Open Source Das Netzwerk ist für alle da

Der Pinguin, Spitzname: Tux, ist das Symbol der Open-Source-Software Linux.

Open-Source-Software ist vielerorts zum Standard geworden. Damit hat sich ein neues Kooperationsmodell etabliert, an dem sich auch die Großkonzerne beteiligen.

Von Helmut Martin-Jung

"Same procedure as every year": Die Menschen im Büro klicken auf der Windows-Oberfläche herum, die alle paar Jahre ein bisschen, manchmal sehr anders aussieht. "Same procedure"? Von wegen! Auch wenn die Computer am Arbeitsplatz noch denen früherer Jahre ähneln, dahinter hat sich so gut wie alles verändert.

Open Sorce ist überall

Programme, die einst auf dem PC unterm Tisch liefen, kommen heute oft direkt aus Rechenzentren, und bei den meisten Internet-Servern der Welt sorgt die Software Apache dafür, dass die User bedient werden. Googles riesige Rechnerfarmen laufen auf Linux. Großkonzerne lassen ihre Datenberge von Hadoop auswerten, nutzen Open Stack für Cloud-Projekte. Unzählige Webseiten, darunter auch die des Weißen Hauses, verwenden Drupal, um ihre Inhalte zu verwalten. All dies ist Software, die man kostenlos herunterladen kann, die nicht von einzelnen Firmen entwickelt wird, sondern von weltweit kooperierenden Gemeinschaften: Open Source.

Aber Moment mal, Open-Source-Software, ist das nicht die, an der idealistische Nerds in ihrer Freizeit herumbasteln? Und die setzen Banken und Versicherungen für hochkritische Anwendungen ein? Für manches Stück Software mag zwar noch gelten, dass ein paar Feierabendprogrammierer eine Nische bedienen. Doch viele große Programme wie etwa Apache sind längst professionalisiert - nur eben anders als herstellereigene Software.

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Gemeinsame Grundlagen

"Etwa 80 Prozent der Open-Source-Software wird heute von den Mitarbeitern von Firmen entwickelt", sagt Werner Knoblich, der für das Geschäft des Software-Herstellers Red Hat in Europa, Nahost und Afrika verantwortlich ist. Die 200 Top-Zulieferer für Linux zum Beispiel sind allesamt Firmenmitarbeiter, die dafür bezahlt werden. Aber nicht mehr ein Unternehmen ist alleine verantwortlich, viele Firmen, darunter bekannte Namen wie Intel, HP, IBM und auch Microsoft, arbeiten zusammen und schaffen sich durch offene Innovation gemeinsam die Grundlagen, die ohnehin jeder braucht.

Das zahlt sich aus. Sun Microsystems, ein 2010 in Schwierigkeiten geratener und dann von Oracle geschluckter Hersteller von Server-Computern, habe noch Tausende Programmierer für sein Betriebssystem Solaris gebraucht, sagt Knoblich, "wir schaffen dasselbe mit einem Zehntel der Leute". Trotzdem trägt seine Firma entscheidend dazu bei, das Betriebssystem Linux weiterzuentwickeln.

Der Vorteil für alle Beteiligten? "Wenn ich heute eine Lampe entwerfen will, muss ich mich nicht mehr um das Stromnetz kümmern. Ich weiß, da kommen so und so viel Volt aus der Steckdose", sagt Werner Knoblich. Über die Grundlagen des Geschäftes könne man sich ohnehin kaum noch differenzieren, also entwickle man diese lieber gemeinsam.

Der Finne Linus Torvalds, hier 1999 in den USA aufgenommen, war Initiator und treibende Kraft hinter der Entwicklung des Linux-Betriebssystems. Seine Arbeit hat der Open-Source-Software damit letztlich zum Durchbruch verholfen.

(Foto: AP)

Einzelne Unternehmen bieten Zusatzleistungen an

Das Geschäft muss dann eben über andere Kanäle kommen. Über das Thema Verlässlichkeit zum Beispiel: Da Linux und andere Programme von Communities entwickelt werden und nicht von einem einzigen Hersteller, haben Anwender ein Problem: Wen sollen, wen können sie überhaupt haftbar machen, wenn irgendetwas nicht so funktioniert, wie es soll?

Hier springen Firmen wie Red Hat oder Acquia ein. Red Hat bietet seinen Kunden nicht nur Zusatzleistungen wie Hilfe bei Problemen und Wartung, sondern auch rechtlichen Schutz. Im Firmenumfeld ist außerdem wichtig, dass das Zusammenspiel verschiedener Anwendungen reibungslos klappt. Dies wird mit Zertifizierungen sichergestellt, und Anbieter wie Red Hat garantieren ihren Kunden, dass die auch Bestand haben. "Wenn es das nicht gäbe, wäre Open Source für Firmenkunden keine Alternative gewesen", sagt Knoblich.

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Ganz ähnlich läuft es bei Acquia, einer Firma, die sich um das Open-Source-Projekt Drupal kümmert. Drupal ist ein System, mit dem sich die Inhalte von Internetseiten verwalten lassen, eines der größten Open-Source-Produkte überhaupt. Die Software ist - wie auch Linux von Red Hat- kostenlos erhältlich. Wer aber Service braucht und Verlässlichkeit, bucht Dienstleister wie Acquia.

