Pfandflaschen sammeln, Betteln, Mülleimer durchstöbert: Das Online-Spiel "Pennergame" ist vor allem bei Jugendlichen beliebt. Doch Politiker kritisieren es als menschenverachtend.
Ist es lustig, Pfandflaschen zu sammeln? Macht Betteln Spaß? Im Internet-Spiel "Pennergame" schon. Die Spielfigur durchstöbert Mülleimer nach Pfandflaschen, sammelt Spenden und trinkt ab und zu ein Bier. Der Online-Penner kann in der virtuellen Welt ein Musikinstrument erlernen, sich ein Haustier anschaffen und sich mit anderen Pennern zu Banden zusammenschließen. Überfälle auf eine Currywurstbude oder Trick-Betrügereien bringen wertvolle Punkte. Der Spieler muss sich mühsam hocharbeiten, vom Obdachlosen zum Schlossbesitzer.
Bild vergrößern
Zwei Millionen Mitglieder hat pennergame.de bereits, es gibt Versionen für Hamburg, Berlin, London, Warschau und Paris, weitere Ausgaben sollen folgen. (© Foto: oh)
Anzeige
Zwei Millionen Mitglieder hat pennergame.de bereits, es gibt Versionen für Hamburg, Berlin, London, Warschau und Paris, weitere Ausgaben sollen folgen. "Aufgrund der satirischen und zum Teil politisch unkorrekten Umsetzung der Thematik empfehlen wir, das Spiel ab einem Mindestalter von 14 Jahren zu spielen", heißt es auf der Penner-Website, aber viele Fans sind deutlich jünger. Nicht nur deshalb schlagen Pädagogen und Politiker Alarm: Das Spiel sei menschenverachtend.
In Frankreich, wo die französische Version "Clodogame" gerade gestartet ist, wird sogar über ein Verbot des aus Deutschland stammenden Spiels diskutiert. Bei "Clodogame" müssen die Online-Clochards Metro-Tickets aufsammeln, sich zu Banden zusammenschließen und Kämpfe um ihre Stadtviertel austragen, um sich im Spiel hochzuarbeiten. Wer besonders viele Punkte sammeln will, sollte auch Diebstähle begehen und vor Schlägereien nicht zurückschrecken. Das Spiel bediene die "schmutzigsten Klischees" und missachte die Würde der Obdachlosen, kritisiert der für Stadtentwicklung zuständige Staatssekretär Benoist Apparu. Den Machern des Spiels wirft Apparu vor, menschliches Leid zu benutzen, um einen "Werbe-Coup" zu landen.
Marius Follert, 20, einer der Erfinder des erfolgreichen Rollenspiels, sieht das etwas anders. "Das Spiel wirkt auf den ersten Blick eigenartig", gibt der Hamburger Jungunternehmer zu, "aber wer sich damit näher beschäftigt, merkt schnell, dass es sich um Satire handelt." Das erkenne man schon daran, dass sich die Spieler Elefanten oder Giraffen als Haustiere halten können, argumentiert Follert. Handlungsgrundlage des Spiels, das er zusammen mit dem Spielentwickler Niels Wildung erfunden hat, sei "ein aktuelles gesellschaftliches Thema", das ironisch gebrochen werde. Den Protesten aus Frankreich steht er ziemlich gelassen gegenüber, denn auch nach dem Start von pennergame.de in Deutschland vor einem Jahr gab es kritische Stimmen. Das Diakonische Werk befand, das Spiel sei diskriminierend und verstärke stereotype Vorurteile gegen Menschen, die auf der Straße leben.
Dem Erfolg hat dies keinen Abbruch getan. Seit pennergame.de vor einem Jahr online ging, hat sich das Spiel zum Renner unter Schülern entwickelt. Mittlerweile ist es eines der größten Online-Rollenspiele in Deutschland, schon vormittags sind Zehntausende registrierter Nutzer online. Sie haben bislang 132792676017 Pfandflaschen gesammelt und 143191562 Flaschen Bier getrunken, wie in der Web-Statistik nachzulesen ist. Mitspielen ist kostenlos, die Seite wird durch Werbung für Katzenfutter, Mobilfunkunternehmen oder Internet-Buchhandlungen finanziert.
