Quantified Self Tracking am Arbeitsplatz

Dieser Massenmarkt macht auch vor der Arbeitswelt nicht halt. Längst gibt es Beispiele von Unternehmen, die ihre Beschäftigten mit Tracking-Geräten ausstatten, um das Verhalten zu optimieren. Der Ölkonzern BP etwa verschenkte im vergangenen Jahr Fitnessarmbänder an 14 000 Mitarbeiter. Wer damit seine Bewegungen aufzeichnen ließ und im Jahresverlauf mehr als eine Million Schritte ging, konnte seinen Versicherungsbeitrag senken.

Noch weiter geht das Angebot von Sociometric Solutions, einem Bostoner Start-up: Beschäftigte sollen mit Sensoren und zwei Mikrofonen versehene Zugangskarten tragen, die ihr Kommunikationsverhalten aufzeichnen. Mit den so erhobenen Daten habe Sociometric Solutions schon in mehreren Unternehmen die Leute produktiver gemacht und Umsätze gesteigert, sagte der Gründer vor Kurzem der New York Times.

Aus Quantified Self wird Quantified Employee, der quantifizierte Arbeitnehmer. Die Grenze zwischen Fremd- und Selbstkontrolle verschwimmt zusehends, im Privatleben wie am Arbeitsplatz.

Versicherungen und Kassen interessiert an Daten

In Deutschland nutzt einer Umfrage des IT-Verbands Bitkom zufolge etwa jeder achte über 14 Jahren ein Tracking-Gerät. Und nicht nur in den USA deutet sich an, was mit der massenhaften Verbreitung der kleinen Geräte möglich wird. Zum Beispiel bei der Gesundheitsvorsorge: Die per App gesammelten Daten sind nämlich auch für Versicherungen und Krankenkassen interessant.

So bietet die AOK Nordost ihren Versicherten die Fitness-App Dacadoo für eine Zeit kostenlos an und errechnet aus den aufgezeichneten Werten deren allgemeinen Gesundheitszustand. Ähnliche Angebote gibt es bereits bei der DAK, der Barmer und der Betriebskrankenkasse des Autoherstellers Daimler. Die AOK Nordost betont in diesem Zusammenhang, man erhebe nur anonyme Daten und keine Detailinformationen über einzelne Versicherte - Dacadoo aber erhält diese Daten. Es ist längst nicht mehr undenkbar, die Höhe von Versicherungsbeiträgen an das per App aufgezeichnete Verhalten zu knüpfen.

"Selbstvermessung ist das Gegenteil von Selbstvertrauen"

Die Schriftstellerin Juli Zeh hat sich mehrmals öffentlich gegen die private Datensammelwut gestellt, sie hat vor wenigen Jahren in ihrem Buch "Corpus Delicti" einen dystopischen Zukunftsstaat geschaffen, in dem Menschen hart bestraft werden, wenn sie nicht den gesetzlichen Gesundheits- und Hygienestandards genügen und ihr Verhalten akribisch dokumentieren. "Quantified Self verabschiedet sich von einer Vernunft, die zum Bestimmen des richtigen Lebens keinen Taschenrechner braucht", schrieb Zeh in einem Gastbeitrag für den Schweizer Tagesanzeiger. "Selbstvermessung ist das Gegenteil von Selbstvertrauen." Wenn es einen optimalen Lebensstil gebe, dann gebe es auch Abweichungen von der Norm, an die sich Belohnung und Strafe knüpfen ließen.

Florian Schumacher teilt diese Bedenken nicht, er weist auf die vielen anderen Lebensbereiche hin, die Menschen bereits heute nicht mehr allein unter Kontrolle hätten. "Heute schon werden wir mit Werbung manipuliert, da könnten zukünftig andere Einflüsse hinzukommen. Hoffentlich", so sagt er, "mit edleren Motiven."