Potentielle Sicherheitslücke Geheimdienste verbieten angeblich Lenovo-Computer

Spionieren chinesische Technologie-Firmen für die Volksrepublik? Das scheinen jedenfalls mehrere westliche Geheimdienste zu glauben. Laut einem Medienbericht haben sie die Computer des PC-Herstellers Lenovo auf den Index gesetzt. Dabei geht es um auch amerikanische Technik.

Von Matthias Huber

Westliche Geheimdienste hegen großes Misstrauen gegenüber der Volksrepublik China. Der ehemalige NSA-Chef Michael Hayden, der selbst wegen des Abhörprogramms Prism international unter Beschuss steht, warnte erst kürzlich vor Spionage durch den chinesischen Handy-Fabrikanten und Mobilfunkbetreiber Huawei. Das Misstrauen reicht aber offenbar noch deutlich weiter. Einem Medienbericht zufolge haben die Geheimdienste der USA, Kanadas, Großbritanniens, Australiens und Neuseelands die PC des chinesischen Herstellers Lenovo auf den Index gesetzt - und zwar schon im Jahr 2006.

Dies berichtet jedenfalls die Wirtschaftszeitung Australian Financial Review. Sie beruft sich dabei auf australische Militär- und Geheimdienstkreise. Demnach habe bereits damals ein Labortest ergeben, dass die verbauten Chips prinzipiell dafür geeignet seien, geheimen Programmcode auf die betroffenen Computer einzuschleusen.

Bei Lenovo habe man von diesen Vorwürfen erst jetzt aus der Presse erfahren. Man nehme sie aber ernst und wolle der Sache nachgehen. "Wir können uns gar nicht erlauben, nachlässig zu sein", sagte ein Sprecher des Unternehmens. "Wir haben nach wie vor viele staatliche Kunden mit sehr heiklen Sicherheitsbedürfnissen."

Ob der Bundesnachrichtendienst (BND) auch zu diesen Kunden gehörte oder noch immer gehört, wollte ein BND-Sprecher der Süddeutschen Zeitung nicht sagen. Angaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zufolge, wird derzeit aber immerhin geprüft, inwieweit Computer von Lenovo weiterhin für den Einsatz in anderen deutschen Behörden geeignet sind.

Vorwürfe auch gegen Intel

Grundsätzlich ist es jedoch fraglich, wie plausibel die Sorge der US-Geheimdienste überhaupt ist. Schon allein deshalb, weil es schwer sein dürfte, unter vielen Millionen verkauften Lenovo-Geräten einzelne Geheimdienst-Rechner zu identifizieren. Realistischer ist es dagegen, dass die angebliche Sicherheitslücke für Industriespionage genutzt wird.

Wie die Hintertür aussehen könnte, beschreibt der US-amerikanische Computerspezialist Steve Blank in einem Gastbeitrag für die Onlinezeitung Huffington Post: Demnach könne beispielsweise der amerikanische Chip-Hersteller Intel bereits seit Mitte der neunziger Jahre über Betriebssystem-Updates Korrekturen an der Funktionsweise des Prozessors vornehmen - oder theoretisch sogar den PC des Nutzers manipulieren. Dafür sind geheime Schlüssel nötig, die angeblich nur Intel bekannt sind. Diese Schlüssel seien ein lohnendes Ziel für Geheimdienste wie die NSA - und diesem nach Überzeugung von Blank wahrscheinlich längst bekannt.

Unklar ist daher, warum sich der Vorwurf ausgerechnet an Lenovo richtet. Der chinesische Konzern tritt normalerweise nicht selbst als Chip-Hersteller in Erscheinung. Stattdessen entwirft die chinesische Firma PC- und Laptop-Komplettsysteme und baut sie aus den Komponenten von Fremdherstellern zusammen - zum Beispiel aus den Prozessoren und Chip-Platinen von Intel. Diese werden sogar teilweise in den USA gefertigt und nicht nur bei Lenovo verbaut. Sondern auch in den Geräten von US-Computer-Herstellern wie Apple oder Dell.

Ergänzung vom 31.7., 9.45 Uhr: Das australische Verteidigungsministerium hat mittlerweile dementiert, dass es ein explizites Verbot von Lenovo-Computern für die Geheimdienstnutzung gebe. Gegenüber der Australian Financial Review wurde allerdings offenbar bestätigt, dass Lenovo gleichzeitig aber auch nicht offiziell zugelassen sei. Wie viele und welche PC-Marken für den Geheimdienst-Gebrauch tatsächlich freigegeben sind, ist nicht bekannt.