Rücktritt des Bundespräsidenten beigetragen hat. "Im Internet versendet sich nichts", lautet sie, und sie trifft auf die umstrittenen Äußerungen Horst Köhlers über die Rechtfertigung deutscher Kriegseinsätze.
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Deutschlandfunk-Berichterstattung über Horst Köhler: Die Brisanz des Interviews unterschätzt. (© Screenshot: Dradio.de)
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Am Morgen des 22. Mai sendet Deutschlandradio Kultur ein auf dem Rückflug von Afghanistan geführtes Interview mit dem Bundespräsidenten. Darin lässt dieser auch die Bemerkung fallen, die schließlich zu der harschen Kritik und seinem Rücktritt führen wird. Im Zweifel sei ein militärischer Einsatz notwendig, "um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen",
Obwohl die Aussage zu den freien Handelswegen auch in den Nachrichten des Senders zitiert wird, bleibt die Brisanz der Äußerungen von den Medien an diesem Samstag erst einmal unentdeckt.
Gerüchte um Intervention
Doch weil sich im Internet nichts versendet und das Transkript auf der DRadio-Homepage nachzulesen ist, stoßen einige Blogger auf die Äußerung. Bereits um 10:55 Uhr macht der Kölner Stefan Graunke auf seinem Blog unpolitik.de seinem Unmut Luft: "Wirklich, Herr Köhler? Öffentlich zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele durch militärische Gewalt aufrufen?" Er schreibt eine E-Mail an das Bundespräsidialamt, in der er um eine Stellungnahme bittet.
Bereits zwei Stunden später bloggt auch der Starnberger Sebastian Glas zum Thema. In einem fiktiven Brief wendet er sich an Köhler: "Ich schäme mich für solche undifferenzierten, missverständlichen Äußerungen eines Bundespräsidenten." Am Tag darauf zitiert auch sueddeutsche.de Köhlers umstrittene Aussagen, legt bei der Berichterstattung allerdings das Augenmerk auf eine unbedachte Äußerung Köhlers gegenüber einem deutschen Soldaten.
In der Blogosphäre kocht das Thema weiter, zumal auf der Webseite des Deutschlandradios die umstrittene Passage plötzlich verschwunden ist. Schnell wird der Verdacht laut, das Bundespräsidialamt habe interveniert. Des Rätsels Lösung: Samstag war auf Deutschlandradio und der Schwesterwelle Deutschlandfunk das Köhler-Gespräch gesendet worden, im Deutschlandfunk allerdings nur eine gekürzte Version - in der habe der brisante Passus gefehlt, sagt Deutschlandfunk-Pressesprecher Dietmar Boettcher zu sueddeutsche.de.
"Sogar Stoff für einen Aufmacher"
In den folgenden Tagen greifen weitere Blogs Köhlers Aussagen und Graunkes Blogeintrag auf. Am 25. Mai fragt Jonas Schaible auf seinem Blog Beim Wort Genommen, weshalb das Zitat bislang so unterging. "Mir scheint, inhaltlich wäre die Nachricht sogar Stoff für einen Aufmacher." Er hat recht: Wenige Tage später nehmen sich Mainstream-Medien im großen Stil des Themas an. Allerdings bleibt es Spekulation, ob sie die Äußerungen wegen der Blog-Berichterstattung aufnehmen oder das Interview hinter den Kulissen des politischen Berlins nicht sowieso ein Thema ist.
In seiner aktuellen Ausgabe bezeichnet der Spiegel Köhler spöttisch als "Horst Lübke", eine Anspielung auf den Pannen-Präsidenten aus den sechziger Jahren. Am 31. Mai erklärt Köhler schließlich aufgrund der Kritik seinen Rücktritt.
Dass Blogger letztendlich Köhler gestürzt hätten, hält Deutschlandfunk-Sprecher Boettcher zwar für übertrieben. "Aber sicherlich haben die Blogger dazu beigetragen, dass das Thema stärker wahrgenommen wird."
