Brauchen wir bald das offene Web nicht mehr? Wenn es nach Mark Zuckerberg geht, soll Facebook zum Zentrum des digitalen wie des echten Lebens werden, zum mächtigen Parallel-Internet, das wir niemals verlassen müssen. Sollte diese Vision Realität werden, nimmt unser gesamtes digitales Ökosystem Schaden.
Mögen Sie Pferderennen? Wir Beobachter der Technologie-Branche lieben es, nur heißen unsere Pferdchen Apple, Google, Facebook oder Microsoft. Wer hat die Nase vorn, wer gewinnt mehr Kunden, wer hat die besseren Features? Auch die Neuerungen, die Facebook-Chef Mark Zuckerberg auf der Entwicklerkonferenz vorgestellt hat, können schnell in den Kategorien des Gewinner-und-Verlierer-Journalismus analysiert werden.
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Facebook-Chef Mark Zuckerberg bei seiner F8-Keynote: Das Facebook-Internet nimmt Gestalt an. (© AFP)
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Facebooks neue Funktionen vergrößern den Vorsprung gegenüber Google Plus, sagt die eine Seite, die andere sieht das Zuckerberg-Portal längst jenseits des Scheitelpunkts und prophezeit, dass in wenigen Jahren Google Plus die Nase vorn haben wird.
Für beide Prognosen (wie lieben wir Prognosen!) gibt es Argumente, doch die Konzentration auf den Wettlauf der Großkonzerne verstellt den Blick auf das Wesentliche: Mit der Facebook-Generalüberholung taucht die Zukunftsvision Mark Zuckerbergs so klar wie nie zuvor vor unseren Augen auf.
Facebook wurde durch die Einbindung des "Gefällt-mir"-Knopfs zum Netz hinter dem Internet, nun soll das Portal so umgekrempelt werden, dass der Facebook-Nutzer den Rest des Netzes eigentlich nicht mehr braucht.
Keine Frage der Moral
Musik- und Filmkonsum? Soll bald in der Facebook-Oberfläche möglich sein, gemeinsam mit Freunden noch dazu. Nachrichtenseiten? Können wir bald besuchen, ohne Facebook überhaupt verlassen zu müssen.
Dazu kommt noch die akribische Chronologisierung der digitalen Biographie in der Timeline und die Übersetzung von Echtleben-Tätigkeiten in Facebook-Apps. Als Beispiel nannte Zuckerberg die Nike-Applikation, die per Smartphone-GPS den Joggingweg protokolliert und die Route wunderbar als Karte anzeigt.
Klammern wir einmal die Frage nach der Privatsphäre aus und gehen vom Ideal aus, dass jeder Nutzer sich bewusst ist, was das Speichern solcher Informationen auf Facebook-Servern bedeutet (und hoffen wir, dass datenverwaltende Großkonzerne bald zu mehr Transparenz bezüglich dieser Informationen verpflichtet werden). Klammern wir einmal moralische Kategorien aus: Facebook und Google sind nichts anderes als Werbeagenturen, die Informationen vermarkten wollen, ja müssen, um den Wert ihres Unternehmens zu steigern.
Die Welt als Facebook-Schnittstelle
Beschäftigen wir uns einfach mit den Folgen, die eine Facebook- oder Google-Welt für das Internet haben würde. Ein befreundeter Web-Entwickler drückte es jüngst mir gegenüber so aus: "Ich habe keine Lust, irgendwann einmal nur noch auf Google- oder Facebook-APIs programmieren zu können." APIs sind die Programmierschnittstellen, über die Entwickler Software für Internetdienste basteln können.
Je mächtiger die großen Monokulturen werden, desto größer die Sogwirkung. Im Bereich des Social Web ist das evident: Kaum ein Unternehmen, Künstler, Internet-Nutzer, der sich nicht bei Facebook präsentiert; kaum eine Plattform, die auf die Einbindung des "Gefällt-mir"-Knopfes verzichtet.
