NSA Der Lohn der Lauscher

Überwachung überall - auch in diesem Graffiti in Cheltenham, das von Banksy stammen soll.

(Foto: dpa)

Eine Vodafone-Tochter hat Geheimdiensten stärkeren Zugang zu Daten verschafft als bisher bekannt. Die Firma bekam dafür offenbar Geld - und soll für die Lauscher auch bei der Konkurrenz eingebrochen haben. Für den Telefonkonzern steht viel auf dem Spiel.

Von Frederik Obermaier, Henrik Moltke, Laura Poitras und Jan Strozyk

Es waren die Kronjuwelen, die den Vodafone-Konzern in die Bredouille brachten. Kronjuwelen, so hatte der Whistleblower Edward Snowden jene Firmen genannt, die Geheimdiensten beim Ausspähen helfen. Eine davon ist Vodafone, so viel ist mittlerweile bekannt. Das Unternehmen hat zugegeben, den Geheimen in zahlreichen Ländern Daten zu übermitteln - jedoch nur, weil der Konzern dazu verpflichtet sei. Weil es die Gesetze in den jeweiligen Ländern so verlange. "Wenn wir einer rechtmäßigen Nachfrage nicht nachkommen, können Regierungen uns unsere Betriebserlaubnis entziehen", erklärt Vodafone auf Nachrfrage. Das Unternehmen tue letztlich nur das, wozu es qua Gesetz gezwungen sei.

Wirklich? Bislang unveröffentlichte Dokumente aus dem Snowden-Archiv, die die Süddeutsche Zeitung, NDR, WDR und der britische Fernsehsender Channel 4 einsehen konnten, nähren Zweifel an der Darstellung, man sei nur Opfer juristischer Zwänge. Beim Lesen der als "Top secret" eingestuften Powerpoint-Folien, Excel-Tabellen und internen Wochenberichte des britischen Geheimdiensts GCHQ und seines US-Partnerdienstes NSA drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass zumindest die 2012 von Vodafone aufgekaufte Firma Cable&Wireless Worldwide williger Helfer der Spione war - und Vodafone es womöglich auch heute noch ist. Offenbar ging die Zusammenarbeit von Cable&Wireless weit über das gesetzlich nötige Maß hinaus - und stellte für das Unternehmen eine Einnahmequelle dar. Vieles deutet sogar darauf hin, dass die Firma dem britischen GCHQ half, die Kunden der Konkurrenz auszuspähen. Es sind schwere Vorwürfe. Auf Anfrage teilte der Vodafone-Konzern, der die Firma übernommen hat, mit, man habe nach sorgfältiger Prüfung keine Hinweise auf ein rechtswidriges Verhalten gefunden. Ganz ausschließen will es der Konzern nicht.

Für Vodafone steht viel auf dem Spiel. Allein in Deutschland hat das Unternehmen mehr als 30 Millionen Kunden, unter ihnen sind mehrere Bundes- und Landesministerien. Der Konzern mit Sitz im britischen Newbury betont: "Vertrauen ist die Grundlage unseres Geschäfts." Genau das ist das Problem. Denn seit den Enthüllungen der Kronjuwelen steckt Vodafone in einer Vertrauenskrise. Viele Kunden wurden durch die Nachricht aufgeschreckt, ihr Telefonanbieter sei Helfer der Geheimdienste. Und dann war da noch die Sache mit dem abgehörten Merkel-Handy - einem Gerät mit Vodafone-Vertrag. Freilich, das muss nichts heißen. Soweit bekannt, haben NSA, CIA und Co. genug Möglichkeiten auch ohne Vodafone. Es muss auch nichts bedeuten, dass Vodafone - anders als etwa Facebook und Yahoo - bislang nicht gegen die Geheimdienste und ihre Datensammelwut vor Gericht gezogen ist.

GCHQ will sich auf eine Anfrage nicht äußern

Sollte man sich als Kunde aber vielleicht Sorgen machen, weil sich Mitarbeiter der später in der Vodafone-Kabelsparte aufgegangenen Firma Cable&Wireless mit Geheimdienstleuten zu einer Besprechung "möglicher neuer Einsatzrisiken" trafen? Wenn es sogar ein "gemeinsames Projektteam" gab und einen Geheimdienstmitarbeiter, der als "integrierter Projektmitarbeiter" in die Firma abgestellt war? GCHQ wollte sich zu der ganzen Angelegenheit auf Anfrage nicht weiter äußern. Und Cable&Wireless gibt es nicht mehr. Das Unternehmen gehört jetzt Vodafone - und Vodafone teilt lediglich mit, man habe die Geschichte des aufgekauften Unternehmens erforscht und "keinerlei Hinweise" auf Aktivitäten gefunden, die den Gesetzen in Deutschland, Großbritannien und der EU widersprechen. Es gebe derzeit bei Vodafone jedoch "eine kleine Anzahl" Angestellter, die mit Sicherheitsbehörden in Kontakt stünden, um ",die eingegangenen Ersuche zu bearbeiten" - wie Vodafone betont: "ohne irgendwelche Informationen über den Zusammenhang zu besitzen".

In Deutschland war das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) nach den ersten Snowden-Enthüllungen hellhörig geworden. Das Amt verlangte daraufhin von den Netzbetreibern in Deutschland Auskunft, ob womöglich Daten ins Ausland geleitet werden. Die Antworten waren aus Sicht des BSI zufriedenstellend. Mit einer Ausnahme: Vodafone. In einem als Verschlusssache eingestuften Schreiben aus dem Jahr 2013, das die SZ einsehen konnte, heißt es: "Die Selbstauskunft von Vodafone Deutschland lässt für mobile Kommunikation innerhalb des deutschen Rechtsraums bislang keinen eindeutigen Schluss zu, ob der Zugriff auf bzw. die Ausleitung von Metadaten (bspw. "Billing Informationen") oder SMS in ausländische Rechtsräume unterbleibt." Das BSI alarmierte das Innenministerium, die Bundesbehörden jedoch, die Verträge mit Vodafone haben, wurden nicht gewarnt - "aus wettbewerbsrechtlichen Gründen", wie das Innenministerium mitteilte.

Diese Satellitenschüsseln stehen auf dem Gelände einer Außenstelle des britischen Nachrichtendienstes GCHQ in Cornwall.

(Foto: Kieran Doherty/Reuters)