Monopolvorwürfe Hände weg von Google

Google-Büro in New York: Ist der Konzern zu mächtig

(Foto: AP)

Soll der Staat Google zerschlagen? Damit droht Wirtschaftsminister Gabriel. Er übersieht, wie die Nutzer von der Marktmacht des Konzerns profitieren.

Ein Kommentar von Bastian Brinkmann

Also suchen wir mal diesen Text von Sigmar Gabriel, in dem der Wirtschaftsminister die Zerschlagung von Google ins Spiel bringt. Erschienen ist der Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, allerdings am Freitagmorgen nicht auf der Internetseite FAZ.net. Kann Google helfen?

Zuerst der Test der Konkurrenz. Microsofts Suchmaschine Bing* entschuldigt sich: "Keine Ergebnisse gefunden". Und was serviert die datenschutzfreundliche Suchmaschine Duckduckgo? "Keine Ergebnisse", heißt es dort, stattdessen schlägt der Dienst eine Alternative vor: "Versuche Google".

Das wäre von Anfang an die bessere Idee gewesen. Denn: Google liefert. Die Findmaschine entdeckt den Text am Freitagmorgen auf spd.de.

Wer schon mal länger Alternativen zu Google genutzt hat, der lernt etwas über Big Data. Der Begriff meint das Sammeln vieler Informationen in großen Tabellen, um den Nutzer möglichst passend zu analysieren. Algorithmen entscheiden aufgrund des bisherigen Verhaltens und diverser geheimer Faktoren, ob er gerade Geld abheben oder sich setzen möchte, wenn er "Bank" googelt.

Das Gabriel-Beispiel zeigt: Big Data funktioniert nur, wenn der Datenhaufen auch wirklich big ist. Die Millionen Suchanfragen, die bei Google auflaufen, helfen dem Konzern, das Internet zu sortieren. Dazu kommt seine enorme Rechenpower.

Zerschlagung wäre schlecht für Nutzer

Würde Google zerschlagen, wären die Voraussetzungen für gute Suchergebnisse verloren. Deswegen wäre ein solcher Schritt gefährlich für die Nutzer. Die Konsequenz einer Entflechtung hieße: "Keine Ergebnisse gefunden".

Das übersieht Gabriel, wenn er Google droht. Er schreibt:

Wirtschaftsministerium und Bundeskartellamt prüfen, ob ein Unternehmen wie Google seine marktbeherrschende Stellung missbraucht, um durch die Beherrschung einer "essential facility", einer wesentlichen Infrastruktur, Wettbewerber systematisch zu verdrängen. Eine Entflechtung, wie sie bei Strom- und Gasnetzen durchgesetzt wurde, muss dabei ernsthaft erwogen werden.

Eine Entflechtung wie auf dem Strom- und Gasnetz? Soll Baden-Württemberg ein anderes Google bekommen (EnBW) als Nordrhein-Westfalen (RWE)? Es ist kein Szenario denkbar, in dem Googles Suchmaschine sinnvoll zerlegt werden kann. Und Nebengeschäfte wie den E-Mail-Dienst Gmail abzutrennen, ändert überhaupt nichts an Googles mächtiger Stellung im Suchmaschinenmarkt und den Milliardeneinnahmen, die der Konzern damit einstreicht.

Keine Hinweise auf Missbrauch im Suchmaschinenmarkt

Google ist mächtig, keine Frage. In Deutschland benutzen fast alle Internetnutzer die Seite des Konzerns, um Informationen oder Adressen anderer Internetseiten zu finden. Google muss reguliert werden, keine Frage, so wie alle anderen Konzerne und Branchen des Wirtschaftslebens auch. Google darf nicht einfach alles unkontrolliert speichern und veröffentlichen, Datenschutz und Persönlichkeitsrechte gelten auch für den Konzern - eine Selbstverständlichkeit. Das durchzusetzen, hat aber nichts mit den Monopolvorwürfen zu tun, sagt auch Deutschlands oberster Wettbewerbshüter: "Das Kartellrecht befasst sich mit wirtschaftlicher Macht, kann aber keine Probleme des Datenschutzes oder der Persönlichkeitsrechte lösen", so der Präsident des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt.

