Qualität oder Quantität? Die Frage nach den Kriterien für Einträge des Netzlexikons spaltet die Wikipedia-Gemeinde in zwei Lager.
"Tschunk" ist ein Cocktail mit Club-Mate und Rum. Hinter dem Begriff verbirgt sich aber weit mehr als ein Mixgetränk. Er steht exemplarisch für eine kontroverse Diskussion über die größte Internet-Enzyklopädie der Welt - Wikipedia. Denn die ehrenamtlichen Mitarbeiter streiten darüber, ob Dinge wie "Tschunk" in das Lexikon gehören.
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Sollte Wikipedia die Frage beantworten, was ein "Tschunk" ist? (© Foto: dpa)
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Eine Bestandsaufnahme über einen immer lauter werdenden Streit im Netz: Schwelte der Streit in der Vergangenheit nur innerhalb der Wikipedia, haben jüngst Fälle auch außerhalb der Community - etwa bei Twitter und in diversen Blogs - große Wellen geschlagen. Dabei ging es neben dem Mischgetränk "Tschunk" vor allem um "MOGIS" - die Vereinigung "Missbrauchsopfer gegen Internetsperren".
Beide Seiten haben eines gemeinsam: Sie wurden nach langen Diskussionen wegen fehlender Relevanz aus der "Wiki" gelöscht - im Falle von "MOGIS" wegen einer umstrittenen Vereinsstruktur und fehlenden Nachweisen über die Mitgliederzahlen, und bei "Tschunk", weil nicht jedes Mixgetränk einen eigenen Eintrag benötige.
Inklusionisten vs. Exklusionisten
Was ist relevant und gehört in die Wikipedia? Über diese Frage streiten die Wikipedianer, wie sich die ehrenamtlichen Autoren nennen, seit langem. Das Ergebnis des Zwists ist eine Spaltung der Mitglieder in zwei Lager. Auf der einen Seite sind da die sogenannten "Inklusionisten": Sie wollen möglichst viele Artikel ins Lexikon aufnehmen, solange diese gut geschrieben sind. Ihnen gegenüber stehen die "Exklusionisten", die auf die besagte Relevanz achten.
Im Grunde genommen streiten sich die Parteien also um eine Definitionsfrage. Wikipedia selbst erklärt den Begriff übrigens wie folgt: "Relevanz steht für Bedeutsamkeit, ein Maß für die Wichtigkeit einer Sache oder Information in der Realität." So einfach dies zunächst klingen mag, eine Antwort auf die Diskussionen kann sie nicht liefern.
Dies sieht auch Nina Gerlach so. Sie ist seit Mitte 2004 als Administratorin bei Wikipedia unter anderem für die Löschung von Einträgen verantwortlich und zählt zu den Verfechtern einer strengen Relevanzkontrolle. "Genau wie ein normales Lexikon muss auch Wikipedia eine Auswahl bei den Artikeln treffen." Das Argument, im Internet gebe es keine Platzprobleme, lässt sie nicht gelten: "Wir wollen hier keine gelben Seiten sein. Qualität und Bedeutung der Artikel müssen immer im Vordergrund stehen." Unter der willkürlichen Freigabe aller Artikel würde ansonsten die gesamte Wikipedia leiden.
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Surfrider Beach in Malibu
Gerade die zitierte Nina Gerlach steht doch sehr in der Kritik. Es gibt Meinungen, dass sie Mitglied des Vorstandes von Wikimedia Deutschland e. V. Einfluss innerhalb von Wikipedia für aggressive politische Agitation missbraucht hat. Ob das rictig ist oder nicht, sagt euch gleich das Licht.
Man muß sehen, daß Wikipedia in erster Linie eine Gruppe im soziologischen Sinn darstellt, und erst in zweiter Hinsicht ein Lexikon. Der (etwas naive) Satz "Nichtrelevantes oder Schlechtes wird halt wieder gelöscht" aus dem Leserkommentar zeigt schon, daß Wikipedia Schauplatz von Machtkämpfen ist, die sogar schon soweit gegangen sind, daß unbotmäßige Benutzer, deren IP-Adressen bekannt sind sind, beim Arbeitgeber angschwärzt werden. Das ist die Innenseite von Wikipedia.
