Nokia- und Microsoft-Ankündigungen Idiotisch ominös

Vielleicht präsentieren Microsoft und Nokia heute neue Tablet-PCs und neue Handys, vielleicht aber auch nicht. Mit ihren wichtigtuerisch geheimniskrämernden Ankündigungen eifern die Firmen Apple nach. Doch es bleibt nur ein mutmaßliches Nichts.

Von Bernd Graff

Das Microsoft-Logo. Vielleicht präsentiert die Firma am Montag ein neues Tablet, vielleicht auch nicht.

(Foto: AFP)

Ein Hoch auf Christian Alexander Almonte! Man kennt ihn nicht, er ist nur ein normaler Facebook-Nutzer. Doch er bringt das ganze geheimnissatte Brimborium auf den Punkt. "Is this, when the world ends?" fragt er gut gelaunt. Und meint damit die geradezu idiotisch aufs Ominöse zielende Kampagne auf Nokias Facebook-Seite. Dort stehen nämlich, eingestellt von Nokia, seit Samstag drei Bilder, die lediglich ein Datum vor unterschiedlichen Hintergründen zeigen: 06.18.12, also das Datum des heutigen Tages.

Ein Bild zeigt den Kartenausschnitt von Honolulu. Sonst steht da nix. Aber einige hundert Leute "liken" das schon mal und vielen Kommentatoren ist dieser Kartenausschnitt Anlass genug für Spekulationen, was wohl am Montag, 18. Juni 2012, geschehen könnte, weil Nokia es so will. Darum ist Almonte zu preisen, der dem Irrsinn einer nicht-ankündigenden Ankündigung den passenden Silber-Ironie-Rahmen verpasst: "Geht dann die Welt unter?" Danke dafür.

Nein, die Welt wird dann nicht untergehen, was passieren könnte, ist längst ein breit gestreutes Gerücht, das zu streuen sich inzwischen sogar die Nachrichtenagenturen nicht zu blöd sind - aber das gehört zum Kalkül von Nokia: Offenbar wird Nokia ein neues Handy vorstellen - oder auch nicht. Vielleicht wird die Firma aber auch von Microsoft gekauft werden - oder auch nicht. Nokia ist ja angeblich der wichtigste Hersteller von Windows-Phones, das nicht wirklich berauschende Lumia 800 geht ja auf seine Kappe. Vielleicht wird aber auch herauskommen, dass Nokia das neue Microsoft Tablet bauen wird - oder auch nicht.

Wichtigtuerisch und geheimniskrämernd

Denn Microsoft hat ebenfalls wichtigtuerisch geheimniskrämernd für heute Abend einen Termin angekündigt, auf dem "eine große Ankündigung" gemacht werden wird - oder auch nicht. Wie dem auch sei: Logisch haben wir es hier mit der Ankündigung einer Ankündigung zu tun, die, das darf ja auch mal gesagt werden, gar nicht Geheimnisvolles hat, weil ja alle bereits darüber berichten. Womit im Sinne der MS-Haus-PR das Bestmögliche erreicht ist: Man berichtet zum einen vor dem Termin von nichts. Und zum zweiten danach von dem, was tatsächlich geschehen ist. Und weil alle darauf hereinfallen, berichtet man Drittens noch während der Veranstaltung via Live-Stream und Twitter.

Besser kann man PR gar nicht machen: Der Berg kreißt und gebiert ein Mäuschen, aber es wurde dreimal darüber berichtet, dreimal rauschen Firmen- und Produktnamen durch Netz und Gazetten. Cheers!

Im Sinne von Facebook-Nutzer Christian Alexander Almonte wird es aber auf jeden Fall eine Enttäuschung werden. Denn das Ende der Welt werden beide Firmen nicht verheißen können.

Lassen wir uns diese Idioten-PR, der alle auf den Leim gehen, doch mal auf der Zunge zergehen! Apple ist darin ungeschlagener Meister aller Klassen. Bereits, als es dem Unternehmen noch schlecht ging, bei zwei Prozent Marktanteil, in der Vor-iPod und Vor-iPhone-Ära, gehörte zum Markenimage die Gerüchteküche.

Globaler Flurfunk

Macrumors.com stellt sogar eine Webseite, um den globalen Flurfunk zur kalifornischen Rechneredelschmiede einzufangen. Wer was wie gehört hat und bereit ist, etwa vom Produktionszyklus der Rechnerpalette in Kombination mit den merkwürdigen LKW-Beladungen vor den Pforten chinesischer Displayhersteller auf den Wasserstand der Elbe zu schließen - oder alles umgekehrt, der hat hier sein wärmendes Zuhause.

Die Obstfirma schweigt wie eine Sphinx - Zack! Das ist die Marke. Denn nichts zu sagen, ist eins. Aber zu sagen, dass man nichts sagt, ist etwas anderes. Das erste ist souverän, das zweite möchte es sein. Insofern geht Apple auch hier PR-technisch als Sieger vom Platz. Denn "One more thing!" zu sagen, wie Steve Jobs, als er unerwartet den ersten iPod aus der Tasche zog, das hat Größe.

Ob aber nun Microsoft sich heute Abend erneut als Hardware-Anbieter geriert - man hatte es ja schon einmal erfolglos mit dem MP3-Player namens Zune versucht, der gegen Apples iPod antreten wollte - ist völlig belanglos. Denn es gibt Tablet-PCs, ob nun eins aus Redmond dazu kommt - mein Gott!

Und ob Nokia gekauft wird, eine neues Handy vorstellt oder Tablet-PC-Hersteller für MS wird - mein Gott! Was stört es die Eiche, wenn sich Borstenvieh daran kratzt! Bleibt aber festzuhalten, dass dem mutmaßlichen Nichts von heute Abend die Inszenierung von Bedeutsamen vorausgegangen ist. Bei Nachrichtenagenturen, Netz-Gerüchtlern und nicht wenigen Konsumenten wird sich auch tatsächlich dieses Weihnachtsgefühl eingestellt haben: Man bekommt etwas, weiß aber nur die Stunde, nicht, was es ist.

Jeden Tag Weihnachten

Nur: So werden auch Computer- und Konsolenspiele, Kino-Blockbuster und Pop-CDs vor-inszeniert heute. Es ist, wenn man so will, jeden Tag Weihnachten. Irgendeine Sau wird immer durchs Dorf getrieben, rennt immer durchs Dorf, wird durchs Dorf gelaufen sein - das merkt man dann aber schon nicht mehr, weil ja gerade wieder irgendeine andere Sau durchs Dorf .... ad infinitum

Doch, liebe PR-Fuzzis, ewig geht das auch nicht. Man erinnere sich an die Tannenbaumtherapie in Bölls "Nicht nur zur Weihnachtszeit". Da wird eine Familie gezwungen, für die sonst kreischende Tante Milla jeden Abend Heiligabend zu feiern. Mit Baum und einem täglich "Frieden, Frieden, Frieden" flüsternden Weihnachtengel. Irgendwann ist die Familie um die Tante durch Wachsfiguren ersetzt, man ist des Spekulatiusknabberns überdrüssig.

Liebe Firmen-PR, lasst euch also etwas Neues einfallen. Denn sonst sitzt ihr mit eurer Tante Milla und dem Engel und dem Baum bald ganz allein in Honolulu und ihr hört euer Halleluja nur vom eigenen Band.