Auf eine Antwort aus dem Bundespräsidialamt wartet der Kölner Blogger Stefan Graunke übrigens noch heute. Man könnte auch sagen: Die Sache hat sich erledigt.
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(sueddeutsche.de)
Zum Tod von Whitney Houston
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Trotz der vieler Vorteile und Bequemlichkeiten, das Internet ist nicht und darf nicht vollständig die mediale Stimme eines Volkes ersetzen. Dafür kuriert oft viel zu viel Unsinn im Netz und wird von wenigen gnadenlos ausgenutzt. Das noch junge und nahezu "kindische" Internet reagiert oft zu schnell und volatil - es fehlt an Reife und Stabilität der Informationen. Es verzerrt somit die Verteilung des uns gewohnten Informationsflusses und kann von wenigen Anonymen zu deren Vorteil gegenüber der breiten Masse genutzt werden - ähnlich einer Fehlinterpretations von Statistiken durch Laien.
Ich vermute, dass traurigerweise Horst Köhler's Ruf nicht der letzte sein wird, der durch ein vielleicht voreiliges und unbegründetes "flaming" irreparabel beschädigt wird... Zu erinnern ist da auch noch Deniz Baykal, ein türkischer Oppositionspolitiker, welcher vor kurzen seinen Hut nehmen musste, weil ein intimes Video von ihm sich im Netzt schnell verbreitet hatte und noch bevor rechtliche Schritte gegen das Video unternehmen werden konnten.
@hardy1974: Danke für den Hinweis, damit kommen wir auch der Quantifizierung näher: Sowohl Nachdenkseiten.de (25.5.), als auch fefe (23.5.) verlinken auf den Text vom 22. Mai im QuerBlog. Dort werden Stand heute etwas mehr als 2300 Leser angezeigt.Das ist für ein Blog ziemlich gut, aber dann doch im Vergleich zur Reichweite größerer Portale wenig. Muss natürlich auch nichts heißen, denn nicht jeder klickt zur Ausgangsquelle, zumal das Interview ja im Wortlaut bei dradio.de vorlag. Und da kommen wir wieder zum Grundproblem: Die einzelnen Faktoren, die Aufmerksamkeit generieren, sind schwierig zu messen, zumal bei der dezentralen Verteilung von Nachrichten.
@tappe: Vielen Dank für die netten Worte. In Sachen Crowdsourcing probiere ich ab und zu ein paar Sachen über Twitter aus, allerdings meist mit mäßigem Erfolg. Im aktuellen sde-System haben wir hierfür das Flüstertool, bei dem wir manchmal Ihre Kommentare in eigenen Artikeln oder Bildstrecken auswerten - aber für komplexere Formen der Zusammenarbeit, die ich mir wünsche, reicht das natürlich nicht. Aber mit der Evolution des Journalismus und der Webangebote wird dieser Zustand sicherlich nicht von Dauer sein.
@spoxx: Das steht auch im Text.
Einen schönen Abend wünscht,
Johannes Kuhn, sueddeutsche.de
http://www.ju.de/data/Wehrpflicht%20und%20Ersatzdienst.pdf
Die CSU schreibt doch in Ihrem Positionspapier zum Wehrdienst der Jungen Union noch Schlimmeres.
"Ressourcensicherheit und Sicherung von Rohstoffen"
"Sicherheit der Energieversorgung"
"Sicherung von weltweiten Verkehrswegen"
"innerstaatliche Konflikte" in anderen Ländern
für all das soll das deutsche Militär in Zukunft zuständig sein.
Und Guttenberg sagte bereits vor laufender Kamera, dass die Bundeswehr die Ressourcensicherheit sicherstellen muss, ist also auch voll auf Linie.
[...]CDU-Minister Volker Rühe formuliert in seinen Verteidigungspolitischen Richtlinien (26.11.1992) als Auftrag der Bundeswehr: "Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen". Deutschland gilt als "kontinentale Mittelmacht mit weltweiten Interessen".[...]
Quelle: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22686/1.html
Was verstehe ich daran nicht, Herr Köhler hat doch nichts anderes gesagt, oder?
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