Angesichts millionenfacher Rechtsverletzungen ist fraglich, ob das Urheberrecht noch eine Zukunft hat
Einst wurden die Städte mit Mauern geschützt; wer hinein wollte, musste die Stadttore passieren. Bei dieser Gelegenheit wurde kontrolliert, manchmal wurden auch Abgaben kassiert. Als die Kanonen aufkamen und immer höhere Feuerkraft hatten, war es mit den steinernen Befestigungsanlagen vorbei. Sie boten keinen Schutz mehr.
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So ähnlich ergeht es heute dem Urheberrecht: Es soll den Autor, den Komponisten, den Filmemacher schützen, es soll dafür sorgen, dass sie von ihrer geistigen Leistung leben, von ihren Texten, Tönen und Bildern. Das Urheberrecht bildet eine Mauer aus Paragraphen, die die "Schöpfung", also die geistige Leistung des Urhebers, umgibt.
Einfache Nutzung, schwerer Schutz
Wer hinein will, muss zahlen - Honorare und Lizenzen. Das ist die Grundidee, und sie hat zweihundert Jahre lang leidlich gut funktioniert. Aber dann kam das Internet; es funktioniert wie eine globale Enteignungsmaschinerie. Es enteignet den geistigen Arbeiter oder den, der ihm diese Arbeit zur wirtschaftlichen Nutzung abgekauft hat.
Im Internet finden sich Millionen Texte, Töne und Bilder, die eigentlich urheberrechtlich geschützt sind, die also eigentlich jemandem gehören - und die dort eingestellt sind, ohne dass dafür Gebühren bezahlt worden sind und ohne dass vom Nutzer Gebühren bezahlt werden. So leicht die Nutzung dieses Materials ist - zwei Klicks genügen -, so schwierig ist der Schutz seiner Interessen für den geistigen Eigentümer oder für denjenigen, der ihm die Rechte daran abgekauft hat.
Die Geltendmachung der Eigentumsrechte ist umständlich, zeit- und geldraubend. Sie gleicht, zurückhaltend ausgedrückt, einem globalen Wettlauf des Hasen mit dem Igel. Der Unterschied zum Märchen ist der, dass es der Hase hier nicht mit einem, sondern mit unzähligen Igeln zu tun hat.
Die Video-Website YouTube, sie gehört zu Google, wurde soeben wegen angeblich gigantischer Urheberrechtsverletzungen auf eine Milliarde Dollar Schadenersatz verklagt. Bei YouTube kann jeder Nutzer Videoclips online stellen - und das wird munter getan.
Der Kläger, der Medienkonzern Viacom, macht geltend, dass eine ungeheuere Zahl mit Clips von Sendungen der Viacom-Sender MTV, Comedy Central und Nickelodeon ins Internet gestellt worden seien. Die Klageschrift beziffert die Zahl solcher illegal hochgeladener Ausschnitte auf mehr als 160 000.
Das sind, wenn man in der alten Terminologie und im alten Bild der Stadtmauer bleibt, 160 000 Einschläge. Die ins Internet gestellten Filmausschnitte sind nach Angaben der Klageschrift 1,5 Milliarden Mal angesehen worden. YouTube verkaufe Werbeplatz im Umfeld von urheberrechtlich geschütztem Material, für das das Unternehmen keinen Cent Lizenzen bezahlt habe.
Die Klageschrift wirft YouTube überdies vor, die Suche nach dem urheberrechtlich geschützten Material zu erschweren. Zuletzt hatte Viacom verlangt, 100 000 Clips mit Filmmaterial von der Website zu entfernen. YouTube behauptet, man habe dies getan. Im Übrigen biete YouTube doch "großartige Möglichkeiten für Rechteinhaber", etwa die, ein junges Publikum auf sich aufmerksam zu machen.
Plädoyer für die Piraterie
Den intellektuellen Unter- und Überbau für den ungenierte Zugriff auf geistiges Eigentum hat der amerikanische Rechtsprofessor Lawrence Lessig von der Stanford Universität geschaffen. Er plädiert - nachdem es ja auch den freien Markt und die freie Rede gebe - für eine Freiheit der Kultur, die von Patenten und Urheberrechten nicht behindert werden dürfe. Piraterie, also Urheberrechtsverletzung, sei zwangsläufig Teil der kulturellen Fortentwicklung.