Ursprünglich hatte das Spiel laut Follert keine kommerziellen Absichten, aber das scheint sich mittlerweile geändert zu haben. Wer eine werbefreie Version spielen will, muss eine "Ehrenmitgliedschaft" in Silber oder Gold erwerben, für 2,99 oder 4,99 im Monat. Dafür darf der Penner dann unter anderem ein eigenes Bettelschild beschriften oder ein Haustier nach eigenen Ideen erstellen. Ein Teil der Einnahmen gehe an das "Hamburger Spendenparlament" und komme Obdachlosen in Hamburg zugute, verspricht der Anbieter.
Ob sich echte Obdachlose über die Almosen der Online-Penner freuen? Oder fühlen sie sich verhöhnt? In Hamburg und Berlin habe man Obdachlosen das Spiel vorgeführt, sagt Marius Follert, und die hätten wenig auszusetzen gehabt. Die Obdachlosen-Zeitungen Hinz und Kunz und Straßenfeger lobten das Spiel und hatten kaum etwas auszusetzen. Anders in Frankreich: Das Spiel bestätige Klischees über Obdachlose, sagte Jacques Deroo, ein ehemaliger Obdachloser, der Zeitung Le Parisien. Ein Sprecher des französischen Roten Kreuzes nennt das Spiel "eine Schande".
- Thema
- Pennergame RSS
- Computerspiele gegen Flashbacks Die Tetris-Therapie 02.09.2009
- World of Warcraft Süchtig nach Monstern 03.07.2009
- Computerspiel: Die Sims 3 Ohne Krise, ohne Kollaps 15.06.2009
(SZ vom 07.09.2009/segi)
Debatte über Urheberrecht
menschenverachtend sind eher Politiker, die das Problem der Obdachlosen nicht berücksichtigen und nichts dagegen unternehmen
es ist nun mal lebensrealität, dass menschen auf der straße leben müssen und Politiker tun nichts dagegen, eine Verbot käme einer Zensur gleich,
Politiker scheinen langsam aber sicher alles verbieten zu wollen, was darauf hinweist,w as inde r Gesellschaft alles schief läuft
Ich habe den Eindruck, vielen hier geht der Spaß am Spiel über alles.
Obdachlose haben ja keine Lobby, und beim Pennergame kann der kleine gutsituierte Gamer schon etwas für´s Leben lernen. "Jeder ist seines Glückes Schmied", gell?
Deutsche Leitkultur, sage ich nur.
Vielleicht sollte jemand Frau von der Leyen auf dieses Spiel aufmerksam machen.
Sie koennte Stoppschilder auf dem Spiel anbringen - und anschliessend am besten gleich noch auf den Obdachlosen welche diese Spielidee offensichtlich schamlos kopieren!
Ich hätte da genügend Gegenbeispiele
Es mag Dörfer geben in denen es funktioniert. Das die Städte die sozialen Brennpunkte sind, liegt aber an der Umsiedelung in die Städte, von der ich gesprochen habe. Man sollte Ursache und Wirkung nicht verwechseln.
Und oftmals funktioniert es nicht, WEIL sich die Nachbarn kennen. Fragen sie mal am Gericht nach Nachbarschaftsstreitigkeiten.
@kruemelkuchen:
In welchem Dorf leben Sie? Es gibt sicherlich Menschen, die es in dörflichen Gemeinschaften schwer haben, aber Arme und Kranke gehören da ganz sicher nicht dazu. Es sei denn es sind Menschen, die sich selbst nicht in die dörfliche Gemeinschaft integrieren. Und sagen Sie bitte nicht, dass dies ja nicht geht. Es mag schwierige Dörfer geben, aber ein klassisches Beispiel sind zwei Familien, die in etwas zur Selben Zeit in mein (ehemaliges) Heimatdorf gezogen sind. Die eine Familie hat sich abgeschottet und für sich gelebt, es klappt wohl auch gut, sie leben immer noch dort - aber sie kennen keinen und keiner kennt sie. Solche Leute bekämen sicher Probleme, wenns man eng wird. Die zweite Familie hat sich im Kindergarten und den Vereinen engagiert und bei der ersten Kommunalwahl wurde der Familienvater sowohl in den Ortsbeirat als auch ins Stadtparlament geschickt. Es gehören immer zwei Seiten dazu.
Nein, ein Dorf ist auch nicht der Himmel auf Erden und es gibt Probleme, aber Fakt ist dass Städte definitiv die größeren sozialen Brennpunkte sind und im Dorf vieles durch Nachbarschaftshilfe funktioniert, weil man seine Nachbar noch kennt.
Paging