Neue Timeline-Funktionen aktiviert Facebooks reibungsfreie Evolution

Wie viele Kilometer wurden gejoggt, welche Bücher gelesen, was zu Mittag gegessen? Facebook hat still und leise neue Features aktiviert, die das Nutzer-Verhalten automatisch protokollieren und veröffentlichen können - mit drastischen Auswirkungen auf den Alltag.

Von Kilian Haller

"Teilen" war gestern. Facebook-Nutzer surften durch das Netz, und wenn ihnen etwas gefiel, posteten sie es auf ihrer Facebook-Pinnwand. Sie teilten das mit ihren Freunden, was sie teilenswert fanden.

Das tun Facebook-User auch heute noch, aber eine neue Funktion könnte dem "bewussten Teilen" Konkurrenz machen: Das "frictionless sharing", auf deutsch etwa "reibungsfreies Teilen". Dafür muss der Nutzer nicht mehr selbst auf einen Like-Button klicken, um seinen Freunden etwas nahezulegen - seine Spuren im Netz werden automatisch bei Facebook abgebildet.

Wer Bekannte hat, die den Nachrichtenservice von Yahoo nutzen oder den Guardian lesen, konnte dieses Feature bereits sehen: Sofern derjenige die entsprechende App installiert hatte, wurden in diesen Newsportalen gelesene Artikel in einem Zusatzkasten der Nutzer-Timeline protokolliert.

Debatten über die Funktion gab es bereits im September 2011, als Facebook-Chef Mark Zuckerberg die Timeline und das automatische Teilen vorstellte. Kritik hagelte es reichlich; dabei spielten vor allem datenschutzrechtliche Bedenken eine Rolle, aber auch die praktische Umsetzung einzelner Apps - denn wer auf einen der automatisch geteilten Guardian-Artikel klickt, kommt nicht zu dem Text, sondern wird aufgefordert, die App ebenfalls zu installieren. Verantwortlich ist dafür in diesem Fall allerdings nicht Facebook, sondern die jeweiligen Entwickler der App.

Live-Berichterstattung vom Leben der Freunde

Mittlerweile hat Facebook die Timeline eingeführt und auch das reibungsfreie Teilen wird zunehmend ausgebaut. 60 neue Apps stellte das Unternehmen dafür am Mittwoch vor, Entwickler können nun auch eigene Anwendungen schreiben, die auf den "Open Graph", also die Schnittstelle zur Timeline, zugreifen.

Genutzt werden können jetzt Musik-Apps von Rdio, Deezer oder Soundcloud - sie zeigen in einer zusätzlichen Box, was gerade gehört wird. Essens-Apps wie "Foodspotting" protokollieren, was wann gegessen wurde. "Map My Fitness" merkt sich, wie lange jemand trainiert und wie viele Kalorien er dabei verbrannt hat. Die Timeline kann so zum Nachrichtenkanal mit Live-Berichterstattung vom eigenen Leben werden.

Doch erst in der Anwendung der neuen Funktion wird vielen bewusst, welche Auswirkungen sie auf das Verhalten hat. Das kann bedeuten, dass jemand, der sich eigentlich mit Mainstream-Musik zufrieden gibt, plötzlich verkopfte Independent-Künstler hört, um interessanter zu wirken. Zeitungsartikel mit boulevardesken Überschriften werden womöglich weniger angeklickt - wer möchte schon als sensationsgierig gelten?

Smarte Geräten können selbstständig protokollieren

Bei den meisten Anwendungen funktioniert dieses reibungsfreie Teilen allerdings noch nicht wirklich automatisch. Bei "Goodreads" muss das Buch, das gerade gelesen wurde, erst angeklickt werden. Die zurückgelegten Kilometer müssen bei "Map My Fitness" selbst eintragen werden. Eigenhändig muss auch jede Mahlzeit, die gekocht wurde, bei "Foodspotting" eingestellt werden.

Diese Zwischenschritte werden aber mittelfristig aber womöglich nicht mehr nötig sein. Dann funkt der E-Book-Reader, wenn die letzte Seite eines Buch geschafft ist; meldet sich das Smartphone, wenn der Jogger am Ziel ist; passt der Kühlschrank auf, welche Zutaten und damit welche Kalorienmenge zum Kochen verwendet werden. Bei Technik-Messen werden immer mehr Geräte gezeigt, die "smart" sind und mit dem Internet - also auch mit sozialen Netzwerken - verknüpft werden können.

Jeder ist sein eigener Regisseur

Für diejenigen, die nicht vollkommen gleichgültig gegenüber ihrer Selbstdarstellung sind, erfordert die Internet-Nutzung damit immer mehr Behutsamkeit. Gestern konnten ungünstige Partyfotos einen solch schlechten Eindruck machen, dass Bewerbungen abgelehnt wurden. Also fingen viele Facebook-Nutzer an, sich Fotografien bei Partys zu verbieten, ihre Schirmchen-Drinks hinter dem Rücken zu verstecken oder solche Bilder einfach aus den sozialen Netzwerken zu löschen. Bald sind es nicht mehr nur Schnappschüsse, sondern alltägliche Gewohnheiten, die den Facebook-Nutzer wie eine Person des öffentlichen Lebens jeden Schritt abwägen lassen werden.

Die Kritik daran: Die Timeline bildet nicht das Leben ab, wie es ist. Sie zeigt ein inszeniertes Leben. Jeder Dokumentarfilmer, der das Verhalten von Menschen beobachten will, kennt das: Sobald eine Kamera präsent ist, ändert sich das Verhalten grundlegend.

Natürlich ist jeder sein eigener Regisseur; jedem ist selbst überlassen, was er preisgeben möchte. Das automatische Teilen ist freiwillig, kann jederzeit wieder beendet oder nur bestimmten Freunden zugänglich gemacht werden. Doch Gruppenzwang gibt es auch im Internet; sollte sich das reibungslose Teilen durchsetzen, dürfte es auch skeptischeren Zeitgenossen leichter fallen, Teile ihres Lebens als Facebook-Livebericht protokollieren zu lassen.