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Eurovision Song Contest
So, die 'wer braucht das schon?' Beitraege sind durch und die etwa 800 Mio Menschen ohne Freunde und soziale Kontakte ziehen sich beleidigt in ihr facebook zurueck...die coolen neuen Moeglichkeiten wie spotify- oder Netflix-Integration werden mit deutscher IP ja auch erstmal nicht verfuegbar sein. Dank GEMA, Verlagen und Fernsehsendern wird kostenloses live-Teilen von Musik oder, Schreck, Horror, das legale Ansehen von Fernsehsendungen oder Filmen erstmal nicht moeglich sein. Lieber werden YouTube-Videos gesperrt oder es gibt wieder eine endlose Debatte, wie lange denn ein ZDF-Clip sein darf, damit man ihn vielleicht mal ueber facebook sehen darf. Die konservative und technikfeindliche Haltung wird vom Gesetzgeber gerne unterstrichen. Jeder Kauf mit Payback-Karte bietet 'Datenkraken' mehr Infos als facebook. Locker machen, facebook account loeschen und sich wundern, dass nur eine handvoll mitziehen wird...genau, der Haufen Anstaendiger, die noch echte soziale Kontakte haben, weil sie mit 50 noch im Umkreis von 30km ihres Geburtsortes leben...
@Autor: Vielen Dank für den Beitrag, auch wenn er leider die Mehrzahl der Nutzer nicht aufwecken wird.
Der Verweis auf die Wahlmöglichkeit der Anwender ist allerdings eine trügerische Hoffnung.
Frage: Welche Wahlmöglichkeit innerhalb der Berliner Parteiensuppe hat der Bundesbürger, um die Bundesrepublik aus der europäischen Finanzkrise herauszuführen?
Apple macht gerade vor, wie es möglich ist, Millionen von Kunden in einem geschlossenen, wohlkontrollierten und -zensierten System glücklich zu machen. Wer im Mainstream lebt, wird dort niemals anecken. Er wird garnicht merken, daß er in einem fremdbestimmten Raum lebt.
Betroffen sind die Wenigen, die auf Meinunsfreiheit, Individualität und prinzipelle Offenheit setzen. Denen hilft leider das Wahlvolk wenig.
Meine private Alternative zu Facebook und Co ist übrigens das reale Leben ohne Login.
sind die modernen Seelenverkäufer und Blockwarte, die Leute mit billigen Tricks/Versprechen/Vergünstigungen/... ausspionieren und dieses Wissen dann gewinnbringend an Industrie und Werbung weiterverkaufen.
Ähnlich wie bei den Kundenkarten, wo für läppische 1% Nachlaß, aber sowas von die "Hosen runtergelassen werden".
Die Menschen gehen so unbedarft und sorglos mit ihren persönlichen Daten um, daß es einen grausen kann. Nutznießer sind andere, jedenfalls nicht die Facebook, Googl +ich, etc. Nutzer.
Liebe Nutzer,
vielen Dank für das Feedback und einige hilfreiche Kommentare. @Werferfehler: "muss" ist doppeldeutig gemeint, weil meiner Meinung nach a) die neuen Funktionen nicht einschlagen werden und b) eine solche Dominanz nicht hilfreich wäre.
Beste Grüße,
Johannes Kuhn, sueddeutsche.de
die meisten Kinder und Jugendlichen kann man leicht dafür begeistern. Bei den Erwachsenen aber ist es nur eine fettlaibige Unterschicht, die dort hängen bleibt.
Aufs Internet übertragen sind das die Unbedarften, die die subtilen Seiteneffekte ihrer Internet-Nutzung nicht mal im Ansatz durchschauen. Die man mit dem 2GirlsOneCup-Video dazu bringen kann, den Pincode ihrer EC-Karte herauszugeben oder ihre Großmutter zu verkaufen.
Je höher der Anteil solcher unkritischer Leute, desto größer der Erfolg von Facebook, etc.
Die Schulen haben hier eine Verantwortung und die Pflicht, den Kindern die Zusammenhänge zu erklären, sie Vorsicht zu lehren. Der Rest kommt von allein.
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