Weil die meisten Patente und Urheberrechte heute von wenigen Konzernen gehalten würden, besteht nach seiner Meinung die Gefahr eines Kulturfeudalismus. "Creative Commons" heißt die von Lessig inspirierte Bewegung. Sie will das Urheberrecht nicht abschaffen, aber stark zurückschrauben.
Seine Thesen hat der Urheberrechtszerstörer Lessig in dem Buch "Freie Kultur. Wesen und Zukunft der Kreativität" zusammengefasst, das vor einem guten Jahr auch auf Deutsch erschienen ist. Ganz unrecht hat Lessig mit seiner Kritik an der feudalisierten Kulturindustrie nicht, aber er übersieht, dass die modernen Feudalherren, die Großkonzerne der Verlags-, Film - und Musikindustrie, also die Vermarkter, dem kreativen Geist immerhin noch Geld zahlen (wenn auch oft viel zu wenig). Das würde ganz aufhören, wenn jeder auf alles jederzeit und umsonst zugreifen kann.
Das Schicksal der Klage gegen YouTube wird ein Indikator dafür sein, wie viel Zukunft das Urheberrecht noch hat. Wenn die Klage Erfolg hat, dann ist auch das Duell zwischen Google und den Verlagen um die Welt-Bibliothek wieder offen. Wenn es dem Google-Konzern gelingt, den globalen Buchbestand in einer digitalen Bibliothek zu erfassen, dann wäre das Zeitalter des herkömmlichen Buchgeschäfts zu Ende.
Die Klage folgt amerikanischem Recht. Betrachtet man die Angelegenheit nach deutschem Recht, fällt einem der Artikel 14 Grundgesetz ein. Der Schutz des Eigentums gilt auch für das geistige Eigentum. Allerdings steht im Artikel 14 auch der Satz: Eigentum verpflichtet. Dieser Satz verpflichtet aber nicht dazu, sich das Eigentum wegnehmen zu lassen.
(SV v. 15.3.2007)
DFB-Pleite gegen die Schweiz
Creative Commons mögen partiell ein probates Mittel sein, um Wissen bzw. Forschung gemeinsam voran zu treiben.
Aber grundsätzlich wird das www die Urheberrechte fressen und die Aktivitäten erstgenannter Organisation sind eher als Rückzugsgefecht zu qualifizieren.
Dass Google den Buchhandel gefährden kann ist extrem unwahrscheinlich. Schon allein aufgrund der unterschiedlichen Beschaffenheit der beiden Medien, der Sinnlichkeit und Handhabbarkeit des Buches, ist eine Digitalisierung beim Buchgeschäft reine Fiktion. Anders sieht es wohl bei Nachschlagewerken, bei Lexika, Gesetzessammlungen und Arbeitsunterlagen aus: Wer schon heute über Wikipedia am universellen Wissen der Menschheit teilhaben kann, kauft sich keinen Brockhaus, der ihm veraltete und lückenhafte Informationen liefert. Allein das rasche Wachstum des Online-Lexikons, die ständige Erweiterung und Verbesserung der derzeit 560.000 Artikel, lassen die gedruckten Werke weit hinter sich zurück. Nur wegen der schmucken Grafiken, Bilder oder Diagramme, die man auch anderswo ergoogeln kann, braucht man noch lange keine wandfüllende Enzyklopädie. Fehler passieren hie und da, aber online können sie schneller behoben werden. Außerdem schreiben in der Wikipedia ganz überwiegend Wissenschaftler und akademischer Idealisten, die den lehrhaften Drang verspüren, ihr Wissen mit anderen zu teilen. Die Belletristik wird aber auch in hundert Jahren noch zwischen Pappdeckeln stecken, genauso wie der coole Ratgeber, den man zwischendurch im Zug konsumiert.
