Ökologische IT-Geräte Die Maus mit der Sendung

Dreieinhalb Jahre hat Susanne Jordan geforscht und organisiert. Was im Detail in ihrer Maus steckt, weiß sie aber immer noch nicht.

(Foto: Manfred Neubauer)

Jeder will es, aber niemand wirklich: elektronische Geräte nach rein ökologisch-ethischen Kriterien herstellen. Die großen Konzerne bemühen sich erst gar nicht. Eine junge Frau aus Oberbayern hat es wenigstens versucht - und die erste Fair-Trade-Maus der Welt entwickelt. Ein Besuch.

Von Alex Rühle

Sieht alles nicht sonderlich revolutionär aus hier. Weder die Maus noch ihr Biotop: Bichl. Das ist da, wo Oberbayern am allerschönsten ist, wo sich im Frühling dieses bläulich glitzernde Licht über die Felder gießt, wo die Landschaft anfängt sich in Richtung Alpen aufzuschwingen: Hügel, Mulden, Endmoränen.

Am Ortsrand von Bichl steht ein ehemaliger Bauernhof, der ausnehmend fotogen runtergewohnt wurde: Bunte Fensterläden, vor dem Haus stehen im hohen Gras ein paar Stühle und eine verwitterte Bank. Auf die Weltrevolution deuten nur die paar Säcke Granulat hin, die heute Morgen angeliefert wurden, weiße Kügelchen aus Holz, das Basismaterial für das kleine Ding, das auf dem Holztisch liegt: eine Maus. Die erste Fair-Trade-Maus der Welt, hergestellt nicht von Apple, Microsoft oder Samsung, sondern von einer jungen Frau, die einfach irgendwann die Schnauze voll hatte.

Die studierte Geografin Susanne Jordan arbeitete bis vor vier Jahren bei Oekom Research, einer kleinen Münchner Rating-Agentur, die Unternehmen auf ihre sozialen und ökologischen Standards hin bewertet. Jordan sollte für potenzielle Investoren untersuchen, welche Arbeitsbedingungen bei den verschiedenen IT-Produzenten herrschen oder woher die Rohstoffe zu deren Produkten stammen.

Nur Green-Washing-Rhetorik

Eigentlich, so könnte man meinen, muss auf dem Sektor doch mittlerweile auch Einiges passiert sein. Es gibt in der Branche das Konzept der "Green IT": Die Hersteller sollen sich darum bemühen, beim Entwurf und der Herstellung der Computersysteme auf knappe oder gar schädliche Rohstoffe wie Cadmium und Blei zu verzichten; sie sollen darauf achten, dass wir User bei der Nutzung der Geräte möglichst wenig Strom verbrauchen; und sie sollen sie bitte so bauen, dass sich am Ende die Bestandteile der Geräte weitgehend wiederverwerten lassen.

Klingt hervorragend in der Theorie, ist aber in Wahrheit in erster Linie Green-Washing-Rhetorik. Susanne Jordan jedenfalls merkte bei ihren Oekom-Recherchen immer wieder, dass keiner der Global Player sich wirklich um Arbeitsbedingungen oder ökologische Belange kümmerte. Auf ihre Nachfragen erntete sie entweder Schulterzucken, man könne da selbst gar nichts machen, schließlich hänge man völlig von den Zulieferern ab und wo die fertigen lassen, wisse man selbst nicht so genau . . .

Oder aber die Hersteller wiegelten in einer Mischung aus Ignoranz und Genervtheit ab: "Ein Händler sagte mal, als ich mit meinen Fragen kam: ,Ach was, bei uns kommt garantiert nichts aus Konfliktländern, wir kaufen das alles an der Londoner Börse.' Die Leute wissen es einfach nicht und wollen es auch nicht wissen."

Miniatur-Sushi

Jordan hatte 2009 keine Lust mehr, sich dieses Gewäsch weiter anzuhören. Sie kündigte bei Oekom und gründete "Nager IT", ihr Ein-Frau-Unternehmen, in dem sie ihren heimlich gereiften Plan in die Tat umsetzen wollte: Den ersten rundum fairen Rechner. Einen Rechner, bei dem alle Bestandteile bis zum Monitor unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde. Heute muss sie darüber lachen: "Ich hab relativ schnell gemerkt, dass das viel zu komplex ist für mich alleine. Allein die Recherche würde ein Vermögen kosten." Also konzentrierte sie sich ganz auf die Maus.

Wie komplex selbst bei einem derart kleinen Gegenstand die Probleme sind, lässt sich Pars pro Toto an einem Kondensator erklären. Zwei solche Kondensatoren verstecken sich unter dem Gehäuse der Nager-IT-Maus. Jeder ist eineinhalb Zentimeter hoch und sieht aus wie ein Miniatur-Sushi, schwarz, rund, kurz. Allein in solch einem winzigen Kondensator stecken wiederum Anschlussdrähte, Klebeband, Elektrolyte, Gummidichtungen, Schrumpfschläuche, Aluminium-Folie und noch einiges anderes Zeug. Wie stellt man sicher, dass all diese Bestandteile unter halbwegs fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden?

Jordan fand irgendwann die Firma Frolyt, die ihr zumindest aufschlüsseln konnte, aus welchen Ländern die verschiedenen Komponenten für die Kondensatoren stammen. Viele dieser Teile aber bestehen selbst wiederum aus komplexen Komponenten, "und wo die dann ihre Rohstoffe herhaben, konnte ich bisher großteils nicht rausbekommen".