Neue Identität im Internet Aaron Brown ist aktuell auf Wohnungssuche

Aaron Brown lebt. "Gerade sucht er nach einer Wohnung in Cleveland, habe ich gehört", sagt Wallen - und grinst. Schließlich sei sein geheimer vorheriger Wohnsitz ja bekannt, seit Wallen in den Medien von ihm erzählt. "Aaron mag aber Anonymität." Das Spiel mit den Identitäten macht Wallen Spaß, manchmal redet er von ihm wie von einer richtigen Person und manchmal ist er nur ein Projekt.

"Als plötzlich Leute auf Spanisch über @aaronbrown216 twitterten, dachte ich: Wow, wo hast du denn Spanisch gelernt, Aaron?" Nun sucht er für Brown nach einer Wohnung in Cleveland, die er für ein bis zwei Monate mieten will. Dort soll Brown dann mit seinem Computer, seinen Fotos, dem Post-it und all seinen Dokumenten einziehen, Wallen will das dokumentieren - es wird eine Art Galerie, die zwar niemand besuchen soll, die man aber im Internet aufspüren kann. Mit den falschen Ausweisen hat Wallen Gesetze gebrochen, er hat deswegen schon mit einem Anwalt gesprochen.

Die Polizei habe sich noch nicht bei ihm gemeldet, aber mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, mit jedem Zeitungsartikel über ihn wächst die Gefahr. Im Oktober spricht er sogar auf einer Konferenz in Deutschland über sein Projekt, auf der "border:none" in Nürnberg. Schlimmstenfalls drohe ihm Gefängnis, sagt er. "Ich habe entschieden, dass es das Risiko wert ist. Ich bin ja jung." Er habe niemanden betrogen und hatte keine kriminellen Absichten, darum hofft er auf eine - wenn überhaupt - milde Strafe.

"Die meisten Leute interessieren sich nicht für Datenschutz, weil sie glauben, dass sie nichts zu verstecken haben", sagt Wallen. "Aber das ist sehr egoistisch. Andere Leute könnten ja etwas zu verstecken haben und einen guten Grund dafür. Auch Martin Luther King wurde vom FBI überwacht und nun ist er ein Nationalheld. Ein gewisser Grad von Anonymität ist wichtig für den Fortschritt der Gesellschaft."

Sein iPhone hat er verkauft, die Laptop-Kamera klebt er ab

Wallen ist gleichzeitig Künstler und politischer Aktivist, seine Kunst soll Menschen die Augen öffnen. "Es gibt mit den Regierungen und mit Konzernen wie Facebook oder Google zwei mächtige Gruppen, die ein Interesse daran haben, dass das Internet nicht frei ist", sagt er. Und: "Der erste Schritt zur Freiheit ist, dass die Leute wissen, was diese Gruppen tun."

Das Projekt hat sein Leben verändert, sein Leben als Curtis Wallen. Er hat sein iPhone verkauft, als der Berliner Chaos Computer Club die Sicherheitslücken der Handys aufdeckte. Er hat sich bei Facebook abgemeldet. Die Kamera an seinem Laptop hat er mit schwarzem Klebeband zugeklebt. Wenn er im Internet surft, benutzt er Sicherheitsfilter. Er arbeitet nicht mit Windows, sondern mit dem Konzern-unabhängigen Betriebssystem Linux.

Alle E-Mails verschickt er mit einer verschlüsselten Software - jede Kleinigkeit, sogar die Einladung zum nächsten Grillabend an einen Kumpel. "Man macht sich bei den Behörden ja schon dadurch verdächtig, dass man Verschlüsselungsprogramme einsetzt. Die denken dann, man hätte etwas zu verbergen", sagt er. Und: "Das wird sich erst ändern, wenn sie mehr und häufiger benutzt werden, auch für harmlose Dinge."