Und was die Qualität anbetrifft: Mittlerweile werden an den Universitäten die Erstsemester darauf hingewiesen, daß Themen anhand wissenschaftlicher Literatur und nicht von Konversationslexika zu bearbeiten sind. Was mag damit wohl gemeint sein?
Über dieses Engagement kann man sich doch eigentlich nur freuen. Es bedeutet dass Wikipedia lebt und wäre eigentlich traurig, wenn es nicht so wäre. Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass die Diskutierenden zu einem vernünftigen Ergebnis kommen.
Wikipedia ist ein Gemeinschaftsprojekt, in dem es keine endgültigen Entscheidungen und Entscheider gibt. Dies kann wie in der Demokratie ein Nachteil sein, nämlich dass es länger dauert zu einem Ergebnis zu kommen. Dafür gibt es mehr Vorschläge und verschiedenartigere Sichtweisen, die letztendlich zu einem besseren Ergebnis führen können, als wie wenn nur ein kleines Gremium die Entscheidungen trifft. Natürlich dürfen solche Diskussionen nicht unendlich ausarten und müssen letztendlich zu einem Ziel führen. Dafür gibt es aber Administratoren und Moderatoren.
Es kann auch ein Kompromiss getroffen werden, der beide Lager zufrieden stellt. Kompromisse sind jedoch nicht immer sinnvoll, bzw. es gibt verschieden gute Kompromisse für die gleiche Problemstellung. Einen guten Kompromiss zeichnet aus, dass mit ihm mehr Autoren zufrieden sind also mit einem anderen oder ohne Kompromiss und darüber hinaus das Ergebnis eine echte Lösung und Qualitätssteigerung darstellt. Genau dieser sollte gefunden werden. Durch die hohe Anzahl der Diskutierenden ist dies auch nicht nicht unwahrscheinlich.
Möglicherweise wäre ein sinnvoller Kompromiss, für die beiden im Artikel angesprochenen Beispiele, dass man Sammelartikel einführt, die beispielsweise alle bekannten Cocktails oder Vereine aufführt und kategorisiert. Somit ist kein eigener Artikel zu diesen Kleinthemen nötig, sondern nur eine Kurzbeschreibung. Im Prinzip gibt es solche Artikel bereits. Vielleicht müssen für die konkreten Herausforderungen neue Formen des Artikelaufbaus gefunden werden. Letztendlich sollte dem Ziel der Qualitätssteigerung, in fragen der Artikelqualität und der Themenmenge, gedient sein.
Ich bin mir sicher, dass eine vernünftige Lösung gefunden wird.
Um Wissen hinzuzufügen, müsste man also gleichzeitig Redakteur sein und seine Recherchen/Beobachtungen schon woanders veröffentlicht haben... HALLO GEHT'S NOCH?
Die ganze Diskussion gibt es übrigens in dem Ausmaß nur bei der DEUTSCHEN Wikipedia - hier muss meiner Meinung nach dringend ein Umdenken erfolgen, ansonsten fällt der Wikipedia-Geist hierzulande bald den sogenannten "Relevanzkriterien" zum Opfer!
Wikipedia beinhaltet Anfang November ca. 975.000 Artikel, der 30-Bändige Brockhaus hat nur ca. 300.000 Artikel. Wikipedia bietet 20 mal mehr Bilder und Grafiken und über 10 mal mehr Wörter. Täglich wächst die deutsche Wikipedia um über 400 Artikel.
An der Quantität kann man also nicht mosern, an der Qualität auch nicht, denn Nichtrelevantes oder Schlechtes wird halt wieder gelöscht, verbessert oder neu geschrieben.
Kampf? Gesundes Wachstum würde ich es nennen.