Nach dem Amoklauf von Winnenden "Das Internet ist ein Dschungel"

Die blitzschnelle Weiterverbreitung der Falschmeldung, dass Tim K. seine Tat im Internet angekündigt hat, zeigt: Politik, Polizei und auch viele Medien haben immer noch keine Ahnung von den Mechanismen im Netz.

Von Mirjam Hauck

"Irgendein Verrückter hat eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt", kommentierte Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) am Donnerstagabend das Versagen seiner Behörde. Polizei, Staatsanwaltschaft und in Folge auch viele Medien hatten die Meldung, dass der jugendliche Amokläufer seine Tat in einen Internetforum angekündigt hat, für wahr gehalten und weiterverbreitet. Als Beweisstück präsentierte Rech einen Screenshot des angeblichen Eintrags. "Ich werde morgen früh an meine Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen", lautete der Text

Doch stutzig hätte Rech allein die Herkunft des Screenshots machen müssen. Er stammte von der Website Krautchan, dem deutschen Ableger des US-Web-Forums 4Chan. Ebenso wie der große Bruder ist die Seite dafür bekannt, Falschmeldungen zu verbreiten und Medien in die Irre zu führen. Zudem dementierten die Macher der Website sofort nach Bekanntwerden des angeblichen Beweisstückes, dass dies die Ankündigung des Amoklaufs von Winnenden sei.

"User reflektieren, was veröffentlicht wird"

Das begierige Aufgreifen jedes noch so kleinen - wenn auch falschen - Hinweises zeigt, wie wenig die Mechanismen des Internets bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Medien bekannt sind. Foren und Chatrooms sind Verschriftlichungen mündlicher Sprachkultur - wie ein Kollegen-Gespräch in der Kantine, bei dem Belangloses ausgetauscht, Unwichtiges aufgebauscht und auch manche Falschinformation verbreitet wird. Zusätzlich macht die Anonymität des Netzes es noch leichter, Dinge zu schreiben und in die Welt zu setzen, die man einem realen Gegenüber nie anvertraut hätte.

Die Betreiber von Foren und Chats wissen, dass der Wahrheitsgehalt auf ihren Seiten keinen Hundert-Prozent-Wert erreicht. Thomas H. Kaspar, Chefredakteur der Community von Chip Online, widerspricht dennoch der Ansicht, dass das Internet ein Käfig voller Trolle sei. "Auf unseren Seiten im Netz haben wir inzwischen eine Kultur, bei der User reflektieren, was veröffentlicht wird." Das sei nicht immer der Fall gewesen, aber mit Moderatoren, die die Foren begleiten, seien die User immer kritischer geworden und würden beispielsweise verdeckte Werbung oder auch Falschmeldungen hinterfragen und schnell aufdecken.

Dennoch laufe die Netzkommunikation noch nicht optimal. "Wir befinden uns beim Internet noch in der Dschungelphase", sagt Kaspar. "Wie geht man mit Diskussionen um? Wie verhindert man, dass sich Falschmeldungen in Sekundenschnelle weiterverbreiten? Dafür muss es Regeln geben, aber wie sie genau aussehen sollen, müssen wir noch im Diskurs verhandeln."

Pragmatischer werden die Diskussionsregeln für Internetuser beim Chat- und Forenanbieter Spin AG aus Regensburg gehandhabt. "Wenn sich ein User in einem Chatroom belästigt fühlt, kann er auf einen Alarmknopf drücken", erklärt Vorstand Paul Schmid. Politiker wie Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) brachten diesen Vorschlag, den einige Chat-Anbieter bereits umgesetzt haben, jetzt wieder in die Diskussion.

"Die letzten 30 Minuten des Gesprächs werden dann mitprotokolliert." Gewaltandrohungen oder ähnliche strafbare Handlungen lassen sich so nachweisen, sie werden auf einem Server mitprotokolliert und lassen sich so gerichtsverwertbar verwenden - anders als ein im Internet kursierender Screenshot, der sich schnell als Fake erwies.