Privatsphäre im Social Web Wie man Internetnutzer zum Sprechen bringt

Wer Möglichkeiten hat, seine Daten zu kontrollieren, der gibt auch mehr von sich preis. Herausgefunden haben Psychologen das jetzt in einer Studie. Internetnutzer scheuen demnach vor allem den Kontrollverlust.

Von Sebastian Herrmann

Wie lässt sich ein Internetnutzer dazu verführen, intime Informationen zu verraten? Indem ihm die Möglichkeit gegeben wird, seine Daten zu kontrollieren und zu entscheiden, wer etwa private Fotos sehen darf. "Kontroll-Paradoxon" haben die Psychologen Laura Brandimarte, Alessandro Acquisti und George Loewenstein das Phänomen getauft, das sie in mehreren Versuchen beobachtet haben (Social Psychological and Personality Science, online).

Die Wissenschaftler ließen ihre Probanden Fragebögen ausfüllen, in denen sie teils sehr intime Fragen stellten. Angeblich sollten aus den persönlichen Informationen der Teilnehmer etwa Profile für ein neues soziales Netzwerk an der Universität erstellt werden. Hatten die Probanden wenigstens einen winzigen Einfluss darauf, wie mit den Daten umgegangen wurde, verrieten sie besonders viele Details. Verfügten sie scheinbar über keine Kontrolle, waren sie weniger auskunftsfreudig.

Kontrollverlust erhöhte das Misstrauen: In einem Experiment hieß es, nur die Hälfte der Fragebögen werden werde per Zufall zur Veröffentlichung ausgewählt. Objektiv reduzierte dies das Risiko, dass sensible Antworten aus den Fragebögen öffentlich wurden. In der Praxis ließ diese Situation manche Probanden aber verstummen: Sie gaben sehr viel weniger von sich preis als jene Gruppe, von der 100 Prozent der Daten öffentlich gemacht werden sollten - sie empfanden die Unsicherheit als Kontrollverlust.

Die Psychologen vergleichen den beobachteten Effekt mit der sogenannten Risiko-Homöostase. Sobald Menschen das Gefühl haben, sie könnten eine Gefahr kontrollieren, neigen sie zu besonders riskantem Verhalten. Im Falle der Datensicherheit im Internet resümieren die Autoren: Die Mehrzahl der Nutzer etwa von Netzwerken wie Facebook wünsche sich Kontrolle über ihre persönlichen Daten. Nur sei das eben nicht immer die beste Möglichkeit, um die Privatsphäre der Nutzer zu schützen.