Neues Buch von Internet-Skeptiker Jaron Lanier Die digitale Revolution, ein sozioökonomischer Tsunami

Die digitale Revolution hat den Mittelstand der Industrienationen wie ein sozioökonomischer Tsunami getroffen. Lanier führt da ein treffendes Beispiel an. Die Firma Kodak, so schreibt er, beschäftigte am Höhepunkt ihres Erfolges weltweit über 140 000 Mitarbeiter und hatte einen Wert von 28 Milliarden Dollar. Kodak erfand aber auch die digitale Fotografie. Und deren Standard ist nun die Firma Instagram. Diese wurde 2012 für eine Milliarde Dollar an Facebook verkauft und beschäftigte damals lediglich 13 Mitarbeiter.

Der Schmetterlingseffekt eines solchen Strukturwandels, der Hunderttausenden Mittelständlern den Job kostet, weil mit Kodak ja auch die Berufsstände der Fotolaboranten und Fotografen weitgehend verschwanden, ist enorm. Es sind jedoch nicht nur die Medienberufe, die der Strukturwandel gefährdet, es sind inzwischen auch Rechtsanwälte, Ärzte und Lehrer, die Konkurrenz durch die neuen Technologien bekamen. Lanier denkt hier auch die aktuellen technologischen Entwicklungen weiter, die künstliche Intelligenz, das selbstfahrende Auto und den 3-D-Drucker etwa. Auch hier sieht er - vom Lastwagenfahrer bis zum Modeschöpfer - den gesamten Mittelstand in Gefahr.

Wie, fragt er dann, "können wir verhindern, dass das Internet zum Herrschaftsinstrument wird, das einigen wenigen die Macht gibt, Milliarden von Menschen auszubeuten?" Sein Lösungsvorschlag ist unter anderem der Aufbau eines Vergütungssystems, das die Profite des Internets an all jene verteilt, die mit ihren Daten zum Kapital der digitalen Wirtschaft beitragen. Es wäre ja durchaus auch denkbar, dass Facebook seine Nutzer für jeden Eintrag, jedes Foto entlohnt. Doch hier gerät Laniers brillante Analyse einmal mehr zur Utopie. Warum sollten sich Konzerne wie Facebook, Google und Amazon auf ein quasi sozialistisches Wirtschaftssystem einlassen, das auf klassischer Umverteilung beruht?

Die Vision von der Umverteilung ist mehr als weltfremd

Nun war es Lanier selbst, der die unguten Aspekte der Schwarmintelligenz im Netz mit dem Begriff "Digitaler Maoismus" geißelte und sie mit den Schlägerbanden der chinesischen Kulturrevolution verglich. Seine Analyse von der digitalen Wirtschaft als destruktivem Monopolkapitalismus mag korrekt sein. Die Vision von der Umverteilung ist mehr als weltfremd.

Und trotzdem - will man in Deutschland nur drei Bücher der Internetkritik lesen, wäre Laniers "Wem gehört die Zukunft?" nicht lediglich eines aus diesem Trio. Es ist das wichtigste. Gerade weil er aus einer ganz anderen Tradition kommt als seine internetkritischen Zeitgenossen. Frank Schirrmacher leitete sein "Payback" über den Umweg der Neurologie noch aus dem klassischen europäischen Kulturpessimismus ab. Sein Buch und die netzkritischen Essays, denen er auf den Seiten seines Feuilletons in der FAZ ein Forum gibt, gehören zum intelligentesten und intellektuell interessantesten, was die Netzdebatte zu bieten hat.

Die Seele der digitalen Kultur windet sich vor Selbstzweifel

Evgeny Morozov bezieht sich wiederum auf die klassische Ideologiekritik. Mit seinem biografischen Hintergrund im autokratischen Weißrussland, seinen Studien an den besten Unis Amerikas und seinem Zugang zum Silicon Valley stellte der Autor von "Net Delusion" und "Smarte neue Welt" bereits die Machtfrage, als die Mehrheit der Netznutzer noch an die demokratisierende Wirkung des Internets glaubte.

Jaron Lanier aber ist der Ketzer, der Apostat, der sich von der Heilslehre abwendet, die er selbst mitgeschaffen hat. Egal wie utopisch seine Schlüsse aus den Analysen sind, mit Lanier bekommt man einen Einblick in die Seele der digitalen Kultur, die sich gerade vor Selbstzweifel und Schuldbewusstsein windet. Was bleibt, ist ja in jedem Fall: Es lohnt sich, das Internet zu retten. Um beim Bild vom Rockstar zu bleiben - es wird Zeit, dass die satten Stars vom Punk abgelöst werden. Julian Assange, Jacob Appelbaum und Edward Snowden haben den Anfang schon gemacht.