Open-Source-Software Lasst sie frei

Wie kann in Europa eine eigenständige IT-Industrie entstehen? Nur mit Open-Source-Software, sagen Branchenvertreter - auch wenn es in letzter Zeit einige Rückschläge gab.

Von Helmut Martin-Jung

Eigentlich sollte der Fall doch klar sein: In einer Welt, in der Daten einerseits wichtig sind und es andererseits viele auf sie abgesehen haben, müssten diese Daten bestmöglich geschützt werden. Was man am besten damit erreicht, sie möglichst unknackbar zu verschlüsseln. Aber wie kann man sich da sicher sein? "Ohne Transparenz keine Sicherheit", ist Thomas Uhl überzeugt.

Uhl ist führendes Mitglied in der Open Source Business Alliance. In dem Verband haben sich Software-Firmen zusammengeschlossen, bei denen Offenheit zum Geschäft gehört. Aus Prinzip, denn nur bei Software, die bis ins letzte Detail einsehbar und überprüfbar ist, sei man sicher vor Hintertüren. Genau das geht bei Open Source Software. Die Quelldateien stehen für jedermann zur Einsicht bereit.

Doch das Problem der Open-Source-Bewegung: Neben den großen Playern werden sie kaum wahrgenommen, das gilt für die Öffentlichkeit genauso wie für das Beschaffungswesen. Uhl nennt aus dem Stand einige Projekte wie etwa Spreed - ein Videokonferenzsystem, das es mit Skype aufnehmen kann und dazu noch nicht einmal ein eigenes Programm braucht, denn es läuft elegant im Browser. Apropos Browser: Beim Projekt Iridium verwenden die deutschen Entwickler dieselbe Grundlage wie die Entwickler des Google-Browsers Chrome. Nur treiben sie der Software den Datenhunger gründlich aus.

Schlechte Nachrichten verbreiten sich schnell

Zwei Beispiele sind das, die sich für fast alle Nutzer eignen und mit denen sich herstellereigene Software ersetzen lässt. Daneben gibt es natürlich auch Software für Unternehmen, etwa Helium 5, eine Lösung für die Planung von Firmenressourcen. Doch, räumt Uhl ein, wir haben ein Problem mit der Öffentlichkeit. Kaum gebe es einmal schlechte Nachrichten, würden diese sich schnell verbreiten, die eigenen Erfolgsgeschichten aber bekommen die oft kleinen Softwarefirmen nicht vermittelt.

Vergangenes Jahr etwa machte ein in der Tat haarsträubender Fehler in der weitverbreiteten Open-Source-Software Open-SSL Furore. Doch gerade dieser Fehler, über den gewiefte Hacker an geheime Schlüssel herankommen konnten, ist für Uhl ein Beispiel, dass Open Source mehr Unterstützung und Förderung braucht. "Nur weil es offen ist, ist es ja nicht sicher", sagt er, "da muss Geld rein, es braucht auch eine Qualitätssicherung." Der reine Enthusiasmus, den man den Mitgliedern der Open-Source-Bewegung oft unterstellt, reiche jedenfalls nicht aus.

Open Source

Menschen schreiben Programme in Programmiersprachen. Ist ein Programm fertig, muss es für den Computer in Maschinensprache übersetzt werden und wird damit für Menschen unleserlich. Die meisten Software-Firmen geben nur diese kompilierte Form ihrer Software heraus und hüten den Quellcode - so heißt die für Menschen lesbare Version - als Betriebsgeheimnis. Anders bei Open Source. Hier stehen neben den kompilierten Versionen auch die Quellcodes für alle zur Verfügung. Man kann sie herunterladen, um sie zu überprüfen. Aber man kann sie auch verändern, um sie etwa eigenen Bedürfnissen besser anzupassen. Auch viele große Firmen setzen Open-Source-Produkte wie etwa das Betriebssystem Linux ein, zum Beispiel Facebook oder IBM. Sie arbeiten auch federführend daran mit, die Software ständig aktuell zu halten und zu verbessern. Helmut Martin-Jung

Leichte Bedienbarkeit

Open-Source-Software sei auch nicht für alle Aufgaben unbedingt das Maß aller Dinge, doch lasse sie sich gut mit herstellereigener Software kombinieren - und das oft zu geringeren Kosten. Eines ist für Thomas Uhl aber unzweifelhaft: "Wenn Europa eine eigenständige IT will, muss es auf Open Source setzen." So könne sich eine industrielle Allianz herausbilden, aus der vielleicht sogar einmal ein neues Handy-Betriebssystem hervorgehen könnte.

Der mit 180 000 Euro Jahresetat sehr bescheiden ausgestattete Verband versucht so gut es geht, Lobby-Arbeit zu betreiben. Doch gegen die Großen der Branche, die etwa in Berlin prächtige Büros unterhalten, die weit mehr kosten, können sie natürlich kaum ankommen. Und nicht nur das. Auch in den großen IT-Verbänden, die sich etwa beim IT-Gipfel mit Spitzenpolitikern treffen, führen die das Wort, die am meisten zahlen können. Und oft richteten sich auch schon Ausschreibungen etwa von Behörden nur an Großfirmen. Dabei ist sich Uhl sicher, dass auch Behörden viele IT-Dienstleistungen von kleineren deutschen Firmen billiger und besser bekämen. Besser vor allem, wenn es um die Sicherheit geht.

Natürlich würden Programmierer manchmal an den Anwendern verzweifeln, wenn die mit einem Programm nicht zurechtkämen, gibt Uhl zu, aber die leichte Bedienbarkeit und Sicherheit einer Software schlössen sich nicht von vorneherein aus.