Netzkultur Die Renaissance der GIF-Animation

Screenshot einer GIF-Animation der Ausstellung "Moving the still"

(Foto: movingthestill.tumblr.com)

GIF-Animationen waren Ästheten schon in den Neunzigerjahren ein Graus. Doch jetzt erlebt das alte Dateiformat eine Renaissance. Blogs, Medien und Ausstellungen widmen sich dem Phänomen.

Von Michael Moorstedt

In der Kunst passiert es in regelmäßigen Abständen, dass vergessene Techniken und Materialien wiederentdeckt werden. Ähnliches lässt sich seit einiger Zeit auch im Netz beobachten, die fragliche Technik nennt sich GIF. Das Kürzel steht für Graphics Interchange Format, ein eigentlich schon lange veraltetes Dateiformat, das vor 25 Jahren entwickelt wurde, um im frühen Internet ein verlustfreies Speicherverfahren für digitale Bilder zur Verfügung zu stellen. In den Neunzigerjahren wurde eine weitere Eigenschaft des GIFs entdeckt - die Fähigkeit, mehrere Bilder in eine Animation umzuwandeln. Für einige Jahre war das Netz mit sich bewegenden GIFs geradezu überschwemmt. Der Nachteil bestand in einer grobkörnigen Auflösung und einer beschränkten Farbpalette von nur 256 Farben. Ein Graus für Ästheten.

Doch seit etwa einem Jahr erfährt das Uraltformat eine Renaissance. Die Vorteile des vermeintlich unzeitgemäßen Formats liegen auf der Hand. Es ist nicht nur weniger speicherplatzintensiv als tatsächliche Videos, sondern erlaubt auch eine weitere Konzentration des Blicks, lässt das Geschehen in wenigen Sekunden kulminieren. Außerdem kann auch der Laie mit wenigen Mausklicks zum Animator werden. Unzählige Blogs existieren mittlerweile nur noch, um mit immer neuen GIF-Animationen befüllt zu werden.

Und so fallen in Tausenden Endlosschleifen Menschen auf die Nase, werden von ihren Haustieren oder Kindern genervt oder erleben anderweitige Tiefpunkte. Dann wieder gibt es fraktale Landschaften zu sehen, surreale Stop-Motion-Aufnahmen, Momente aus historischem Bild- und Filmmaterial, das entweder beschleunigt oder verlangsamt wird.

GIF ist das Wort des Jahres

Vor allem auf dem momentan extrem beliebten Blog-Netzwerk Tumblr widmet sich ein großer Teil der Nutzer allein dem permanenten Erstellen und Teilen immer neuer Animationen. Aus den Untiefen des Web taucht das GIF nun auch in der Hochkultur auf. Die Sprachhüter der Oxford University Press kürten GIF eben zum Wort des Jahres 2012 - und zwar nicht nur als Nomen, sondern auch als Verb. Giffen - wenn man so will - ist längst eine anerkannte Kulturtechnik. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass mittlerweile auch die Mainstreammedien die Kurz-Animationen einsetzen, um über Großereignisse wie die Olympischen Spiele in London oder die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu berichten.

Die Sprach-Snobs sind aber nicht die Ersten, die dem GIF zu kultureller Bedeutung verhelfen. Das Museum of Contemporary Art in Chicago veranstaltete bereits im Frühjahr eine GIF-Vernissage und die New York Public Library öffnete Teile ihres Archivs historischer Stereografien für die Nutzergemeinde, um aus den antiquierten Bildern animierte Dateien zu erstellen.

Und in der vergangenen Woche wurde auf der Art Basel in Miami nun ein eigenes Sub-Festival eröffnet, das sich ausschließlich mit dem digitalen Daumenkino befasst. "Moving the Still" heißt die Ausstellung, die - selbstverständlich - auch im Netz zu sehen ist. Der Name passt, denn animierte GIFs sind seltsame Zwischendinge, nicht mehr Foto und noch nicht Film, sie rütteln an den Sehgewohnheiten des Betrachters. Das GIF ist ein vermeintliches Stillleben, in dem erst auf den zweiten Blick Bewegung herrscht.