In Wahrheit will Viacom nur am florierenden You-Tube-Geschäft mitnaschen, das Urheberrecht dient dabei nur als Vorwand. Die zahllosen Videoschnipsel mit Logoeinblendungen sind doch nichts anderes als kostenlose Werbung für die Spartensender des TV-Konzerns. Doch die Manager und Rechtsexperten der Mediengiganten sind unentwegt auf der Suche nach neuen Einnahmen, ganz unabhängig von der erbrachten Eigenleistung. So grast man die Tauschbörsen und Download-Plattformen nach unlizensiertem Material ab und zieht beinahe routinemäßig vor Gericht, um die Einkünfte und Gewinnmargen noch ein bisschen aufzupäppeln. Bei Google ist ja bekanntlich viel zu holen.
waren die Schluesselbegriffe aus Sony vs. Universal. Einen significan non infringing use gibt es nicht nur bei Videorekordern, sondern auch bei YouTube. Minima non curat ist es jedenfalls aus wirtschaftlicher Sicht. Der Markt von Viacom fuer Videoclips wird nicht wirklich beruehrt.
Bei YouTube und Co stellen sich in Wirklichkeit ganz andere Probleme, ueber die mehr gesprochen werden sollte. Wie kann sich der Nutzer gegen willkuerliche Loeschungen wehren? Man sollte es einmal wagen, etwas Boeses ueber Hillary Clinton zu sagen oder einen Film ueber das Teetrinken im Hinduskush zu bringen, featuring Usama und Sohn etc, eine absolut sympatische Szene, man moechte dabeisein.
Hier laesst sich trefflich mit Copyright argumentieren. Es wird aber missbraucht. Deshalb ist YouTube, auch wenn der Streit mit Viacom vorbei ist, sicher keine Loesung fuer die Kommunikationsprobleme dieser Welt. Entweder ist YouTube der Veranstalter der Darbietungen, dann sollen sie wie jede Tageszeitung kraeftig blechen. Oder YouTube stellt nur die Technik bereit, dann sollen sie sich aus den Inhalten voll heraushalten. Tertium non datur.
Juristisch mag das mit dem Urheberrecht ja alles eindeutig sein, tatsächlich ist die gefühlsmäßige Rechtsauffassung der Bevölkerung, mich eingeschlossen, aber eine ganz andere. Wir waren bereit, für eine greifbare Ware - ein Buch, eine Zeitung, eine CD - Geld zu zahlen. Wer diese Dinge plump kopiert, greift die Rechte andere an. Ist aber nichts greifbares mehr damit verbunden, dreht sich das Gerechtigkeitsempfinden schnell ins Gegenteil.
Viele Dinge sind schlicht Teil unserer Kultur geworden. Niemand möchte Geld dafür zahlen müssen, wenn er den "Faust" von Goethe zitiert, dem Baby ein Kinderlied vorsingt oder die deutsche Sprache in Wort oder Schrift benutzt. Die Lizenzierung dieser Dinge käme einem Kulturverbot gleich, das zutiefst verwerflich wäre. Aber ist es denn soviel anders, wenn ich "Yellow-Submarine" von den Beatles singe und Text und Noten aus einem Liederbuch kopiere? Wenn ich ein Mozartkonzert im Radio aufnehme oder den letzten "Tatort" auf DVD brenne? Wieso darf ich diese Dinge nicht ins Internet stellen? Mozart ist seit langer Zeit tot, er hätte bestimmt nichts dagegen. Die Produktion des Tatorts habe ich mit meinen eigenen Gebühren finanziert - mit dem expliziten Zweck (!) dass möglichst viele Leute es sich kostenlos anschauen können. Rechtsauffassung und Gerechtigkeitssinn haben sich hier weit auseinander entwickelt.
Was meiner Meinung nach unbedingt erforderlich ist, ist ein Mechanismus, dass dem Urheberrecht unterliegendes Material nach einer gewissen Zeit automatisch zu kostenloser "Kultur" wird. Ein Pop-Song sollte nach einigen Jahren lizenzfrei sein, ebenso Filme und Bücher. Das wäre keinesfalls das Ende der Kultur, sondern ein akzeptabler Kompromiss zwischen Kulturschaffenden und der öffentlichkeit. Und über Konzerte, Lesungen, den Verkauf von greifbaren Erzeugnissen, inklusive Merchandising-Artikeln, ist die Verwertungskette mit Sicherheit noch nicht am Ende.
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