Hinzu kommt der "digitale Graben": Nur wenige aus der Generation der vor 1970 Geborenen können mit den Themen der Piraten etwas anfangen, weil sie das Internet erst spät in ihrem Leben kennengelernt haben. Ein Blick auf die Ergebnisse bei den Europawahlen verdeutlicht dies: Mehr als ein Prozent erzielte die Piratenpartei nur in Städten, die besten Ergebnisse in Studentenhochburgen wie Dresden, Erlangen und Karlsruhe.

Anzeige

Auch Parteimann Hillbrecht gibt zu, dass männliche Technikbegeisterte unter 40 in den Reihen der Piraten klar überrepräsentiert sind - nicht ohne nachzuschieben, dass auch eine "nicht völlig zu vernachlässigende Zahl von Frauen" zu den Parteistammtischen erscheint. Wenn es um ältere Mitglieder geht, bemüht er wieder die Öko-Partei: Es kämen "auch Leute, die damals die Grünen mitgegründet haben".

Auch wenn Teile von Grünen und FDP in den letzten Monaten versuchen, Bürgerrechte im Netz zum Thema zu machen, glaubt er nicht, dass sie sich auf Kosten der Piraten mit Internet-Themen profilieren können: Seine Partei sieht er langfristig als "sehr wichtiges Korrektiv" für die etablierten Parteien.

Eine Kampagne macht noch keine Partei

Selbst wenn die Piraten sich momentan im Höhenrausch befinden, könnten sie bald feststellen, dass eine Kampagne noch keine Partei macht. Wie viel von dem Gemeinschaftsgefühl in ihren Foren können sie aus der virtuellen in die reale Welt retten? Zuspruch per Klick vom Schreibtisch aus ist leichter zu orchestrieren als Wähler an die Wahlurne zu bringen.

Tauss' Überlaufen stärkte den Mitgliederschub der Piraten, ist aber auch ein großes Risiko für die Partei - weil gegen den Abgeordneten aus Karlsruhe nach wie vor ermittelt wird. Bei ihm war kinderpornographisches Material gefunden worden. Tauss trat aus der SPD aus, weil deren Fraktion größtenteils dafür stimmte, Seiten mit kinderpornographischem Material sperren zu lassen. Sollte sich der Verdacht gegen Tauss bestätigen, würde auch die Piratenpartei Schaden nehmen.

Doch soweit denkt Dirk Hillbrecht noch nicht. Sollten weitere Schritte im Verfahren gegen Tauss eingeleitet werden, "muss man sehen, ob Konsequenzen gezogen werden". Jetzt muss er erst mal dafür sorgen, dass das Bürgerzentrum dem Piratenansturm standhält.

Eine Partei beginnt zu träumen

Die mediale Aufmerksamkeit der letzten Wochen bringt die Piraten bereits zum Träumen. Wer sich in Foren und Blogs im Umfeld der Partei umsieht, spürt die Hoffnung der Anhänger. Diese Hoffnung ist grün. Immer wieder klingt durch: Sie wollen den Erfolg der Grünen wiederholen. Statt Umweltschutz solle die Idee von der "Freiheit im Netz" und ein neues Verständnis von geistigem Eigentum langfristig in der Mitte der Gesellschaft verankert werden.

Auch die Gründung der Grünen war eine Reaktion auf den technischen Fortschritt. Auch sie setzten zunächst konsequent auf Themen jenseits des Mainstreams, die von den großen Parteien vernachlässigt wurden: Ökologie, Abrüstung und Feminismus. Später wurden die Grünen von einer Partei der Subkultur zur etablierten politischen Kraft. Parteivorsitzender Hillbrecht glaubt, dass die Piratenpartei "definitiv das Potential hat", einen ähnlichen Weg zu gehen.

Nun ist der Schutz des deutschen Waldes konsensfähiger als die abstrakt klingende "Freiheit im Netz" oder die Vorratsdatenspeicherung. Beide betreffen zwar alle Bürger, bleiben für den Einzelnen aber unsichtbar und sind deshalb schwer zu vermitteln.

Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3

  1. Unter schwarzer Flagge
  2. Löschen statt Sperren
  3. Sie lesen jetzt Ökologie, Abrüstung und Feminismus
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/mri/jj)