Mysteriöser Internet-Vorfall Um-Lei-Tung

Mitten in der Google-China-Krise galten für Nutzer von Facebook, Twitter und Youtube ein paar Stunden lang die chinesischen Zensurbestimmungen. Leitete Peking den Internetverkehr um?

Von Helmut Martin-Jung

Die ersten, die es merkten, waren die Techniker eines Internetanbieters in Chile. Nutzer, die populäre Seiten wie Facebook, Twitter oder Youtube aufrufen wollten, erhielten plötzlich Fehlermeldungen.

Schnell fand ein Netzexperte heraus warum: Die Anfragen wurden über China geleitet - für die Betroffenen war es so, als lebten sie auf dem chinesischen Festland. Dort blockieren die Behörden den Zugang zu diesen und anderen Seiten. Die Umleitung ist nun wieder ausgeschaltet, doch die Internetgemeinde spekuliert über die Hintergründe.

Schließlich ist es erst wenige Tage her, dass der Internetkonzern Google in einem spektakulären Schritt entschieden hat, seine Suchergebnisse in China nicht weiter selbst zu zensieren, sondern von Hongkong aus anzubieten - unzensiert. Um dem zu begegnen, hat China Beobachtungen von Experten zufolge begonnen, den Internetverkehr von und nach Hongkong zu zensieren.

Plötzlich lief alles über China

Doch wie kommt es, dass die als "Great Firewall" bekannte Zensur-Infrastruktur Chinas sich nun auch außerhalb Chinas auf das Internet auswirkt? Das hängt mit der Art zusammen, wie Anfragen im Internet behandelt werden. Wer eine Adresse wie www.facebook.com in seinen Internetbrowser tippt, löst damit zunächst eine Anfrage an einen sogenannten Nameserver aus.

Das sind Rechner, auf denen gespeichert wird, welche Ziffernfolge sich hinter einer für Menschen leichter zu merkenden Internetadresse verbirgt. Als oberste Autorität fungieren dabei die Rootserver, von denen es weltweit eigentlich nur 13 gibt.

Hinter einigen der Rootserver, die einfach mit Buchstaben von A bis M bezeichnet werden, stecken jedoch in Wahrheit viele Server, die ebenfalls weltweit verteilt sind. Sie haben alle dieselbe Internetadresse, und normalerweise antwortet immer der Server als Erster, der am schnellsten zu erreichen ist.

Warum das Mittwochnacht plötzlich anders war und Anfragen über den I-Rootserver in China geleitet wurden, darüber rätseln Experten. Dan Kaminsky, eher ein Lautsprecher der Branche, glaubt, der Internetverkehr sei absichtlich umgeleitet worden.

Umleitung mit Risiken

Die Auseinandersetzung Googles mit China sieht er als Gefecht im Cyberkrieg mit China. Andere vermuten einen unabsichtlichen Fehler. Ein solcher Lapsus der pakistanischen Internetverwaltung hatte 2008 dazu geführt, dass das Videoportal Youtube weltweit stundenlang unerreichbar war.

Tatsache ist jedenfalls, dass die Struktur des Internets "keine Absicherung gegen solche Vorfälle" biete, sagt Thorsten Dietrich vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik: "Das ist ein Thema, über das wir hier auch diskutieren." Theoretisch, sagt Dietrich, wäre es möglich, E-Mails umzuleiten, zu kopieren und sie dann zuzustellen, ohne dass Absender oder Empfänger etwas davon mitkriegen.

Einen solchen Fall habe es aber seiner Kenntnis nach noch nicht gegeben. "Das Risiko wächst", sagt Dietrich. Helfen könnte ein neues Verfahren namens Dnssec, das solche Umleitungen nicht mehr zulässt. In Deutschland wird es von der Verwaltung der .de-Adressen gerade getestet. Lesen Sie hierzu Berichte in der Süddeutschen Zeitung.