Republica 2016 "Uns fehlt noch eine digitale Schatztruhe"

Wie erinnern uns aber nicht nur über Fotos, sondern auch über andere Objekte. Früher waren das Zugtickets, Kinokarten, Streichholzschachteln aus Restaurants. Und heute?

Die Digitalisierung ermöglicht es uns, ganz neue Formen von Artefakten zu bilden. Wir können Fotos mit GPS-Daten verknüpfen. Wir können, etwa während wir reisen, Texte schreiben und Audios aufnehmen und diese mit den Fotos zusammen abspeichern. Wir können Screenshots machen, um einen Moment festzuhalten: einen besonderen Chat bei Facebook speichern oder ein Bild auf Snapchat.

Wir wollen also mehr haben als nur Fotos, um uns zu erinnern.

Wir suchen nach Mitteln, wie wir unsere Erinnerung mit Kontext anreichern können. Aber auch da gibt es verschiedene Ansätze. Die Frage lautet immer: Was haben wir für Daten und was erinnern wir? Waren wir auf einer Reise, stellt Google uns jetzt schon ein persönliches Album zusammen, das uns zeigt, wann und wo wir mit wem waren und welche Bilder wir dort aufgenommen haben.

Für wie sinnvoll halten Sie diese Funktion?

Ich denke, dass viele Leute das annehmen. Ich persönlich stelle mir die Frage, ob ich das wirklich will. Mir ist klar, dass Dienste wie Google und Facebook meine Daten haben, aber ich merke, dass ich eigentlich nicht möchte, dass meine Erinnerungen automatisch "erstellt" werden. Derzeit sind die Algorithmen noch wenig präzise und unsensibel für Kontexte, so dass es zum Teil zu unfreiwillig komischen Situationen kommt, bis hin zu tragischen Momenten, wie etwa bei einem Vater, der von Facebook mit fröhlichen Piktogrammen an den Tod seiner Tochter erinnert wurde.

Und wenn die Algorithmen präziser werden, wird es eventuell auch unheimlich - denn wer genau erinnert dann und wem gehören diese Erinnerungen? Es ist so: Ich persönlich möchte gerne die Werkzeuge an die Hand bekommen, mit denen ich meine digitalen Erinnerungsartefakte kuratieren kann und den Prozess dann selbst durchführen.

Der erfasste Mensch

Staat und Unternehmen wollen immer mehr über die Bürger wissen. Der Kampf gegen die Digitalisierung ist chancenlos. Von Jannis Brühl mehr ...

Sie sprachen ja eben schon Facebook an. Wir nutzen soziale Netzwerke, um uns und unser Leben zu präsentieren. Aber dort stellen wir uns ja immer auf eine bestimmte Art und Weise dar. Inwieweit beeinflusst das denn unsere Erinnerungen?

Auf Facebook werden wir zu Produzenten unserer Erinnerungen. Wir teilen oftmals nur unsere schönsten und erfolgreichsten Erlebnisse und entscheiden bewusst, wie andere uns sehen sollen. Weil unser persönliches Netzwerk auf Facebook für viele von uns mittlerweile zu groß geworden ist, um wirklich private Sachen zu teilen, weichen wir damit auf andere Dienste aus. Auf Instagram kann ich beispielsweise auch mal Bilder posten, die mit traurigen Erinnerungen verbunden sind- das erkennen dann eher nur Freunde. Und Snapchat ist eben dazu da, um den Moment zu teilen. Die Plattformen bilden sich nach unseren Bedürfnissen aus.

Allerdings fehlt uns womöglich noch eine digitale Schatztruhe, in der wir all unsere Kostbarkeiten hineinlegen, wie wir sie im Physischen oft besitzen.

Warum brauchen wir eine solche Schatztruhe denn überhaupt?

Wir brauchen sie nicht nur für uns, sondern auch für unsere Nachfahren. Erst wenn wir für uns priorisieren können, was uns wichtig ist, können das auch Nachkommende erahnen. Denn was passiert, wenn sich jemand nach unserem Tod unser Leben anschaut? Wie kann er sehen, was uns wichtig war? Bei einer Wohnungsauflösung erkennt man oftmals anhand von Fotoalben und gerahmten Bildern die Wertschätzung bestimmter Erinnerungen. Ein Blick in den Laptop, zumindest in meinen, zeigt erstmal nur einen riesigen Datenberg. Da ist also noch Luft nach oben.

Wie digitales Erinnern heute schon funktionieren kann (oder in Zukunft funktionieren könnte):

  • Das Stadtmuseum Berlin hat für eine Ausstellung einen Aufruf nach Bildern aus West-Berlin zwischen 1945 und 1990 gestartet und diese online als Erinnerungsartefakte verfügbar gemacht.
  • Die App Timehop erinnert an Ereignisse, die vor einem Jahr passiert sind.
  • Selten gehörte Lieder können mit Adopt-a-Song zur Adoption freigegeben werden.
  • Mit der App Souvenir können virtuelle Fotoalben erstellt werden.
  • Eva Burneleit hat einen interaktiven Grabstein entwickelt.
  • Appspeck ist ein Konzept, das digitales Abspecken erleichtert: etwa mit Fotos, die sich zu bestimmten Zeiten oder unter bestimmten Bedingungen löschen.

Was ist aus der Generation der eine Million Möglichkeiten geworden?

Vor ein paar Jahren sind die sogenannten "Millennials" mit großen Zielen und Erwartungen ins Berufsleben gestartet. Zeit für ein erstes Fazit der Generation Y. Von Sarah Schmidt mehr ...