Die Do-it-yourself-Enzyklopädie Wikipedia wächst — aber auch die Kritik an mangelnder Verlässlichkeit der Einträge.
Jimmy Wales hat etwas von einem Guru: Der Amerikaner mit Vollbart im besten Alter wirkt sanft, wenn er mit seiner Gemeinde redet. Geduldig hört er sich alle Argumente an, auch wenn er am Ende bei seiner Meinung bleibt. "Jimbo", wie ihn Freunde nennen, ist einer der Gründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia (wikipedia.org), die seit gut vier Jahren besteht.
Logo der deutschen Wikipedia-Seite (© )
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Erklärtes Ziel von Jimmy Wales ist, gemeinsam mit Tausenden freiwilligen Helfern die größte und beste Wissenssammlung der Welt aufzubauen und das darin gespeicherte Wissen der Menschheit allen frei zugänglich zu machen.
Rein mengenmäßig hat Wales schon viel erreicht: "Wir haben über 1,3 Millionen Artikel in mehr als 200 Sprachen", sagt er. Die Wikipedia-Seiten umfassen derzeit allein 465.000 Einträge auf Englisch und 195.000 auf Deutsch. "Das sind mehr als in der Britannica und im Brockhaus zusammen", sagt Jimmy Wales mit Blick auf die seiner Meinung nach wichtigsten Konkurrenten.
Dazu komme ein gutes Stück "Google-Magie": Jeder könne Inhalte des Nachschlagewerks verwenden und auf seiner eigenen Website spiegeln. Im Gegenzug müsse er sie verlinken, was zu hohen Platzierungen in Suchmaschinen führt. Kein Wunder, dass Wikipedia im Web populärer ist als die meisten Presseorgane.
"Open Content" nennen die Macher das Erfolgsrezept: Wikipedia hat das Prinzip der freien Software auf die Entwicklung von Inhalten übertragen. So wie bei Open Source zahlreiche Entwickler gemeinsam auf den Quellcode von Programmen schauen und Fehler ausbügeln, erstellen und verbessern die Wikipedia-Autoren und -Nutzer die Beiträge kooperativ in einer Online-Datenbank.
Jeder kann durch Druck auf einen "Edit"-Knopf Inhalte bearbeiten, wenn er die entsprechende Wiki-Software nutzt. Letztlich entscheidet aber laut Wales ein aktiver Kreis von rund 2000 "Arbeitsbienen", die bereits jeweils mehr als 100 000 Änderungen an Einträgen vorgenommen haben, über die Brauchbarkeit eines Enzyklopädie-Artikels. "Es ist eine verwirrende, aber praktikable Mischung aus Konsens, Demokratie, Aristokratie und Monarchie, die Wikipedia am Laufen hält", sagt Wales.
Das Kollaborationsrezept will Wales nun auf Nachrichten übertragen. Wikinews (wikinews.org) heißt das jüngste Kind der Community. Auf der Plattform sollen tagesaktuelle Nachrichtenartikel nach Vorbild der Graswurzelrevolution von unten und in Koproduktion entstehen. Es handle sich um ein Experiment, dämpft Wales allzu hohe Erwartungen.
Doch der Anspruch ist groß: Die Wikinews-Autoren sollen ihrem Propheten zufolge die Voreingenommenheiten eliminieren, die sich auch in Qualitätszeitungen immer wieder einschleichen. Meinungen raus, Fakten rein, lautet sein Motto. Eben dazu bringe ein Wiki die besten Voraussetzungen mit, meint Jimmy Wales. Schließlich müsse man für Wikipedia "neutral" schreiben, um eine möglichst hohe Leserzahl von Anfang an zufrieden zu stellen.
Wikinews startet allerdings in einer Zeit, in der sich die Wikipedianer verstärkt Vorwürfe anhören müssen. Eine amerikanische Bibliothekarin warnte im Sommer, dass es dem Nachschlagewerk an fachlicher Qualität mangele. Studenten riet sie davon ab, die Enzyklopädie als Quelle zu nutzen.
Internet-Aktivisten machten die Probe aufs Exempel und schmuggelten subtile Falschinformationen in korrekte Beiträge. So war die Rapperin Layzie Bone plötzlich vier Jahre gealtert. Nach einer Woche stand das falsche Geburtsdatum immer noch in dem manipulierten Artikel — genauso wie die falsche Nummer für einen Highway durch die Stadt Philipsburg.
Schwere Vorwürfe erhob zudem der ehemalige Chefredakteur der Enzyklopädie Britannica, Robert McHenry, der jahrelang vergeblich versuchte, sein altes Schlachtschiff online in ein kommerziell erfolgreiches Produkt zu verwandeln.
Er hält Wikipedia für eine rein "glaubensbasierte" Enzyklopädie mit einer "Kombination aus Überschussproduktion und Unaufmerksamkeit gegenüber Genauigkeit".
Könnte man derlei Kritik noch als voreingenommen abtun, wiegen die Denkanstöße des zweiten Wikipedia-Gründers schwerer: Larry Sanger beanstandete jüngst den "Mangel an Respekt vor Expertenwissen und Autorität" in der Gemeinschaft der selbst ernannten Wissensproduzenten. Die anti-elitäre Haltung von Wales und seinem engsten Kreis verhindere eine sachgerechte Prüfung publizierter Informationen.
Die Wikipedia-Macher haben auf die Schelte mit diversen Verbesserungsansätzen reagiert. "Es ist zwar noch nicht gesichert, dass bewusst eingebaute Fehler schnell genug auffliegen", gibt das deutsche Vorstandsmitglied Mathias Schindler zu. Dafür bräuchte es eine Art Forschungszentrum, das den Tricks der "Vandalen" und "Spammer" besser auf die Schliche kommen könne und deren Praktiken veröffentliche.
Andererseits findet bei dem Nachschlagewerk nun alle zwei Wochen eine Inventur statt, in der sämtliche Einträge zu einem bestimmten Thema -- momentan dreht sich alles um die "Hauptstädte der Welt" — überprüft werden. Druck auf die interne Kontrolle hat laut Schindler auch die Produktion einer DVD gemacht, die im Frühjahr in den Buchhandel kommen soll.
Insgesamt verfügt die deutsche Wikipedia über bislang 322 so genannte exzellente Artikel, die einer "hyperqualifzierten Abstimmung" standgehalten haben, erklärt Schindler.
Die geforderte Einführung eines allgemeinen Reputationsmechanismus, der einzelnen Editoren mehr Macht verschaffen würde, hält Jimmy Wales jedoch "für unnötig, ja nicht einmal erstrebenswert". Alles müsse von der Basis her kommen. Seine Jünger halten zu ihm. Es bedürfe schon einer Art Umsturz, um gewöhnliche Redaktionsprozesse einzuführen, glaubt auch Sanger. Aber vielleicht frisst die Wikipedia-Revolution ja noch ihre Kinder.
(SZ vom 4.2.2005)
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