Produkt-Rezension So erkennen Sie gekaufte Amazon-Bewertungen

Amazon zerrt mehr als 1000 Verfasser gekaufter Produkt-Rezensionen vor Gericht. Worauf Nutzer bei Online-Bewertungen achten sollten.

Von Jannis Brühl

Eine Lüge kostete fünf Dollar. Für diesen Preis boten Autoren Händlern im Internet an, auf Amazon eine positive Bewertung für deren Produkte zu verfassen - ohne diese gekauft zu haben. Jetzt macht der weltgrößte Online-Händler ernst. In Seattle verklagt Amazon 1114 Personen, die "falsche, irreführende und unauthentische Nutzerbewertungen" verkauften. Das Vertrauen in den Konzern steht auf dem Spiel. Der britischen Zeitung Guardian zufolge lauteten verdächtige Rezensionen für ein USB-Kabel zum Beispiel: "Das hat mein Leben erleuchtet", oder: "Ich war beeindruckt wie hell die Lichter am Kabel waren."

Auf Amazon bieten externe Händler Produkte an. Für sie ist die enthusiastische Bewertung eines Fernsehers oder eben eines Kabels bares Geld wert. In Umfragen geben regelmäßig mehr als zwei Drittel der deutschen Befragten an, dass ihnen Bewertungen anderer Kunden Orientierung beim Einkaufen geben. Angebote mit vielen positiven Rezensionen erscheinen nicht nur Nutzern als attraktiver, die schon auf der entsprechenden Produktseite gelandet sind. Sie können es auch - ungerechtfertigt - auf die Bestenlisten der Verkaufsportale schaffen. Dort sichtbar zu sein ist wichtig, wenn man in den Weiten des Netzes Umsatz machen will.

Falsche Bewertungen sind die Erbsünde des Online-Shoppings. Schätzungen gehen davon aus, dass jede dritte Rezension gefälscht ist - mindestens. Amazon ist nicht die einzige Webseite, die mit dem Problem konfrontiert ist, auf Portalen für Preisvergleiche wie Ciao oder für Restaurantbewertungen wie Yelp wird genauso getrickst. Auch im deutschsprachigen Raum, gibt es spezialisierte Agenturen, die positive Bewertungen gegen Geld anbieten. Verbraucherschützer aus Schleswig-Holstein stießen auf einen Arbeitsvertrag, der einem "Mitarbeiter Shopbewertung" 1800 Euro für das Bejubeln von Produkten von zu Hause aus zusicherte. Vergangenes Jahr hatten Süddeutsche Zeitung und das österreichische Magazin Datum aufgedeckt, dass Wiener PR-Spezialisten Tausende Beiträge hatten fälschen lassen, in denen unter anderem ihre Kunden Opel, Bayer oder Tui gelobt wurden. Für ihre digitalen Profile erfanden die Claqueure Hobbys und Haustiere, um authentischer zu erscheinen.

Erlogene Rezensionen verstoßen gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Nur ist schwer herauszufinden, welche Bewertung echt ist und welche nicht. Die Unternehmen geben nicht preis, wie sie Fälschungen aufspüren. Sie fürchten, dass sich die Claqueure auf Suchalgorithmen einstellen. Doch einige Grundmuster haben Verbraucherschützer sowie Forscher der University of Illinois at Chicago und der Cornell University zusammengetragen, die Nutzer berücksichtigen können, wenn sie herausfinden wollen, ob eine Bewertung echt ist: Glühende Produktbewertungen stehen unmittelbar nach dem Verkaufsstart online. Verschiedene Bewertungen sind wortgleich. Und positive Bewertungen stehen oft in starkem Widerspruch zu einer Masse an - ehrlichen - schlechten Bewertungen.

Wo Kunden sonst noch ausgetrickst werden

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Besonders oft gefälscht werden Verbraucherschützern zufolge Rezensionen von elektronischen Geräten, vor allem aber ist bei Reiseportalen Vorsicht geboten: Im Tourismus sind Bewertungen noch wichtiger als bei physischen Produkten. Ein schrottiger Fernseher ist verbranntes Geld, in einem schmutzigen Hotel zwischen Baustellen zu stranden, ein Albtraum. Mehrere große Reiseseiten haben deshalb Systeme umgestellt, die Bewertungen nur jenen ermöglichen, die tatsächlich über die Seite gebucht haben.

Die Sprache in Bewertungen kann verräterisch sein: Echte Tester benutzen Wörter, die das Reiseziel beschreiben, wie "Fußboden" oder "Badezimmer". Fälscher dagegen verwenden oft vage Worte wie "Luxus". Und sie erzählen gerne von Verwandten, die der Geschichte quasi als Nebenpersonen Authentizität verleihen sollen. Wörter wie "Ehemann" und "Ehefrau" gelten als Alarmsignale. Ungewöhnliche Formulierungen sollten Nutzer googeln. Wenn sie wortgleich bei anderen Produktbewertungen auftauchen, kann das ein Hinweis sein, dass ein Fälscher einen Bewertungstext einfach kopiert hat - oder ihn gar eine Maschine verfasst hat.

In vielen Online-Shops reicht die Angabe einer E-Mail-Adresse, um sich anzumelden. Trickser können sie unter falschem Namen einrichten. Ihre Identität verschleiern Profis auch, indem sie verschiedene IP-Adressen verwenden. Im April hatte Amazon vier Unternehmen verklagt, die Bewertungen verkauften. Jetzt geht der Konzern gegen einzelne Verfasser vor. Die Beschuldigten boten ihre Dienste über Fiverr an, einen digitalen Arbeitsmarkt für "Clickworker", die für wenig Geld einfache Jobs von zu Hause aus erledigen. Ironie am Rande: Mit seiner eigenen Webseite "Mechanical Turk" hat Amazon maßgeblich zur Schaffung des Arbeitsmarktes für solche Billiglöhner beigetragen.