Netzdepeschen Im Netz der Wikipedia-Bürokratie

Ein amerikanischer Geschichtsprofessor entdeckt in Prozessakten kaum beachtete Fakten zu einer Schießerei in Chicago - doch bei Wikipedia zählt sein Fund wenig. Wie das Wiki-Prinzip dazu führen kann, dass falsche Einträge trotz neuer Erkenntnisse bestehen bleiben.

Von Niklas Hofmann

Am 4. Mai 1886 warf ein Unbekannter auf dem Chicagoer Haymarket Square eine Bombe auf Polizisten, die eine Arbeiterversammlung auflösen wollten. Durch die Explosion und eine folgende Schießerei starben fast ein Dutzend Menschen. Sieben Anarchisten, fünf von ihnen gebürtige Deutsche, wurden trotz umstrittener Schuld später als Komplizen des Anschlags zum Tode verurteilt.

Online-Enzyklopädie Wikipedia (Symbolbild): Wo der Peer-Review-Gedanke ins Dilemma führt.  

(Foto: ddp)

Diese "Haymarket-Affäre", eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Stadt Chicago, der US-Arbeiterbewegung, des Anarchismus und der Deutsch-Amerikaner, hat der Historiker Timothy Messer-Kruse, Professor in Ohio, zehn Jahre lang erforscht.

Unter anderem studierte er die in der Library of Congress verwahrten Prozessprotokolle. Dabei fiel ihm auf, dass die gängige Darstellung des Verfahrens sachliche Fehler enthielt. Das galt auch für den Wikipedia-Eintrag zum Thema.

An Wikipedia verzweifelt

Und so machte Messer-Kruse 2009 zum ersten Mal den Versuch, jenen Wikipedia-Artikel (etwa die Behauptung, der Ankläger habe keinerlei Beweise gegen die Anarchisten vorgelegt) zu korrigieren. Im Chronicle of Higher Education hat Messer-Kruse soeben die frustrierenden Erfahrungen geschildert, die nun folgten:

Zitate der Primärquellen, also der - im Netz sogar einsehbaren - Prozessprotokolle, seien nicht ausreichend, wurde er von Wikipedia belehrt, er müsse auf "veröffentlichte Bücher" verweisen. Seine Änderungen wurden prompt rückgängig gemacht, Messer-Kruse drohte eine Sperrung als Vandale.

Zwei Jahre später, inzwischen war sein eigenes Buch zum Thema erschienen, unternahm er einen zweiten Anlauf. Diesmal erklärt ihm einer der Wikipedia-Redakteure, er vertrete eine Minderheitenmeinung, die kein zu starkes Gewicht erhalten dürfe: "Wenn alle Historiker bis auf einen sagen, dass der Himmel 1888 grün war, erfordern es unsere Regeln, dass wir schreiben, ,den meisten Historiker zufolge war der Himmel grün, aber einer sagt er war blau.'" Da warf Messer-Kruse das Handtuch.

Tatsächlich hatte der Historiker, wenn auch nur aus Unkenntnis, gegen Wikipedia-Regeln verstoßen. Und die Prinzipien von Neutralität und Verifizierbarkeit haben die Wikipedia bislang recht effektiv vor Privatmeinungen und obskuren Weltsichten geschützt.

Doch die strikte Anwendung ihrer am Peer-Review-Gedanken der Naturwissenschaften angelehnten Standards kann in anderen Bereichen schnell zu Dilemmata führen. Wenn etwa das Übergewicht der Sekundärliteratur den Nachweis aus der historischen Quelle schlägt, ist die Geschichtswissenschaft aufgeschmissen. Dass im Fall Haymarket alle Wikipedia-Regeln befolgt wurden, führte jedenfalls nur dazu, dass der Eintrag über Jahre hinweg historisch falsch blieb.

Hang zur Bürokratie zügeln

Das immerhin hat sich nun geändert. Kaum war Messer-Kruses Artikel in der vergangenen Woche erschienen, wurden seine Erkenntnisse doch noch eingearbeitet. Und während in den Kommentarspalten des Chronicle und anderer Medien eine lautstarke Minderheit von Wikipedia-Fans dem Historiker Dünkel und einen ungerechtfertigten "Wutanfall" vorwirft, reflektieren die Wikipedianer selbst den Vorgang differenziert und selbstkritisch.

Wir müssen wirklich den Hang zur Bürokratie zügeln, der diese Website kaputt macht", schreibt ein langjähriger Aktiver auf der Diskussionsseite des Haymarket-Eintrags: "Das Problem war, dass dieser Artikel fehlerhaft war und mindestens ein Experte gekommen ist und ihn ausbessern wollte. Das wurde sofort rückgängig gemacht, weil die Leute sich an die Verfahrensweise um der Verfahrensweise Willen halten. Kafka könnte kaum stolzer sein."