Prominente Youtuber Sie wollen doch nur spielen

Valentin "Sarazar" Rahmel (rechts) und sein Geschäftspartner und Kumpel Erik "Gronkh" Range.

(Foto: Studio 71)

Kein Mensch braucht das Fernsehen, um berühmt zu werden. Melina schneidet auf Youtube Grimassen, Sarazar spielt Computer. Auf der Straße werden sie von Fans bestürmt. Die Amateure übernehmen das Unterhaltungsgeschäft.

Von Hannah Beitzer und Jannis Brühl

Melina hat ein Problem mit der Fußgängerzone in ihrer neuen Heimat Köln. Die Einkaufsstraßen sind zu eng. Da ist es schwierig, Fans auszuweichen: "Wenn du einmal stehenbleibst, weil jemand ein Selfie mit dir machen will, ist es vorbei." Dann würden immer mehr Jugendliche neugierig und wollten Handyfotos von sich mit ihrem Idol.

Auch Sarazar ist auf vielen Selfies mit Leuten, die ihn auf der Straße erkennen. "Meine Zuschauer sind teilweise noch sehr jung", sagt er. Sarazar ist ihr Vorbild, sie wollen sich kleiden wie er, Spiele zocken wie er. 1000 Nachrichten bekommt er jeden Tag auf Facebook, dazu die Kommentare unter seinen Videos.

Die 19-Jährige Melina und der 30-jährige Valentin "Sarazar" Rahmel sind Youtuber, veröffentlichen also Videoclips im Internet. Bei ihnen suchen viele Teenager und junge Erwachsene das, was sie in Castingshows und Scripted-Reality-Sendungen im Fernsehen nicht finden: "authentische" Unterhaltung. Und mit diesen Fans ist viel Werbegeld zu verdienen.

Sarazar ist ein Youtuber der ersten Stunde

Fast 500 000 Abonnenten hat Melinas Kanal "lifewithmelina" auf Youtube. Ihre kurzen, schnell geschnittenen Filme sind harmlose, an Teenager gerichtete Improvisationscomedy: Sie setzt sich einen gigantischen Hasenkopf aus Plüsch auf und fragt mit falschem russischen Akzent Jungs auf der Straße nach ihrer Nummer. Mit anderen Youtubern schiebt sie sich einen Esslöffel Mehl in den Mund und singt nuschelnd Lieder.

Valentin Rahmel alias Sarazar hat sogar 1,5 Millionen Abonnenten. Er spielt in seinen Videos Online-Computerspiele, von Call of Duty über GTA bis Battlefield, und kommentiert das Geschehen auf dem Bildschirm. "Let's play" heißt das Genre auf Youtube.

Rahmels Fans sind nicht ganz so jung, teils bis 30 Jahre alt. Viele sind mit Rahmel älter geworden. Er ist seit 2010 auf Youtube, das war noch vor dem großen Hype der Youtuber, die manchen Werbemenschen inzwischen als die neuen Rockstars gelten. Online ist er aber schon viel länger. Seinen Spitznamen "Sarazar", unter dem er heute noch seine Videos veröffentlicht, hat er sich mit 13 Jahren für die ersten Online-Rollenspiele gegeben, deren Namen heute außerhalb der Community keiner mehr kennt. Das war noch vor World of Warcraft. So hat er auch seinen Kumpel und Geschäftspartner Erik Range kennengelernt, der als "Gronkh" stolze drei Millionen Abonnenten auf Youtube hat.

"Ein ganz normaler Hampelmann"

Die beiden stellten schließlich ein Spielemagazin online, wollten ihr Hobby zum Beruf zu machen. "Wir haben dann Partner gesucht, das hat auch irgendwann geklappt. Trotzdem wussten wir manchmal nicht, wie wir die nächste Rechnung bezahlen sollen." 2009 gründeten sie die Play Massive GmbH und experimentierten mit Videos. Schnell stießen sie auf Youtube, wo das auch mit wenig Technik möglich ist. "Wir wollten einfach mal die Spiele zocken und dabei erzählen, wie wir sie finden", sagt Rahmel. "In unseren kühnsten Träumen hätten wir nicht damit gerechnet, dass so viele das sehen wollen. Wir haben vielleicht mit 20 000 Zuschauern gerechnet."

Doch es wurden mehr. Erst langsam, dann immer schneller. Heute haben Gronkh und Sarazar Auftritte auf ProSieben, spielen in Live-Shows vor mehreren tausend Leuten auf, die jubelnd dabei zusehen, wie sie auf der Bühne herumblödeln und dabei zocken. "Das ist schon krass", sagt Rahmel. "Vor drei Jahren warst Du noch irgend so ein ganz normaler Hampelmann, der bei Youtube Videos macht, heute bist Du auf einer Bravo-Doppelseite. " Was das besondere an Gronkh und Sarazar ist? "Wir hatten auch Glück", sagt Rahmel, "waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sicher gibt es irgendwo noch andere, die das eigentlich viel besser könnten."

Nun sitzt aber Rahmel und kein anderer in den Räumen des "Studio 71" in Berlin Mitte, einem Multichannel-Netzwerk, das zur ProSiebenSat.1 Gruppe gehört. Das Netzwerk will Fernsehen und den wachsenden Markt der Web-Videos zusammenbringen, auch die Videoplattform My Video gehört dazu. Was das TV-Unternehmen von Sarazar und Gronkh will? Nun, Rahmel mag tatsächlich "ein ganz normaler Hampelmann" sein, wie er da sitzt in Jeans und Pulli, mit halblangen Haaren und nettem Grinsen. Aber gerade das Normale, manchmal Chaotische, immer ein bisschen Improvisierte macht Youtube aus. Rahmel ist eloquent und stets bedacht darauf, nicht abgehoben zu wirken. Alles Dinge, die manchem Pro-Sieben-Sternchen fehlen.

Online-Ruhm hat seinen Preis

Mit einer vierjährigen Youtube-Karriere ist Rahmel schon alte Schule. Melina gehört zur nächsten Generation. Ihren Nachnamen will ihr Management geheim halten, kontrollieren, wer Zugang zu ihr hat. Auch wenn sie Videos in ihrer neuen Kölner WG dreht, in der sie mit Youtube-Kollegin Shirin lebt, ist Melina vorsichtig: "Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Straße nicht filmen, oder mit der Kamera aus dem Fenster raus." Auch Online-Ruhm hat seinen Preis in der Offline-Welt.

Die 19-jährige Youtuberin Melina

(Foto: Tubeone)

Vor einem Jahr hat Melina in Minden ihren Realschulabschluss gemacht. Sie wusste, dass sie zum Fernsehen wollte: "Ich war schon immer die, die am meisten Faxen gemacht hat." Statt sich über Praktika oder Castings in der TV-Hierarchie hochzudienen, nahm sie die Abkürzung Youtube: Sie wurde bekannt, als der bereits bekannte Spaßvogel "Liont" sie in einem seiner Videos auftreten ließ: "Ich hatte 2000 Abonnenten, am nächsten Tag 10 000, nach einem Monat 100 000. Da habe ich erst gemerkt, wie viele Menschen das schauen."