Mit dem Erfolg von Linux für Geschäfts-Anwendungen wurde auch andere Open-Source-Software salonfähig. "Linux", sagt Red-Hat-Mann Knoblich, "hat das Eis gebrochen. Das ist jetzt Mainstream." Und mehr und mehr Kunden sehen die Vorteile von Open Source.

Open Source

Ein Programm wie Word von Microsoft oder Photoshop von Adobe besteht aus Millionen von Zeilen von Code, den Programmierer in einer für sie verständlichen Sprache geschrieben haben. Das ist der Source Code, auch Quellcode genannt. Damit ein Computer etwas damit anfangen kann, muss er für das jeweilige Betriebssystem und die Bauart des Prozessors aber zuerst umgewandelt, die Fachleute sagen: kompiliert, werden. Der so entstandene Maschinencode kann nur unvollständig wieder in den Source Code zurückverwandelt werden. Wer sich Word oder Photoshop kauft, bekommt die für Windows oder MacOS kompilierte Version, der Source Code dagegen ist Betriebsgeheimnis. Das alternative Textprogramm Writer oder die Bildbearbeitung Gimp und unzählige andere Programme dagegen kann man sich auch als Source Code herunterladen. Zum Beispiel, um sie eigenen Bedürfnissen anzupassen oder aber auch, um sie auf mögliche Fehler hin durchzuchecken.

Bei der Software OpenSSL, die etwa auf der Hälfte aller Server läuft, die eine SSL-Verschlüsselung anbieten, hätte man das besser auch getan. Bei einer Änderung schlich sich ein ebenso hanebüchener wie folgenschwerer Fehler ein, der zu allem Übel auch noch monatelang unbemerkt blieb. Angreifer, die um die Schwachstelle wussten, konnten so von den betroffenen Servern kritische Daten wie etwa Passwörter abgreifen. Der Fall, der unter dem Namen Heartbleed als einer der schwerwiegendsten Sicherheitsvorfälle im Internet in die Geschichte einging, hat zu einer Diskussion darüber geführt, wie man verhindern kann, dass Änderungen an derart wichtigen Open-Source-Projekten über längere Zeit unbemerkt bleiben.

Fehler gibt es in jedem größeren Software-Projekt. Es gilt zwar als Vorteil von Open-Source-Software, dass der Quellcode offenliegt und nach Fehlern durchsucht werden kann. Man muss es eben aber auch tun. Wer es mit Sicherheit tut, sind Kriminelle und Geheimdienste. Diese kommen so an Sicherheitslücken, die sie für ihre Zwecke ausnutzen können. Helmut Martin-Jung

Als einen der wichtigsten sieht Acquia-Chef Tom Erickson die Agilität. Auf neue Entwicklungen könne viel schneller reagiert werden, "bei kommerziellen Firmen dagegen ist man schnell im ,roadmap prison'". Was er damit meint: Hat man einmal bezahlt, schwindet der Einfluss darauf, in welche Richtung der Hersteller die Software weiterentwickelt. Man müsse heute, da sich Kundenwünsche so schnell verändern, auch "anders denken", sagt Erickson. "Nicht alles muss immer sofort fertig sein." Man könne auch mal erst einen Teil der Software erneuern und dann den Rest nachziehen.

Konzerne wie Microsoft geraten unter Druck

Das alles setzt die Anbieter von Kauf-Software mächtig unter Druck. Microsoft zum Beispiel stellte im April auf der Programmierer-Konferenz Build wichtige Server-Software als Open Source zur Verfügung. Der Hintergrund: Der Konzern soll nicht zu einer isolierten Insel werden, an der immer weniger Kunden anlegen wollen. Und Microsoft ist mittlerweile auch ein wichtiger Zulieferer für Linux - der alte Trick, mit Dominanz die Konkurrenz klein zu halten, funktioniert nicht mehr.

Leichter wird es nicht werden, denn die Konkurrenz ist unterdessen dabei, ihr Geschäftsmodell zu erweitern. Red Hat etwa hat längst auch sogenannte Middleware im Programm, Software, die zwischen Betriebssystemen und solcher für Endanwender angesiedelt ist. Als größter Contributor gibt die Firma die Richtung bei jenen Projekten vor, an denen man beteiligt ist. Eigens dafür angestellte Community-Manager kümmern sich darum, dass es möglichst wenig Reibungsverluste gibt. Und das zahlt sich aus. So sehr, dass Red Hat mittlerweile schon proprietäre Software aufkauft und sie der Open Source Community schenkt - so geschehen mit der Software Cloud Forms, die 108 Millionen Dollar gekostet hat.

Auch andere investieren in Open Source. HP will eine Milliarde Dollar in die Cloud-Software Open Stack stecken, auch IBM - einst der Inbegriff von proprietärer Hard- und Software - gibt enorme Summen aus für Open Source. Doch Idealismus ist es nicht, der sie antreibt, sagt Werner Knoblich von Red Hat: "Keiner ist hier nur gemeinnützig tätig."

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