Apple Music, Spotify und Co Streaming? Ohne mich!

Das Comeback der CD? Adeles neues Album "25" bricht gerade alle Rekorde.

(Foto: dpa)

Bei Apple Music, Spotify und Co lassen sich Millionen Songs anhören - oft auch kostenlos. Die User jubeln über die Shared Economy. Viele Bands fühlen sich dagegen verramscht. Zu Recht?

Von Jan Kedves

Es ist eine der irrsten Pointen im Popgeschäft der vergangenen Wochen: Adele war zwei Tage vor dem Erscheinen ihres Albums "25" zu Gast bei Beats 1, dem Apple-eigenen Online-Radiosender. Sie ließ sich nichts anmerken, plauderte locker über Bühnenangst und ihre Stimmbandoperation - aber als "25" zwei Tage später, am 20. November, auf dem Markt war, gab es das Album bei Apple Music nicht zu hören. Auch bei Spotify, Deezer und anderen Streaming-Diensten, bei denen man für einen Festbetrag oder gratis, dann aber mit Werbung, Millionen Songs im Netz abrufen kann, ist es nicht zu finden. Man kriegt es nur auf dem klassischen Weg: als Vinyl-Platte, CD und bezahlten MP3-Download.

Adele selbst äußert sich zu der Entscheidung nicht. Vielleicht hat sie keine Lust darauf, zur Anti-Streaming-Kämpferin erhoben zu werden. Sie erntete viel Kritik für die Entscheidung, unter anderem von Frank Briegmann, dem Europa-Chef von Universal Music. Er hält es für einen "Fehler", wenn mit Spannung erwartete Neuerscheinungen aus dem Streaming herausgenommen werden, um die Absätze anderswo (zu denen auch Downloads gezählt werden) in die Höhe zu treiben. Eine Strategie, die - wie man am sensationellen Erfolg von "25" sieht - aufgegangen ist.

"Ein langer Marsch"

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20 Millionen zahlende User

Grundsätzlich kann man die Sorge eines Musikmanagers verstehen, der weiß, dass das Versprechen der Streaming-Flatrate nur dann funktioniert, wenn ein Abonnent bei seinem Anbieter wirklich alle Veröffentlichungen findet - aktuelle wie alte. Sonst könnte der nämlich frustriert sagen: "Dann besorge ich mir das Album eben illegal im Netz, wie früher." Sicher ist es grundsätzlich ein Erfolg, wenn sich mehr und mehr Menschen dazu bringen lassen, fürs Anhören von Musik im Internet ein Abo abzuschließen. Der Marktführer Spotify etwa zählt inzwischen 20 Millionen zahlende User.

Und doch ist die Diskrepanz zwischen dem Superlativ der Zahlen und der Unzufriedenheit vieler Künstler auffällig. Legendär ist die E-Mail des Chefs des Musikverlags Sony/ATV, derzufolge Pharrell Williams für seinen 43 Millionen Mal gestreamten Hit "Happy" einen Tantiemenscheck über gerade mal 2700 Dollar bekommen hat. Ein Streaming-Abo ersetzt aus Sicht von Plattenfirmen und Künstlern eben noch lange keinen Plattenkauf, für viele Streaming-Nutzer tut es das aber doch.

Sie finden es gut, dass Streaming letztlich so etwas ist wie eine gemietete Jukebox, in der man jederzeit hören kann, was man will. Das passt in die Zeit: Sharing Economy! Gewandeltes Verhältnis zu Eigentum! Man kauft sich auch kein Auto mehr, sondern lässt sich per Smartphone eins aufschließen. Musiker können sich da aber ganz schön verramscht vorkommen.

Die monatliche Summe, die Spotify an Künstler ausbezahlt: unberechenbar

Sogar Nutzer, die monatlich ihre 9,99 Euro zahlen, haben häufig kein Bewusstsein dafür, wie die Künstler entlohnt werden. Viel Aufmerksamkeit bekam vor einigen Wochen etwa ein Beitrag auf der US-Branchenseite billboard.com, der mit dem Missverständnis aufräumt, das Geld, das man an einen Streaming-Anbieter zahle, komme unmittelbar den Künstlern zugute, deren Musik man hört. Jeff Price, der sich mit seiner Firma Audiam auf das Eintreiben von Tantiemen im Digitalsektor spezialisiert hat, schrieb da mit Blick auf Spotify: "Es mag bizarr klingen, aber selbst wenn ein Abonnent nur die Sex Pistols hört, wird ein Teil seines Geldes an Liza Minnelli ausgeschüttet." Eine Horror-Vorstellung - zumindest für Punk-Fans.

Fragt man bei Spotify nach, ob das stimmt, bestätigt ein Unternehmenssprecher, dies sei "grundsätzlich so korrekt". Spotify wirft am Ende eines Monats die Einnahmen durch Streaming-Abos und Werbung in einen Topf und errechnet dann anhand des jeweiligen Anteils eines Künstlers am Gesamt-Streaming-Volumen, wie viel an ihn oder sie auszubezahlen ist. Das ist aber vor allem eins: unberechenbar. Weil es keine fixe Summe pro Stream gibt, sondern nur die vage Aussicht, dass mehr Streams schon irgendwie mehr Geld bringen. Rechnerisch ist es aber durchaus möglich, dass ein Musiker unterm Strich sogar weniger herauskommt, selbst wenn seine Streaming-Zahlen steigen - wenn nämlich das verfügbare Musikrepertoire wächst und die Musik anderer Musiker auch häufig gestreamt wird.

Verständlich also, wenn Plattenfirmen oder Künstler eine wichtige Veröffentlichung diesen Unwägbarkeiten nicht, oder nur bedingt, aussetzen wollen. Und so wird man sich wohl daran gewöhnen müssen, dass sie jeweils von Fall zu Fall abwägen, ob sie beim Streaming mitmachen oder nicht. Womöglich gibt es beim Streaming auch bald eine Zweiklassengesellschaft. Laut Wall Street Journal stellte Spotify Managern großer Plattenfirmen in Aussicht, in Zukunft könne es eventuell möglich sein, Alben nur innerhalb des Abo-Modells zu streamen. Spotify dementiert noch, aber vielleicht würde es sich dann auch Adele noch mal überlegen.

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