Googles Kerngeschäft ist der Verkauf von Anzeigen, die rund um die Treffer und auf Fremdseiten platziert werden. In dem Bereich ist kein Missbrauch der Marktmacht zu erkennen. Aber Gabriel schreibt:

Die Vertragsfreiheit und der freie Wettbewerb drohen zur Schimäre zu werden, wo die Ungleichheit zwischen den Wirtschaftssubjekten absurde Ausmaße annimmt, wo in neufeudaler Selbstherrlichkeit auftretende Monopolisten sich rechtsstaatlichen Regeln entziehen und notwendige Informationen verweigern. Der klassische Eigentumsbegriff bekommt Risse, wo Gratisangebote ganze auf bezahlten Gütern fußende Märkte zerstören oder die unautorisierte Kopie und Verfügbarmachung von Inhalten den Urheber enteignet. Ordnungspolitik ist also gefordert, wo nach der Finanzmarktkrise ein weiteres Mal regellose Märkte und maßlose Marktakteure großen Schaden anzurichten drohen.

Der Minister zeichnet ein Zerrbild von Google als übermächtigen Konzern, der händereibend alles über seine Nutzer weiß. Die sollen der Datenmacht schutzlos ausgeliefert sein.

Wer sich aber schon einmal angeschaut hat, was Google tatsächlich als angebliche Interessen über einen gespeichert hat, sieht die Sache entspannter. Google meint also, man interessiere sich für Armbanduhren (nein), brasilianische Musik (hä?) oder für Haus und Garten, auch wenn man beides weder besitzt noch zu kaufen plant. Herzlichen Glückwunsch, mächtiger Google-Algorithmus!

Auch ist Google keine Alles-Suchmaschine, wie es die Konzern-PR gerne darstellt. Große Bereiche des digitalen Lebensraums sind für den Konzern verschlossen. Der Gabriel-Gastbeitrag ist sehr wohl schon seit Stunden digital verfügbar, in der App der FAZ, als PDF-Datei im E-Paper oder in elektronischen Datenbanken. Aber Google kommt in diese Online-Medien nicht hinein. Das Finanzklatschblatt Business Insider fragte sogar schon: "Ist Googles Suche in Wahrheit schlecht?"

Wenn Google böse wird, hilft nur Open Source

Die Vorherrschaft der Suchmaschine kann sich schnell ändern. Auf Smartphones machen andere Anbieter wie Yahoo Google viel härtere Konkurrenz als auf Laptops und PCs - und das Mobilgeschäft wird immer wichtiger.

Sollte Google anfangen, seine Marktmacht auf dem Suchmaschinenmarkt zu missbrauchen, hilft dagegen keine Entflechtung. Ein möglicher Ausweg wäre dann, die Google-Algorithmen offenzulegen. Wäre die Suchmaschine Open-Source-Technologie, also von jedem Hobbyprogrammierer auf der Welt einsehbar, könnten die Internetnutzer selbst bestimmen, wie viel die Suchmaschine speichert, wie sie die Daten verarbeitet, wie sie die Ergebnisse sortiert. Das wäre eine Vision, die das digitale Leben der Nutzer besser machen könnte.

Linktipps:

  • Google stellt ein Betriebssystem für Smartphones her, es heißt Android. Auf den ersten Blick dürfen Handyhersteller die Software kostenlos übernehmen. Auf den zweiten Blick versucht Google, in diesem Bereich seine Macht durchzudrücken, wie Ars Technica beschreibt.
  • Am Freitagmittag hat FAZ.net den Gastbeitrag von Gabriel veröffentlicht - dazu hier entlang.
  • Die EU-Kommission strebt eine pragmatische Lösung an, um Googles Macht zu beschneiden: Der Konzern muss in den Suchergebnissen fremde Preisvergleichsseiten und Shops prominenter anzeigen. Mehr dazu hier.

​*Update, 13.15 Uhr: Mittlerweile findet Bing den Text auch, auf bundesregierung.de.